Digitalisierung
«Die Schweiz befindet sich im Steinzeitalter»: Roche-Chef Severin Schwan kritisiert das Land scharf

Die Schweiz habe einen grossen Rückstand, was die Digitalisierung des Gesundheitswesens anbelange. Es sei nun höchste Zeit, dass das Land nun aufhole. Das Unternehmen konnte den Gewinn im vergangenen Jahr nicht zuletzt dank seiner Coronatests steigern.

Andreas Möckli
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Ab und an nimmt er kein Blatt vor den Mund: Roche-Chef Severin Schwan kritisiert die Schweiz.

Ab und an nimmt er kein Blatt vor den Mund: Roche-Chef Severin Schwan kritisiert die Schweiz.

Sandra Ardizzone / WIR

Roche-Chef Severin packt den Zweihänder aus. Der 53-Jährige kritisiert die Schweiz scharf: «In Sachen Digitalisierung des Gesundheitswesens befindet sich die Schweiz im Steinzeitalter.» Es sei höchste Zeit, dass das Land nun aufhole. Schwan spricht von einem Weckruf. Er und andere hätten die Schweiz diesbezüglich schon seit Jahren kritisiert. Nun sei es während der Coronakrise noch viel klarer geworden.

Andere Länder seien viel weiter, sagte Schwan anlässlich der virtuellen Jahresmedienkonferenz von Roche. Wenn es eine Lehre für die Schweiz aus der Pandemie gebe, dann die mangelnde Digitalisierung des Gesundheitswesens. Der Rückstand lasse sich aber nicht über Nacht beseitigen.

Bereits in einem Interview mit CH Media im Jahr 2019 kritisierte Schwan die Schweiz: «Es fängt damit an, dass Patientendaten in der Schweiz oft nur auf Papier festgehalten und noch nicht digitalisiert sind.» Es gebe keine einheitlichen Standards. So könnten die Daten nicht verarbeitet werden. «Die Schweiz hat hier eindeutig Nachholbedarf, was sich etwa am elektronischen Patientendossier zeigt», sagte Schwan. Viele andere Länder hätten dies längst eingeführt, hier fange dies erst jetzt zögerlich an.

Diagnostiksparte legt dank Coronatests markant zu

Die Pandemie beschäftigt Roche auch selber stark. Das Unternehmen hat viel Geld und Ressourcen investiert, um verschiedene Coronatests herzustellen. Das hat sich nun ausbezahlt. Die Diagnostiksparte wuchs um 6 Prozent auf 13,8 Milliarden Franken. Werden die Währungseffekte des starken Frankens herausgerechnet, betrug das Wachstum gar 14 Prozent. Das Geschäft mit der Molekular-Diagnostik, wo die Tests angesiedelt sind, wuchs um 78 Prozent.

Der Pharmakonzern investierte rund 600 Millionen Franken, um die Produktionskapazitäten hochzufahren. Dafür stellte das Unternehmen rund 1200 neue Mitarbeiter an. Die Herausforderung: Roche musste gleichzeitig Verbrauchsmaterialien, Reagenzien und Rohmaterialien anschaffen. Diese waren aufgrund der Pandemie sehr gefragt.

Kapazitäten werden weiter hochgefahren

Die Mitarbeiter arbeiten nun fast pausenlos, um genügend Tests herzustellen. Einzig Weihnachten sei ein Freitag gewesen, sonst werde rund um die Uhr gearbeitet, sagt Diagnostik-Chef Thomas Schinecker. Roche habe die Produktion im Rekordtempo hochgefahren.

So will das Unternehmen im ersten Quartal rund 40 Millionen PCR-Tests pro Monat herstellen. Im Sommer sollen es dann gar 70 Millionen sein. Bei den Antigen-Schnelltests ist das Ziel 100 Millionen pro Monat, derzeit sei man rund bei der Hälfte, sagt Schinecker. Nun will Roche in den US-Markt vorstossen, womit die Nachfrage nochmals deutlich steigen dürfte.

Was wird aus den Kapazitäten, wenn die Pandemie abklingen wird? Schinecker rechnet damit, dass die Nachfrage nach Tests mindestens in der ersten Jahreshälfte hoch bleiben werde, vermutlich auch noch im dritten Quartal. Danach sei die Entwicklung schwierig abzuschätzen. Er erinnerte jedoch daran, dass viele Länder ausserhalb Nordamerika und Europa ihre Bevölkerung nicht so rasch durchimpfen würden. Eine gewisse Nachfrage bleibe.

Der derzeitige Nasenabstrich für den Coronatest ist für viele sehr unangenehm. Nun will Roche Abhilfe schaffen.

Der derzeitige Nasenabstrich für den Coronatest ist für viele sehr unangenehm. Nun will Roche Abhilfe schaffen.

Sandra Ardizzone / AGR

Stolz ist Roche auf den neuen Coronatest, den möglicherweise auch Privatpersonen zu Hause selber durchführen können. Gespräche mit den Behörden in verschiedenen Ländern würden derzeit geführt, sagte Schinecker. Im Unterschied zum herkömmlichen, unangenehmen Test reicht ein Abstrich im vorderen Nasenbereich. Allerdings ist die Genauigkeit nicht mehr ganz so gross. Ein PCR-Test, der mit einem Speichelabstrich gemacht wird, hat Roche verworfen. Dieser sei nochmals ungenauer als der Abstrich im vorderen Nasenbereich, sagte Roche-Chef Severin Schwan.

Roche in Zahlen

in Milliarden Franken
2020 2019 Veränd. in %
Umsatz60.363.8–5
- Pharma44.548.5–8
- Diagnostik13.813.06
Betriebsgewinn18.517.66
- Marge (in %)30.727.5
Reingewinn15.114.17
Mitarbeiter101’46597’7354
Dividende in Franken9.1091

Die vorgelegten Jahreszahlen sind derweil nicht berauschend. Der Umsatz des Konzerns sank um 5 Prozent auf 58,3 Milliarden Franken. Besonders spürte das Unternehmen die Konkurrenz durch Kopien seiner älteren Krebsmedikamente. Deren Patentschutz lief in den letzten Jahren aus. Dies allein verursachte eine Einbusse von rund 5,7 Milliarden Franken. Auch die Coronapandemie wirkte sich auf das Pharmageschäft aus. Die Krise traf vor allem Arzneimittel, für die Besuche bei Ärzten oder Spitälern nötig sind, etwa für Infusionen von Medikamenten. Dieses verursachte eine Einbusse von rund 2 Milliarden Franken.

Kosten massiv gesenkt, Mitarbeiterzahl steigt dennoch

Dennoch kletterte der Betriebsgewinn um 6 Prozent auf 18,5 Milliarden Franken. Roche sparte massiv bei den Produktionskosten und den Ausgaben für Marketing und Verkäufe. Allein bei diesen beiden Posten reduzierte die Firma die Kosten um 3,5 Milliarden Franken. Dies werde so weitergeführt, sagte Schwan. Der Pharmakonzern wolle vor allem Geld in die Forschung und Entwicklung investieren.

Der Personalbestand stieg sowohl weltweit als auch in der Schweiz jeweils um 4 Prozent. In Basel und Kaiseraugst AG beschäftigt Roche knapp 11'300 Mitarbeiter, in Rotkreuz sind es gut 2700. In der Innerschweiz ist die Leitung des Diagnostikgeschäfts angesiedelt und Teile der Produktion. Gesamthaft arbeiten in der Schweiz rund 14'400 Angestellte für Roche.

Severin Schwan erhält 14,6 Millionen Franken

Stützt man sich auf den Geschäftsbericht, so hat Roche-Chef Severin Schwan für das vergangene Jahr rund 11 Millionen Franken erhalten. Doch Roche weist die Werte der zugeteilten Aktienpakete für ihre Topmanager lediglich anhand des Steuerwerts aus. Auf Anfrage hat die Anlagestiftung Ethos die Wert basierend auf dem Marktwert berechnet, so, wie das die meisten anderen grossen Schweizer Firmen tun. Demnach erhielt Schwan 14,6 Millionen Franken. Laut Ethos sind dies 3 Prozent weniger als im Vorjahr. Gemäss den Zahlen von Roche hat Schwan eine halbe Million Franken oder 4 Prozent weniger verdient.

Ethos-Direktor Vincent Kaufmann weist darauf hin, dass der Grundlohn von Schwan um 0,5 auf 3,5 Millionen Franken gesunken ist. Laut Geschäftsbericht begründet er seinen Teilverzicht mit den ökonomischen Auswirkungen der Coronakrise. Dies sei jedoch der einzige Teil seiner Vergütung, der sich verringert habe. Die Boni blieben konstant.

Roche-Präsident Christoph Franz erhielt gemäss den Berechnungen von Ethos rund 5,7 Millionen Franken. Roche dagegen weist eine Vergütung von 5 Millionen aus. Franz erhielt wie vereinbart geringere Pensionskassenbeiträge im Umfang von einer halben Million Franken. Im Gegenzug erhöhte sich sein Aktienbonus um den gleichen Betrag. Schwan und Franz dürften auch dieses Jahr wieder an der Spitze der höchstbezahlten Topmanager stehen. (mka)

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