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Dominik Kaiser: «Fernsehen ist immer Voyeurismus»

3+-Chef Dominik Kaiser zu den neuesten Trends im Unterhaltungsfernsehen

3+-Chef Dominik Kaiser zu den neuesten Trends im Unterhaltungsfernsehen

Der 3+-Chef Dominik Kaiser spricht im Interview mit der az über den wirtschaftlichen Erfolg, die Skrupel im Unterhaltungsgeschäft und darüber ob sein Sender zum Verkauf steht.

Herr Kaiser, schlafen Sie noch gut?

Dominik Kaiser: Ja, wieso?

Vor wenigen Wochen ging mit Joiz ein Konkurrent auf Sendung.

Ich nehme Joiz als klassischen Jugend-Nischensender wahr. Sender dieser Art haben um die 0,1 Prozent Marktanteil. Unsere Konkurrenten sind die grossen Sender wie SF 1, SF 2, RTL oder ProSieben.

Aber sie haben ähnliches Publikum.

Wir machen ein sehr breites Programm und schaffen es, Zuschauer vieler Altersgruppen gleichzeitig anzusprechen. Joiz ist eher mit Viva und MTV vergleichbar. Dort werden die Jungen sehr gezielt angepeilt. Ich wünsche Joiz viel Glück. Ich fände es gut, wenn sie es schaffen würden.

Sie starteten vor knapp fünf Jahren mit 3+. Für viele Experten war klar: Das Projekt hat wenig Chancen. Warum sind sie immer noch da?

Wir haben eine völlig andere Strategie als vergleichbare Projekte vor uns. Tele 24 setzte auf News, das halte ich für den schwierigsten Bereich, weil das Schweizer Fernsehen da sehr stark ist. TV 3 versuchte alles gleichzeitig: News, Unterhaltung, Talksendungen, etc. Das kostet unheimlich viel Geld und der Zuschauer ist schlicht überfordert, was er nun von dem Sender erwarten soll. Fernsehen braucht Zeit. Wir achten auf die Kosten, bauen unser Unterhaltungsprogramm Schritt für Schritt aus. Das ist der richtige Weg.

Die Unterhaltung wird oft belächelt. Stört sie das?

(lacht) Was zum Teil als harter Journalismus verkauft wird, ist doch oft auch pure Unterhaltung. Mich erstaunt manchmal, wie unqualifiziert über Unterhaltung geurteilt wird. Bevor wir vor zwei Jahren den Swiss Economic Award gewannen, gab es nach der letzten Präsentation vor der Jury eine Diskussion: Kann man einem Unterhaltungssender diesen Preis verleihen? Ich habe diese Diskussion nicht verstanden. Entertainment ist das drittgrösste Exportprodukt der USA und damit ein entscheidender Wirtschaftsfaktor weltweit.

Zuletzt sorgten Sie mit «Jung, wild und sexy» für Schlagzeilen. Hatten Sie nie Skrupel, Jugendliche im Alkoholrausch zu zeigen?

Ich finde, so wild waren die Jugendlichen in der Sendung gar nicht. Das klang in der Presse deutlich schlimmer, als es eigentlich war. Wir haben beim Casting extra auf extreme Charaktere verzichtet. Auch weil wir die Jugendlichen vor sich selbst schützen wollten und wir der Meinung waren, dass unsere Zuschauer die wirklich extremen Jugendlichen gar nicht sehen wollen.

Aber es ist eine sehr voyeuristische Sendung...

...Fernsehen ist immer Voyeurismus. Auch beim seriösen Journalismus ist das ein wichtiger Teil.

Sie adaptieren viele internationale Formate. Wieso?

In den letzten 20 Jahren hat sich eine Aufgabenteilung entwickelt: Die Produktionsfirmen entwickeln die Formate, der Sender bringt seine Wünsche ein und nimmt Einfluss, dann wird unter Mitwirkung der Sender produziert. Das macht Sinn. Wir sagen: Lieber gute Ideen übernehmen und möglichst schweizerisch umsetzen, als schlechte Sendungen selber entwickeln. Manchmal ist das nicht möglich, dann entwickeln wir selbst.

Was planen Sie Neues?

Wir bereiten gerade sechs Sendungen für den Herbst und Winter vor, die meisten davon gibt es im deutschsprachigen Raum noch nicht. Mehr möchte ich im Moment noch nicht verraten. Es kann gut sein, dass wir davon schlussendlich nicht alle umsetzen, weil wir während der Vorbereitung merken, dass der Cast wenig hergibt oder aus anderen Gründen keine guten Sendungen entstehen würden.

Sie gehen äusserst haushälterisch mit ihren Mitteln um. Woher kommt das?

Die wohl prägendste Erfahrung für mich war eine Party in Zürich, die ich 2005 mitorganisiert habe. Das war eine Riesensache im Kongresshaus, über 60 DJs und Acts, das Beste vom Besten. Wir hatten alles gebucht, was Rang und Namen hat, alle Stars waren da, und wir waren überzeugt, dass das Kongresshaus brechend voll sein wird. Am Schluss konnten wir einen hauchdünnen Gewinn machen. Wir hatten gar nie überlegt, dass es eventuell nicht funktionieren könnte. Wir dachten, dass so viele Stars automatisch zum Supererfolg führen. Das war eine Lektion fürs Leben.

Sie sind im Rennen um den Kauf von Tele Züri. Wäre das nicht genau wie die Party in Zürich - zu ambitioniert?

Ich glaube die Party war ein grösserer Brocken. Ich kann über Tele Züri im Moment nichts sagen. Nur so viel: Wir bleiben weiterhin mit beiden den Füssen fest auf dem Boden.

Sind sie denn wirtschaftlich da, wo Sie vor fünf Jahren beim Start von 3+ hinwollten?

Wir sind im Rahmen unserer Erwartungen. «Bauer, ledig, sucht...» beispielsweise hat viel besser funktioniert, als wir es uns erhofft hatten. Auf der anderen Seite gingen wir vor dem Start davon aus, dass unsere Zuschauer Sendungen mit einem tieferen Produktionsstandard als auf den deutschen Sendern akzeptieren, solange diese in Schweizerdeutsch sind. Das hat nicht funktioniert und wir mussten uns anpassen.

Wenn sie jetzt so erfolgreich sind, wäre das doch ein guter Zeitpunkt, um 3+ zu verkaufen.

Wollen sie mir ein Angebot machen?

Da sind wir wohl zu wenig liquid. Aber Ringier soll interessiert sein.

3+ steht nicht zum Verkauf. Wir sind ein kleines Team, können extrem schnell entscheiden und sehr pragmatisch auf Kunden- und Zuschauerwünsche reagieren. Auch können wir alle Investitionen, die wir als sinnvoll erachten, aus eigenen Mitteln tätigen. Diese Unabhängigkeit macht mir grossen Spass. In einem Konzern hätten wir diese Freiheiten nicht mehr. Mehr Geld würde das Wachstum von 3+ auch nicht beschleunigen. Einer unsere Kleinaktionäre fragt mich jedes Jahr: Was ist der Sender wert? Ich weiss es nicht und will es auch nicht wissen. Der Fokus auf den aktuellen Wert würde das Denken vergiften. Mich interessiert die langfristige Entwicklung.

Der Unternehmer und Zürcher SVP-Nationalratskandidat Thomas Matter besitzt einen Aktienanteil von rund 7 Prozent an 3+. Geraten Sie durch ihn nicht ins Fahrwasser der SVP?

Matter lässt uns in Ruhe arbeiten. Er ist ein erfahrener und erfolgreicher Unternehmer. Ich finde es toll, dass er dabei ist. Was er politisch macht, hat mit seinem Engagement bei uns nichts zu tun. Anders wäre es, wenn wir ein Newssender wären und die Sendungen unausgewogen wären - aber das sind wir nicht.

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