Anfangs Woche machte die Meldung die Runde, dass drei der fünf Schweizer Atomkraftwerke (AKW) vorübergehend abgeschaltet werden: Seither sind die AKW Mühleberg im Kanton Bern, Leibstadt im Kanton Aargau und der Reaktorblock 2 des AKW Beznau in Döttingen, ebenfalls im Kanton Aargau, für die Jahresrevisionen und das Auswechseln von Brennelementen vom Netz. Die Arbeiten dauern bis zu vier Wochen.

«Woher kommt jetzt unser Strom?», fragt ein «Nordwestschweiz»-Leser angesichts dieser Tatsache. Und eine Leserin wundert sich: «Schon lustig, da wird uns ständig weisgemacht, dass es ohne AKW nicht geht. Trotzdem kann die Schweiz offenbar auf mehr als 50 Prozent ihrer AKW verzichten, ohne dass einer was davon merkt.»

Wasserkraftwerke produzieren im Sommer am meisten Strom

Die Verwunderung der Stromkonsumenten ist nachvollziehbar. Wer jedoch vom temporären Verzicht auf grosse Teile der Atomenergie darauf schliesst, dass die Schweiz generell ohne AKW auskommt, der täuscht sich. Würden die genannten AKW das ganze Jahr abgeschaltet bleiben, entstünde (Stand heute) eine grosse Stromlücke: 2013 war die Kernenergie über das ganze Jahr gesehen für 36 Prozent der Schweizer Stromversorgung verantwortlich. Die Wasserkraft trug 58 Prozent bei. Die restlichen gut sechs Prozent lieferten Kehrichtverbrennungsanlagen sowie erneuerbare Energien wie Wind, Sonne und Biomasse.

Möglich macht die temporäre Abschaltung einiger AKW, dass die Schweizer Wasserkraftwerke im Sommer am meisten Strom produzieren – und der Stromverbrauch der Schweizer gleichzeitig am tiefsten ist. Die Wasserkraftwerke sind in den Sommermonaten derart produktiv, dass die Schweiz Strom exportieren kann. Selbst jetzt, wenn drei der fünf AKW abgestellt sind. Der «Stromlastfluss der Schweiz» kann auf der Homepage von Swissgrid, der Schweizer Übertragungsnetzbetreiberin, live mitverfolgt werden. Am Mittwoch, 13. August 2014, wies die Schweiz um 11.30 Uhr einen Exportüberschuss von 1135 Megawatt aus.

Im Winter muss Strom importiert werden

Die Wasserkraftwerke profitieren im Sommer von der Schneeschmelze in den Bergen. Im Winter dagegen führen die Flüsse weniger Wasser. Gleichzeitig steigt unser Strombedarf, da beispielsweise mehr Beleuchtung und Warmwasser nötig werden. Mit Speicherseen lassen sich die Tages- und Wochenschwankungen ausgleichen, die saisonalen Schwankungen jedoch nicht. Stand heute sind die heimischen Kraftwerke im Winter deshalb unverzichtbar für die Versorgungssicherheit. Sie decken oft bis zur Hälfte der Inlandproduktion ab.

Doch selbst wenn alle Schweizer AKW im Winter auf Hochtouren laufen, kann die Schweiz ihren Bedarf in der kalten Jahreszeit nicht komplett decken: Strom muss importiert werden. Über das ganze Jahr gesehen gleichen sich die Schweizer Im- und Exporte von Strom praktisch aus. 2013 resultierte ein leichter Exportüberschuss. Aufgrund ihrer zentralen Lage in Europa ist die Schweiz zudem die Stromdrehscheibe für das europäische Netz.