Die sozialen Netzwerke sind voll davon, und auch die italienischen Medien berichten seit Wochen umfangreich über den jüngsten Exodus von Spargeldern aus dem Stiefelland in die Schweiz. «Cresce l’allarme per la fuga di capitali all’estero» – die Alarmzeichen einer Kapitalflucht werden lauter – titelte unlängst die staubtrocken-seriöse Finanzzeitung «ilSole24ore».

Während sich die Regierung immer noch den Kopf darüber zerbreche, wie die privaten Haushalte zu mehr Investitionen in heimische Staatsanleihen motiviert werden könnten, habe die Ausfuhr italienischer Vermögen bereits eingesetzt, zitiert der Bericht «viele Zeugen» aus dem Banken- und Treuhandsektor.

Die Rede sei nicht von grossen Spekulanten wie George Soros, die mit Riesenbeträgen Wetten auf den Finanzmärkten eingehen, vielmehr gehe es um die «gewöhnlichen Leute». «Sie handeln ganz einfach, weil sie besorgt sind – zu Recht oder zu Unrecht.»

Mittels tiefer Zinsen auf Vorrat refinanziert

Zum Umfang der Bewegung gibt es keine Statistiken, und von den grösseren Banken in Lugano sind auf offiziellem Weg keine Informationen zu erhalten. Der «Corriere del Ticino» liess sich den Trend hinter vorgehaltener Hand aber von lokalen Bankmitarbeitern bestätigen. Die Angst gehe um, die italienische Regierung könnte sich bei den einfachen Sparern bedienen, wenn die Finanzierung des Staatsdefizits unter der Last weiter steigender Zinsen zu schwer werden sollte.

Zurzeit muss der italienische Staat eine zehnjährige Schuld zu rund 3,4 Prozent verzinsen. Deutschland zahlt dafür lediglich knapp 0,4 Prozent. Die Differenz von drei Prozentpunkten wird im Jargon «Spread» genannt – ein Wort, das in Italien bald jedem Kind geläufig ist. Der «Spread» ist eine Art Fieberkurve, je höher er ist, desto grösser sind die Befürchtungen des Marktes über die Zahlungsfähigkeit des Landes.

Bis zur Parlamentswahl Anfang März, die zur Bildung der Koalitionsregierung aus den beiden Protestbewegungen Lega Nord und Cinque Stelle führte, bewegte sich der Spread bei etwas über einem Prozentpunkt. Die Verdreifachung des Zinsaufschlages, der im Zug des Budgetstreits zwischen Rom und Brüssel Mitte Oktober den Höhepunkt erreichte, gibt den Befindlichkeiten der Investoren Ausdruck. «Investoren und Ratingagenturen waren davon ausgegangen, dass das öffentliche Defizit im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung des Landes weiter zurückgegangen ist.

Nach den aktuellen Haushaltsplänen der Regierung würde der Verschuldungsgrad aber stabil bleiben», erklärt UBS-Ökonom Matteo Ramenghi in Mailand. «Diese Differenz führte zu einer heftigen Reaktion am Markt und trieb den Zinsaufschlag in die Höhe.» Mit den höheren Zinsen steigen für den Staat die Kosten zur Refinanzierung der Staatsschuld von 2300 Milliarden Euro. «Einige befürchten, dass die Regierung versucht sein könnte, zusätzliche Ausgaben durch Ersparnisse der Haushalte zu decken. Diese sind etwa viermal so hoch wie die gesamte Staatsverschuldung», sagt Ramenghi.

Doch derartige Befürchtungen erscheinen wenigstens im aktuellen Zeitpunkt überzogen. Italien hat sich in den vergangenen Jahren zu sehr tiefen Zinsen quasi auf Vorrat refinanziert und die durchschnittliche Laufzeit der Schulden auf sieben Jahre ausgedehnt. Das Land ist also gut auf einen Zinsschock vorbereitet.

Eidgenossen werden als Profiteure gesehen

Diese Gewissheit vermag die Angst der italienischen Sparer aber offenbar nicht zu verjagen. Und es ist auch kaum die Furcht vor einer neuen Vermögenssteuer, die das Geld ins Ausland treibt. Seit es den automatischen Informationsaustausch gibt, weiss der italienische Fiskus, wo und wie viel Vermögen Steuerpflichtige in der Schweiz und in anderen Ländern besitzen. «Bei uns gibt es keine undeklarierten italienischen Gelder mehr», sagt Franco Citterio, Direktor der Tessiner Bankiervereinigung.

Dass das Interesse an einem Konto in der Schweiz dennoch wieder zunimmt, bestätigt aber auch er. Es gehe mehr um ein generelles Sicherheitsbedürfnis in einem aktuell unsicheren Umfeld, erklärt er. Eine Rolle spielten möglicherweise Befürchtungen um die Stabilität des italienischen Bankensystems, meint er. Die Kapitalausstattung und die Profitabilität vieler italienischer Banken sind mager, und auf ihren Bilanzen liegen haufenweise notleidende Kredite.

Sollten die steigenden Zinsen das noch schwache Wirtschaftswachstum im Land abwürgen, was nach den jüngsten Daten zum dritten Quartal tatsächlich befürchtet werden muss, würde dies die Lage der Banken verschlimmern. Von grossen Wörtern wie «Kapitalflucht» nimmt Citterio aber deutlich Abstand. «Das Ganze ist auch ein mediales Phänomen, das ein Klima der Angst erzeugt.» Im Tessin ist man gewohnt, in Krisenzeiten die Rolle des Puffers für den grossen Nachbarn zu spielen. «Es ist eine ewige Hassliebe», sagt Citterio.

Zuletzt sah man die Eidgenossen im Belpaese oft als Profiteure und Krisengewinnler und dachte dabei an den Finanzplatz mit seinen Banken, die während vieler Jahr italienischen Steuerflüchtlingen Unterschlupf gewährt hatten.

Umgekehrt hat Italien in der Schweiz wirtschaftspolitisch einen notorisch schlechten Ruf. In den 1960er- und 1970er-Jahren waren es die Abwertungswettläufe der Lira, mit denen Italien im internationalen Wettbewerb den Schweizern mit ihrem starken Franken regelmässig die lange Nase machte. Jetzt ist also die Budgetpolitik der neuen Regierung, die Franken wieder in die Höhe treibt und bei vielen hiesigen Unternehmern für Unmut sorgt.