Frau Owens Thomsen, Ihre Studie zur Ökonomie der Flüchtlinge hat die Fachwelt aufhorchen lassen. Was hat Sie dazu angetrieben?

Marie Owens Thomsen: Der Antrieb war ganz einfach. Unsere Klienten, dazu gehören sehr Vermögende aus Asien und dem Nahen Osten, fragten uns: Könnt Ihr uns erklären, was in Europa los ist? Sollen wir unser Geld aus Europa abziehen angesichts der Flüchtlingskrise?

Was haben Sie ihnen geantwortet?

Nun, wir haben ganz klar gesagt: Nein. Europa kann sich das Flüchtlingsproblem leisten. Ja, die Welt kann es sich leisten. Schätzungen gehen davon aus, dass es für die Bewältigung der Flüchtlingskrise einen Finanzbedarf von 32 Milliarden Dollar braucht. Das ist im Vergleich zu den 700 Milliarden Dollar, die alleine die Rettung der US-Banken gekostet hat, nicht viel. Und hier geht es um Menschenleben!

Sie sagen, dass Europa, ja auch der Schweiz, die Flüchtlingsbewegung nützt.

Mir ist klar, dass meine Aussagen provozieren. Aber es ist so: Alle historische Erfahrungen zeigen, dass Länder mit einem offenen Umgang mit Immigranten schneller wachsen als solche, die sich abschotten. Es ist also auch ein Gebot der ökonomischen Vernunft. Schauen Sie die USA an: Dort gilt die asiatische Bevölkerungsgruppe als die ambitionierteste. Man überlegt sich sogar Restriktionen bei den Eliteuniversitäten, zum Schutz der weissen Amerikaner. Nachkommen von Immigranten dominieren das Silicon Valley. Oder schauen Sie nach Grossbritannien: Schicken Sie die ehemaligen Einwanderer aus Bangladesch weg, würde das Land den Bevölkerungsteil verlieren, der die besten akademischen Leistungen erbringt. Übrigens: Auch die Schweiz mit dem hohen Anteil an Ausländern ist ja nicht schlecht unterwegs.

Das ist schön und gut. Sie haben die Kosten nicht berücksichtigt, die auf die Sozialsysteme zukommen.

Doch. Und ich bin der Meinung, dass die Kosten aufgewogen werden können. Nicht kurzfristig, sondern langfristig. Deshalb plädiere ich für eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt. So können die Kosten gesenkt werden. Im Übrigen: Eine Studie der Weltbank zeigt, dass Immigranten nicht weniger Steuern bezahlen als Einheimische. Im Gegenteil: Die gleiche Studie kommt zum Schluss, dass die Migranten den 13 untersuchten EU-Ländern unter dem Strich mehr bringen. Kommt hinzu, dass Migranten durchschnittlich eine höhere Ausbildung geniessen werden. Zu den Kosten: In Deutschland schätzt man, dass ein Flüchtling rund 120 00 Euro kostet pro Jahr. Die deutsche Regierung kommt aber auch zum Schluss, dass die Flüchtlinge ein Wirtschaftswachstum im 2015 von 0,6 Prozent bewirken. In der Eurozone könnte die Wirtschaft in diesem Jahr wegen der Einwanderung um 0,2 Prozent stärker wachsen.

Es tönt ja alles sehr einfach. Doch die Bevölkerung hat schon jetzt Mühe: Die Angst vor einer Zunahme der Flüchtlinge treibt viele in die Arme der Rechtspopulisten.

Natürlich bin ich nicht naiv und kenne die Probleme, die die Menschen haben in den europäischen Ländern. Und ich weiss auch, dass ausgerechnet die Länder, die stärker betroffen sind von der Flüchtlingskrise, wie Griechenland, stärker leiden. Die Migrationswelle, die wir heute erleben, ist auch ganz anders, auch was die kulturellen Werte betrifft, als die vorhergehenden. Es sind ja vor allem Moslems, die zu uns kommen. Aber die Zahl der Flüchtlinge, die wir hier in Europa zu bewältigen haben, ist nichts im Vergleich zu den Flüchtlingen, die die Nachbarländer von Syrien, Jordanien oder die Türkei, aufgenommen haben. Rund 4,2 Millionen syrische Flüchtlinge sind laut Schätzungen des UNHCR im Ausland unterwegs, 2014 registrierte die EU 626 000 Asylsuchende. Ich plädiere eher für mutige Politiker und Politikerinnen, wie es Angela Merkel ja etwa ist.

Kommen wir noch einmal auf die Frage zurück: Wieso soll Immigration einer Volkswirtschaft nützen?

Geht man davon aus, dass die EU eine überalterte Bevölkerung hat. Geht man auch davon aus, dass sie diese mit Immigranten ergänzen könnte. Dann hätte die EU in den nächsten 45 Jahren jährlich eine Aufnahmekapazität für Immigranten von 8,9 Millionen Menschen. Natürlich ist mir klar, dass so ein Bevölkerungswachstum von heute 508 auf gut 900 Millionen Menschen resultierte. Es ist zwar teilweise eine Fantasie, dass Immigration die demografischen Probleme Europas lösen könnte. Doch zusammen mit anderen Massnahmen, muss meiner Meinung nach die Immigration ein zentraler Teil der Wirtschaftsstrategie eines Landes werden, das den heutigen Lebensstandard erhalten oder verbessern möchte. Und dazu gehört auch, dass man die Immigranten und ihre Kinder möglichst rasch beschäftigt und gut ausbildet.