Sika

Drei Jahre Machtkampf um Sika: Warum selbst bei gescheiterter Übernahme eine halbe Milliarde winkt

«Sika unterstützt den Eigentümer-Wechsel nicht» Paul Hälg, Präsident des Baustoffeherstellers, am 8. Dezember 2014.

«Sika unterstützt den Eigentümer-Wechsel nicht» Paul Hälg, Präsident des Baustoffeherstellers, am 8. Dezember 2014.

520 Millionen Franken könnte der französische Konzern Saint-Gobain an Profit doch noch machen, selbst wenn ihm die Übernahme der Kontrolle von Sika misslingen sollte. Der Erfolg von Sika könnte die beispiellose Übernahmeschlacht entscheiden.

Freitagabend, 5. Dezember 2014. Paul Hälg, Präsident des Baustoffherstellers Sika, trifft gut gelaunt im Zürcher Hyatt-Hotel ein. Als er es verlässt, beginnen 48 hektische Stunden. Verwaltungsrat und Management sezieren den Deal der Gründerfamilie Burkard mit dem Konzern Saint-Gobain. Montagmorgen tritt Hälg vor die Öffentlichkeit: «Sika unterstützt den Eigentümer-Wechsel nicht», steht hinter ihm.

Drei Jahre später, im Dezember 2017, warten die Streitparteien auf das Urteil des Zuger Obergerichtes. Dieses Jahr wird es nichts mehr, wie gut unterrichtete Kreise berichten. Das Urteil wird nun frühestens im Januar 2018 erwartet. Bereits im Oktober gab es Meldungen, das Urteil werde in den nächsten Tagen veröffentlicht.

Es könnte auch Februar oder März werden, so Experten. Das Obergericht könnte nämlich nach den Feiertagen nochmals über die Bücher gehen. Beide Streitparteien haben angekündigt, bis vor Bundesgericht zu ziehen. Dort wiederum, das wissen sie in Zug, beurteilen sie den Sachverhalt nicht von Grund auf neu. Die Bundesrichter prüfen vor allem, ob die vorhergehenden Instanzen solide geurteilt haben.

Sika 2014 ist nicht Sika 2017

Burkards und Saint-Gobain läuft die Zeit davon. Der Vertrag zwischen ihnen könnte ablaufen – bevor das Bundesgericht-Urteil vorliegt. Bisher hielten beide eisern aneinander fest. Sie verlängerten den Vertrag und hielten die Bedingungen fix, insbesondere den Verkaufspreis. Ende 2018 läuft der Vertrag endgültig aus. Es muss neu verhandelt werden.

Das stellt die Beziehungen auf die Probe. Die Sika von 2017 ist nicht mehr die Sika von 2014. Als Paul Hälg an jenem 5. Dezember ins «Hyatt» tritt, ist Sika ein wenig bekanntes Unternehmen aus Zürich Altstetten. Die Aktie kostete 3886 Franken. Als er am Montag auf der Bühne steht, taucht der Kurs und verliert bis Börsenschluss über 25 Prozent. Danach spricht die ganze Schweiz über Sika. Selbst Bill Gates, reichster Mann der Welt, wird sich einmischen.

Die Sika von 2017 hat einen fast doppelt so hohen Wert. Die Aktie kostete am vergangenen Freitag genau 7525 Franken – eine Steigerung um rund 95 Prozent zu 2014. Dieses Jahr wurde Sika in den erlauchten Kreis der Schweizer Bluechip-Unternehmen aufgenommen. Seit Mai gehört sie zum Swiss Market Index (SMI), zusammen mit UBS, Nestlé oder Novartis.

Diese «tolle Fahrt», wie es Sika-CEO Paul Schuler kürzlich nannte, reflektiert ein Wachstum, wie es die Schweiz selten gesehen hat. In den letzten fünf Jahren eröffnete Sika genau 50 neue Fabriken und 22 neue Ländergesellschaften. Der Umsatz erhöht sich um fast 25 Prozent, 2017 übersteigt er wohl erstmals die 6-Milliarden-Grenze. Pro Umsatzfranken macht Sika heute fast doppelt so viel Reingewinn wie 2014.

Diese Wertvermehrung könnte Burkards und Saint-Gobain auseinanderdividieren. Als sie sich 2014 einigen, bietet Saint-Gobain noch etwa 2,8 Milliarden Franken für das Aktienpaket der Familie. Heute ist dieses gemäss Analystenberechnungen rund 3,27 Milliarden wert, 520 Millionen mehr. Dies selbst dann, wenn die speziellen Stimmrechte der Familie entfallen. Burkards kontrollieren 53 Prozent der Stimmen mit 16 Prozent des Kapitals.

Diese 520 Millionen könnten Neuverhandlungen erschweren, wenn bis dahin kein Bundesgerichts-Urteil vorliegt. Die Burkards stünden um 520 Millionen besser da, wenn der Vertrag ersatzlos ausliefe. Saint-Gobain ginge bis auf eine Absicherungszahlung leer aus. Chef Pierre-André de Chalendar hätte nichts vorzuweisen. Es wäre für de Chalendar eine persönliche Niederlage. Diese Schmach könnte de Chalendar vermeiden, wenn er vor Vertrags-Ablauf das Familienpaket kauft, auch ohne die Kontrolle über Sika zu übernehmen. Der Sika-Verwaltungsrat würde die Stimmen auf 5 Prozent beschränken. De Chalendar könnte einen Buchgewinn von 520 Millionen vorweisen.

Der Analyst Phil Roseberg vom Research-Haus Bernstein glaubt an dieses Szenario. «Sollte das Urteil gegen die Familie ausfallen, so ist es wahrscheinlich, dass Saint-Gobain ihr Vertragsrecht zum Erwerb der Sika-Aktien ausüben wird, selbst ohne die speziellen Stimmrechte.» Andere Analysten rechnen eher mit einem kompletten Rückzug von Saint-Gobain.

Drei Jahre nach jenem Abend im Zürcher Hyatt-Hotel bewegen sich die Fronten nicht. Ein Sprecher von Saint-Gobain sagt: «Wir teilen die Absichten der Familie Burkard.» Es stehe im Interesse beider Parteien, mit der geplanten Transaktion substanziellen industriellen Mehrwert zu schaffen. «Sowohl für die Aktionäre von Sika als auch für diejenigen von Saint-Gobain»

Ein Sprecher der Schenker-Winkler-Holding sagt: «Wir gehen weiterhin davon aus, dass ein Urteil des Bundesgerichts bis Ende 2018 vorliegt.» Finanzielle Überlegungen seien nicht entscheidend. «Grundlage der Verkaufsvereinbarung mit Saint-Gobain ist die Absicht der Familie Burkard, der Schenker-Winkler Holding AG (SWH) einen industriell orientierten Eigentümer zu verschaffen.» Dass Saint- Gobain bloss 16 Prozent der Aktien übernehme, ohne die Stimmenmehrheit, hält der Sprecher für ausgeschlossen. «Es war die Grundlage für den Abschluss des Vertrages, dass Saint- Gobain mit dem Erwerb der SWH auch die Kontrolle von Sika übernimmt.» Die Vertragspartner sähen auch keine Veranlassung, bei einer allfälligen Vertragsverlängerung über 2018 hinaus von dieser Grundlage abzuweichen.

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