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Dürfen Unternehmen in der Krise Gewinne ausschütten? Dividenden geraten in Verruf

Mark Branson, Chef der Finanzmarktaufsicht Finma, zieht die Schrauben für die Banken bezüglich Gewinnausschüttung an.

Mark Branson, Chef der Finanzmarktaufsicht Finma, zieht die Schrauben für die Banken bezüglich Gewinnausschüttung an.

Seit zahlreiche Regierungen der Wirtschaft mit Hilfspaketen zur Hilfe heilen, läuft die Diskussion über Dividenden heiss. Zunehmend ins Zentrum der Debatte rücken die Grossbanken.

Das Wirtschaft stockt und die Aussichten verdüstern sich. Noch vor wenigen Wochen rechneten die Ökonomen für das laufende Jahr mit einem Weltwirtschaftswachstum von um die drei Prozent. Jetzt erwarten die meisten ein Minus von etwa einem Prozent. «Die Differenz bedeutet über den Daumen geschätzt, dass die Unternehmensgewinne 2020 im weltweiten Schnitt etwa um 20 Prozent sinken werden», sagt Anastassios Frangulidis, Investmentchef bei der Genfer Privat Bank Pictet. «Es ist deshalb nur ein Gebot der Vorsicht, wenn Firmen bei der Ausschüttung von Dividenden jetzt vorsichtiger werden.».

Die Liste der Unternehmen, die ihre diesjährige Ausschüttung an die Aktionäre kürzen oder gar ganz sistieren wird täglich etwas länger. Die Kioskbetreiberin Valora tat es, die Wäscheherstellerin Calida ebenso. Der Schraubenspezialist Bossard hat in den sauren Apfel gebissen, genauso wie der Maschinenbauer Komax und viele andere mehr. Oft fällt der Dividendenschnitt mit einem Antrag auf Kurzarbeitsentschädigung zusammen. Manche Beobachter sehen das als Zeichen der Solidarität, als eine Art gerecht Form von Opfersymmetrie.

Falsches Signal mit Dividendenverzicht?

Hans Wicki, Verwaltungsratspräsident der Titlis-Bergbahnen, sieht das anders. Seine Aktionäre erhalten diese Woche ihre Dividende überwiesen – rund 6,4 Millionen Franken – gleich viel wie im Vorjahr. Dabei herrscht auch bei Zentralschweizer Bahnbetrieb Kurzarbeit. «Ich sehe da keinen Widerspruch», sagt der Nidwaldner FDP-Nationalrat. «Oder wäre es denn besser gewesen, wenn wir nach dem staatlich verordneten Lockdown unsere Leute entlassen hätten, um Kosten zu sparen? «Mit einem Dividendenverzicht hätten wir ein falsches Signal ausgesandt. Wir haben ausreichend Liquidität und brauchen auch keine Staatshilfe», sagt der Politiker.

Wicki denkt etwa so: Die Kurzarbeitsentschädigung ist ein wirksames Instrument, um die Folgen von konjunkturellen Zyklen zu glätten und damit volkswirtschaftliche Kosten zu vermeiden. Weil dies im beidseitigen Interesse der Sozialpartner ist wird die Arbeitslosenversicherung auch paritätisch durch Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge finanziert. «Wir haben ein gutes Jahr hinter uns und müssen auch in dieser Situation absolut keinen Konkurs befürchten. Warum hätten wir unsere Aktionäre nicht entschädigen sollen?»

Pierre-Yves Maillard, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes sieht die Sache diametral anders: «Wenn eine Firma einerseits massive Dividenden auszahlt und anderseits ein Gesuch für Kurzarbeit einreicht, dann können wir in etwa die Skrupellosigkeit gewisser Kreise abschätzen», sagte er der Gewerkschaftszeitung «work» kürzlich in einem Interview. Die Corona-Krise befeuert zunehmend auch ideologisch motivierte wirtschaftspolitische Grabenkämpfe.

Derweil kommt es beim Thema Dividenden in der Kreditwirtschaft zur direkten Konfrontation zwischen Banken und Behörden. Die Finanzmarktaufsicht kündigte am Dienstag Sanktionen gegen Banken an, die im Zusammenhang mit dem bundesrätlichen Rettungsplan für die Wirtschaft eben erst noch Erleichterungen bei der Eigenmittelunterlegung erhalten hatten und diese nun auch für Dividendenausschüttungen nützen wollen. «Banken, deren Generalversammlungen nach dem 25. März 2020 eine Ausschüttung für das Geschäftsjahr 2019 beschlossen haben oder beschliessen sollen, werden die durch die Erleichterung freigesetzten Eigenmittel im Umfang der vorgenommenen oder geplanten Ausschüttung gekürzt», teilte die Finma in einem kurzen Communiqué mit. Mit Dividendenbeschränkungen für Banken wollen die Aufsichtsbehörden einer nächsten Bankenkrise Vorschub leisten. Entsprechende Ermahnungen, Aufrufe und gar Verbote ergehen derzeit in ganz Europa. Auch die niederländische ING, die Bank des künftigen UBS-Chefs Ralph Hamers hat sich am Montag zu einem Dividendenverzicht durchgerungen.

Autor

Daniel Zulauf

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