Abgas

Diesel-Skandal: Warum die deutsche Autoindustrie ihrem Land einen Bärendienst erweist

Made in Trickserland: Der gute Ruf der deutschen Industrie könnte wegen des unrühmlichen Verhaltens der Autohersteller massiv leiden. Diese muss nun ihre Arroganz der Macht abstreifen.

13 Millionen Deutsche können nicht irren. So viele fahren Diesel, wegen des relativ geringen Verbrauchs und der niedrigen Kohlendioxid-Werte. Aber sie wurden genarrt. Und nicht nur sie. Ganz Deutschland ärgert sich über die brisante Mischung aus Diesel-Abgasskandal und Kartellvorwürfen. Die Käufer der Dieselautos gingen Herstellern auf den Leim, deren Manager gerne dem Motto «Grosse Autos, grosses Ego, grosses Mundwerk» huldigen. Jetzt werden scharfe Äxte geschwungen. Regierungsvertreter erscheinen als willfährige Erfüllungsgehilfen der Automobilindustrie, die Branche als heimliche Herrscherin des Landes, die Autokäufer als Opfer auf der Schlachtbank von Profitinteressen. Das dient zwar alles nicht der Sache, ist aber Wasser auf die Mühlen der notorischen Auto-Gegner und bringt Schwung in den laufenden Bundestagswahlkampf.

Regierung unter Druck

Man vergisst das schnell: Bislang hat durch die Schummeleien der Auto-Bosse niemand direkt Schaden genommen, wie dies etwa bei versagenden Bremsen oder explodierenden Benzintanks geschieht. Doch die Stimmung ist gereizt. Vor allem die Regierungsparteien CDU und CSU mit ihrem Verkehrsminister Alexander Dobrindt stehen unter Druck.

Ein Diesel-Gipfel am Mittwoch sollte die Verhältnisse geradebiegen. Im Mittelpunkt der gefassten Beschlüsse stehen ein Software-Update für niedrigere Stickoxid-Ausstösse und Kaufanreize der Hersteller für neue Fahrzeuge. Damit sind zumindest erste Pflöcke eingeschlagen. Zweifelhaft bleibt, ob das die Gefahren für den Ruf des «Made in Germany» beseitigt. Wenn es ganz schlecht läuft, könnte die Herkunftsbezeichnung, Ende des 19. Jahrhunderts von den Briten eigentlich als Schutz vor angeblich minderwertigen Importgütern eingeführt, ihre Stellung als herausragendes Gütesiegel verlieren. Denn die deutsche Industrie, das sind erstens Autos, zweitens Autos und drittens Autos inklusive mächtiger Zulieferer wie Bosch, Continental und ZF in Friedrichshafen. «Deutsche Ingenieure, deutsche Autos, deutscher Wohlstand: Dieser Dreiklang gehörte zusammen», schrieb kürzlich die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung».

Fast 830'000 Arbeitsplätze bietet die Branche einschliesslich Zulieferern. Im Blue-Chip-Börsenindex Dax 30 bilden BMW, Continental, Daimler und Volkswagen mit Audi und Porsche das wichtigste Bollwerk. Insbesondere die Luxus-Hersteller BMW, Daimler mit der Marke Mercedes sowie Audi und Porsche von VW sind Botschafter des gesamten Landes im Ausland. Zugleich exportierten sie ihr Know-how zu ihren Tochtergesellschaften, Volkswagen zu Škoda in Tschechien sowie Seat in Spanien, BMW zum Mini in Grossbritannien. Daneben prägen sie in Deutschland ganze Regionen. Bayern ist weitgehend Audi- und BMW-Territorium, Baden-Württemberg Mercedes-Land. Betriebsangehörige kauften gerne ihre Marke, war doch der Wiederverkaufswert der Autos so hoch, dass dieser locker das nächste Gefährt mit seinem Werksrabatt finanzierte. In Deutschland können nur der Maschinenbau und die chemisch-pharmazeutische Industrie dem Fahrzeugbau das Wasser reichen – wenngleich mit klarem Abstand zu dessen Jahresumsatz von mehr als 400 Milliarden Euro. Und deren Produkte gehen meist in die Weiterverarbeitung, etwa diejenigen von BASF, oder dienen, wie die Gase und Anlagen von Linde, der Industrie. Auch andere Konzerne sind für die Endkunden wenig greifbar, etwa die Versicherungen von Allianz und Munich Re oder die Software von SAP. Bei Autos haben die Verbraucher dagegen etwas Sichtbares in der Hand, bei dem sie zudem – ob echt oder gespielt – mit technischem Wissen, Design-Feeling oder schlicht mit ihrem Wohlstand prahlen können.

Arroganz der Macht

Kein Wunder, versuchen die Auto-Manager, von diesem Glanz zu zehren. Frankfurt am Main ist Gastgeber vieler internationaler Messen, von der Sanitätsmesse, im Volksmund «Interklo» genannt, bis zur Buchmesse. Doch nirgendwo sonst trumpft eine Branche so auf wie auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA). Natürlich dürfen die ausländischen Hersteller nicht fehlen, aber in erster Linie ist die IAA eine Heerschau der Götter in Chrom aus Deutschland. Mit freundlicher Unterstützung ihres mächtigen Lobby-Verbandes VDA hoben so einige der Auto-Bosse immer mehr ab. Unvergessen ist, wie Daimler-Chef Jürgen Schrempp und Bob Eaton von Chrysler im Mai 1998 grosspurig die «Hochzeit im Himmel» der beiden Hersteller verkündeten. Auch sonst machten die Auto-Grössen von sich reden. Der ehemalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking trat immer wieder wie ein Duodez-Fürst auf, und der geschasste VW-Lenker Martin Winterkorn strafte mit seinen ausufernden Gehaltspaketen den Tonfall des schwäbelnden Kleinunternehmers Lügen. Volkswagen-Patriarch Ferdinand Piëch verband persönliche Zurückhaltung mit einem übertriebenen Machtanspruch.

Über die Unterstützung in der Politik konnte sich die «systemrelevante» Vorzeigeindustrie nicht beklagen. In Gerhard Schröder hatte sie sogar einen veritablen «Autokanzler». Schröders Heimatbasis Niedersachsen ist Grossaktionärin bei Volkswagen, und für alle Hersteller der beschäftigungsintensiven Industrie gilt, dass die mächtige Gewerkschaft IG Metall untrennbar zu diesem System gehört. Eine gewisse Nähe zwischen Politik und der Auto-Lobby erscheint notwendig angesichts der Bedeutung dieser Branche für die deutsche Wirtschaft. Würde sie nachhaltig leiden, träfe das auch die bedeutende Zuliefererindustrie hierzulande wie Georg Fischer, Autoneum und Ems-Chemie. Aber Partnerschaft darf nicht zur Kungelei werden. Offene Türen ja, freihändige Subventionen dahinter nein.

Die Tüftler als Trickser: Das wäre der industrielle GAU für Deutschland. In der Schweiz haben sich die Banken von ihrer Schwarzgeld-Vergangenheit verabschieden müssen. Inzwischen ist der Blick frei für neue Geschäftsfelder. In ähnlicher Weise kommt in Deutschland die Autobranche nicht umhin, ihre Arroganz der Macht abzulegen – je schneller, desto besser. In diesem Fall eröffnet sich die Chance, dem «Made in Germany» unter den Vorzeichen wirklich sauberer Diesel und der E- und Hybrid-Mobilität wieder zu altem Glanz zu verhelfen.

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