In der Branche nannte man Rupert Stadler nur noch «Teflon-Stadler». Manager der grossen deutschen Autobauer mussten im Zuge der Diesel-Affäre gehen, es kamen neue wie der vormalige VW-Chef Matthias Müller, der inzwischen schon wieder seinen Posten räumen musste. Doch an Stadler prallten alle Vorwürfe ab. Sein Vorgänger bei Audi war Martin Winterkorn, der spätere VW-Chef, der nach Auffliegen des Diesel-Skandals im Herbst 2015 vom Hof gejagt wurde und gegen den die USA derzeit mit Hochdruck ermitteln.

Rupert Stadler, Audi-Chef seit 2007 und als solcher auch Mitglied im VW-Vorstand, hat sie alle überdauert. Die Öffentlichkeit nahm Audi die saubere Rolle ab. Während in Deutschland die Verkaufszahlen für VW Diesel einbrachen, verkauften sich die Audi-Modelle weiterhin bestens. Die VW-Eigentümerfamilien Porsche und Piech legten ihre schützende Hand über den 55-jährigen Audi-Chef.

Abgehörtes Telefongespräch

Nun hat es auch den «Herrn der Ringe», wie ihn der Boulevard in Anspielung auf das Audi-Firmen-Logo nennt, mit voller Wucht getroffen. Seit Montag sitzt Stadler in Untersuchungshaft, als Audi-Chef ist er beurlaubt. Er ist damit der ranghöchste deutsche Manager, der in Folge des Diesel-Skandals von der deutschen Justiz in Untersuchungshaft gesteckt wurde. Inhaftiert wurde der in Ingolstadt lebende Betriebsökonom wegen «Verdunkelungsgefahr», wie es heisst.

Bereits eine Woche zuvor wurde Stadlers Privathaus in Ingolstadt durchsucht. Nun ist die zuständige Münchner Staatsanwaltschaft der Überzeugung, der Audi-Chef habe viel mehr über die Schummel-Software in Diesel-Motoren gewusst und versuche nun, Beweise hierfür verschwinden zu lassen.

Die «Süddeutsche Zeitung» berichtet zudem von einem abgehörten Telefongespräch zwischen Stadler und weiteren Audi-Managern, in dem Stadler offenbar den Gedanken geäussert habe, einen ihm unliebsamen Mitarbeiter, der ihn in der Diesel-Affäre belastet hatte, zu entlassen. Die Strafverfolgungsbehörde könnte dies als versuchte Beeinflussung von Zeugen werten.

Am Mittwoch wollte sich Stadler zum ersten Mal gegenüber der Münchner Staatsanwaltschaft zu den Vorwürfen äussern. Über den Inhalt des Gesagten war bis Redaktionsschluss nichts bekannt.

Die Ermittler haben ihr Visier schon länger auf den Audi-Konzern in Ingolstadt gerichtet. Zehntausende Audi-Fahrzeuge älterer, aber auch moderner Baureihen waren ebenfalls mit einer Schummelsoftware ausgestattet, Zehntausende wurden zur Umrüstung in die Werkstätten zurückgerufen.

«Ich habe meine Leute gefragt»

In den USA war Audi schon früher aufgeflogen, bezahlte mehr als eine Milliarde Dollar Strafe. Bis Mai dieses Jahres ging man in Ingolstadt davon aus, dass maximal 850 000 Fahrzeuge der Marke Audi von den Manipulationen betroffen sind. Dann hiess es plötzlich, dass auch die Modelle A6 und A7 mit V6-Dieselmotoren manipuliert seien – weitere 60 000 Audi-Modelle.

Von alledem will Stadler, wie er beteuert – immerhin seit elf Jahren an der Konzern-Spitze – nie etwas gewusst haben. «Ich habe meine Leute gefragt, ob wir sauber sind», erzählte Stadler einmal. Als diese mit «Ja» geantwortet hätten, habe er sich wieder um die Zukunft der Marke Audi gekümmert.

Dass Audi in der öffentlichen Meinung anders als VW nicht sofort mit dem Diesel-Skandal in Verbindung gebracht wird, ist nicht zuletzt das Verdienst von Rupert Stadler, der den Verdacht stets von seinem Unternehmen weglenkte. Dabei gilt der Audi-Konzern gewissermassen als «Keimzelle des Abgasbetrugs», wie das «Handelsblatt» schreibt. Bei Audi wurde die Schummelsoftware, die später in Millionen Fahrzeugen der Marken VW, Porsche, Audi, Seat und Skoda verwendet wurde, vor Jahren entwickelt.

Wie lange der Audi-Chef in Untersuchungshaft bleiben muss und welche Strafe dem zweifachen Familienvater droht, ist offen.