Die Techniker der Firma LCA Automation aus Küssnacht am Rigi SZ können in die Zukunft schauen. Zumindest in die der eigenen Maschinen. Egal, ob diese in China, Russland oder Mexiko stehen: Per E-Mail oder Push-Mitteilung werden sie benachrichtigt, wenn ein Ausfall droht.

LCA hat eine Software zur Fern-Überwachung ihrer Maschinen entwickelt. Diese ermöglicht, die Restlebensdauer von Schlüsselkomponenten vorherzusagen. Anders gesagt: Der Betrieb von Christoph Rennhard weiss, wann und warum eine Maschine kaputt geht, bevor sie kaputt geht – und kann entsprechend eingreifen. Industrie 4.0 in seiner Reinform.

Christoph Rennhard setzt aus Überzeugung auf Industrie 4.0 — Kunden und Kollegen zu überzeugen, ist nicht immer leicht: «Es braucht den Willen, einen langen Atem – und den Kopf, der sich zutraut, solche Systeme umzusetzen.»

Christoph Rennhard setzt aus Überzeugung auf Industrie 4.0 — Kunden und Kollegen zu überzeugen, ist nicht immer leicht: «Es braucht den Willen, einen langen Atem – und den Kopf, der sich zutraut, solche Systeme umzusetzen.»

In der Praxis sieht das so aus: LCA verkauft eine Maschine, die meisten gehen in die Europäische Union, nach China, Mexiko und Russland. Von der Schweiz aus kann nicht nur per Fernwartung auf die Maschinen zugegriffen, sondern neu auch die Sensoren und die Signale der Maschine ausgelesen werden. Die Daten werden mittels Algorithmen ausgewertet und die Ergebnisse an die zuständigen Stellen in der Geschäftsleitung oder im Service geleitet.

«Alles frei verfügbar»

«So werden nicht nur Produktionskennzahlen ermittelt, sondern ganz im Sinne von Industrie 4.0 auch die Restlebensdauer und die Verfügbarkeit – alles frei kombinierbar», sagt Firmenchef Rennhard. Das Ergebnis erscheint grafisch individuell aufbereitet auf dem Smartphone des jeweiligen Mitarbeiters. So wird der Techniker über bevorstehende Reparaturen unterrichtet und der Geschäftsführer kann zum Beispiel Quervergleiche zwischen einzelnen Werken in unterschiedlichen Ländern anstellen.

Ferngesteuerter Techniker

Sollte ein Eingriff vor Ort notwendig sein, setzt sich ein Techniker der Firma, die die LCA-Maschine im Einsatz hat, einen eigens entwickelten Helm mit Kamera auf und führt die Reparatur durch. Die Kamera liest QR-Codes auf der Anlage. «Durch das schiere Betrachten des Moduls», sagt Rennhard, «erhält der Techniker Informationen über das Produkt.» Dafür braucht es eine spezielle Kamera. Zusätzlich bekommt er über den Internet-Telefondienst Skype Anweisungen von den LCA-Mitarbeitern – entweder aus der Zentrale in der Schweiz oder der jeweiligen Niederlassung in Schanghai oder in Mexiko.

Ganz reibungslos geht das Ganze jedoch noch nicht vonstatten. Als Rennhard eine Maschine mit Industrie-4.0-tauglicher Steuerung nach Russland verkaufen wollte, spürte er zunächst Gegenwind. «Die Entscheidungsträger waren typischerweise aus der Generation des Kalten Krieges, also nicht allzu bewandert im Umgang mit den neuen Medien und zusätzlich noch durch eine gewisse Amerikanophobie geprägt.»

Schiebewelle - Blick in die Firma LCA.

Schiebewelle - Blick in die Firma LCA.

Kein leichtes Umfeld für den Einsatz von iPhones am Arbeitsplatz. In den letzten Jahren sei allerdings eine junge Generation herangewachsen, die auch in Russland die neuen Technologien einsetzt. «Die Entscheidungsträger wollten uns weismachen, dass diese neue Technik für den Einsatz in Russland völlig ungeeignet sei. Die neue Generation, die selbst Smartphones besitzt, hatte jedoch keinerlei Berührungsängste.» So habe man die Industrie-4.0-Technik schliesslich durchsetzen können – auch wenn das Management bis heute nicht ganz verstehe, was da passiert.

Doch nicht so prekär?

So schlimm ist die Situation hierzulande sicher nicht, die Hürden für Industrie 4.0 liegen tiefer. Und doch hätten gerade kleinere Anbieter auch in der Schweiz mit Problemen zu kämpfen: «Die Prozesskenndaten von grossen Konzernen, die wir zur präventiven Wartung sammeln, dürfen wir aus Datenschutzgründen in keiner Cloud speichern», sagt Rennhard. Das erschwere den Prozess. «Wir wurden mehrfach in der Umsetzung dieser Industrie-4.0-Themen durch Konzernrichtlinien behindert.»

Vorteil durch Kundennähe

Überzeugt ist Rennhard dennoch von den neuen Möglichkeiten. Was ihm Industrie 4.0 bringt? «Vor allem Kundennähe», sagt der LCA-Chef. «Wir sind immer im Kontakt mit dem Kunden, um den Erfolg der Anlage zu beurteilen.» Der Mehrwert sei schwer quantifizierbar, doch es sei klar: «Der ständige Kontakt ist für uns ein Vorteil.» So erfahre man zum Beispiel früh von neuen Ausschreibungen und könne sich gezielt darauf einstellen. «Durch den Dialog mit dem Kunden können Unsicherheiten, die Geld und Zeit kosten können, verringert werden.» Um Industrie 4.0 in der Schweiz voranzutreiben, sei jetzt Mut gefragt: «Es braucht den Willen, einen langen Atem – und den Kopf, der sich zutraut, solche Systeme umzusetzen.»