Pharmaindustrie
Diese beiden Schweizer Firmen sind die Besten ihres Fachs – aber: Verbundenheit mit der Heimat sieht anders aus

Novartis fühlt sich in Basel zunehmend falsch verstanden, moniert sogar fehlende Anerkennung. Und auch Konkurrent Roche ist zuletzt nicht nur positiv aufgefallen.

Andreas Möckli
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Der Pharmakonzern Roche markiert mit seinen Bürotürmen grosse Präsenz in Basel.

Der Pharmakonzern Roche markiert mit seinen Bürotürmen grosse Präsenz in Basel.

Keystone

Still und leise haben sie die Nummer eins überholt. Seit dem vergangenen Jahr führen Roche und Novartis die Rangliste der weltgrössten Pharmakonzerne an. Zumindest gilt diese Aussage für die Umsätze mit rezeptpflichtigen Medikamenten. Die beiden Basler Unternehmen haben damit Pfizer von der Spitze verdrängt. Die Amerikaner, die derzeit dank ihrem Corona-Impfstoff viel Beachtung finden, müssen mit Platz drei Vorlieb nehmen.

Zusammen beschäftigen Roche und Novartis in der Schweiz rund 26'000 Mitarbeiter und steuern damit einen bedeutenden Beitrag zu den Exporten der Schweiz bei. Obwohl diese Fakten sattsam bekannt sind, vermissen die Firmen irgendwo die Anerkennung für diese Leistung. Dieser Umstand ist bei Roche weniger stark ausgeprägt als beim Konkurrenten Novartis. Letzterer fühlt sich zunehmend auch in Basel missverstanden.

Die Region müsse doch dankbar sein, dass sich hier die beiden weltgrössten Pharmakonzerne auf einer Fläche von 37 Quadratkilometern vereinen. Schliesslich könne der Hauptsitz von Novartis ja überall auf der Welt sein, etwa in Boston oder Shanghai, so die Meinung auf dem Campus in Basel. Stattdessen werde Novartis ständig vorgehalten, man habe sich im Gegensatz zu Roche von Basel entfernt und investiere nicht mehr.

Novartis zieht ins Homeoffice

Doch der Spiegel lässt sich auch umdrehen. Beobachter werden den Eindruck nicht los, dass die beiden Weltkonzerne zunehmend Mühe bekunden mit der Verbundenheit zu ihrer Heimat.

Der Novartis Campus in Basel kommt im Vergleich zu den Roche-Hochhäusern bescheidener daher.

Der Novartis Campus in Basel kommt im Vergleich zu den Roche-Hochhäusern bescheidener daher.

Keystone

Gerade Novartis scheint vielen in der Region Basel kaum mehr greifbar. Seit dem Ausbruch der Coronapandemie hat sich der Konzern sehr stark ins Homeoffice zurückgezogen. Arbeiten an einem Tag normalerweise rund 8000 Mitarbeiter auf dem Campus an der Grenze zu Frankreich, so sind es derzeit gerade mal 1500. Das gilt auch für Konzernchef Vas Narasimhan. Er kommt, wenn überhaupt, für einen Tag pro Woche ins Büro. Im August waren es noch zwei bis drei Tage, wie er in einem Interview mit der NZZ sagte.

Ohnehin ist der 44-Jährige ein Weltenbürger. Die Eltern stammen aus Indien, er selber wuchs an der US-Ostküste auf. Nun lebt er seit sechs Jahren mit seiner Familie in Basel. Der Amerikaner gefällt sich darin, über die sozialen Medien zu kommunizieren. Viel und gerne spricht er über die neue Firmenkultur von Novartis, die Digitalisierung, Lebensweisheiten, Selbstoptimierung oder Buchempfehlungen. Diese Art der Inszenierung befremdet viele im Land, wo Novartis seinen Hauptsitz hat.

Er ist als Amerikaner mit indischen Wurzeln ein Weltenbürger: Der 44-jährige Novartis-Chef Vas Narasimhan.

Er ist als Amerikaner mit indischen Wurzeln ein Weltenbürger: Der 44-jährige Novartis-Chef Vas Narasimhan.

Keystone

Ein Beispiel: Im August stellte Narasimhan ein Video auf die Karriereplattform Linkedin. In diesem spricht er mit Susanne Schaffert, der Leiterin der Krebsforschung von Novartis. Es berührt einen schon fast peinlich, wie sich die beiden Stichworte zu spielen und über die vernachlässigte Behandlung von Krebspatienten während der Coronakrise sprechen. Zumindest konnte ihm seine Kommunikationsabteilung ausreden, Ferienfotos mitsamt seiner Familie zu veröffentlichen.

Die Öffentlichkeit nimmt nicht wahr, was Novartis konkret macht

Zudem scheint sich beim Thema Firmenkultur ein grosser Widerspruch aufzutun. Unter dem markigen Namen «unboss» will Narasimhan Hierarchien abbauen und den Mitarbeitern mehr Verantwortung übertragen. Der Pharmakonzern soll so agiler und flexibler werden. Allerdings wird Narasimhan selber von einigen Untergebenen als Alleinherrscher bezeichnet. Dies kommt intern bei nicht wenigen ziemlich schräg an, sagt ein Novartis-Kenner. Offenbar macht das Wort «megabossing» die Runde.

Weil Vas vor allem über die neue Kultur und Digitalisierung spreche, mache das Unternehmen seinen Geschäftskern immer stärker unsichtbar. So nehme die Öffentlichkeit gar nicht mehr wahr, was Novartis eigentlich in der Pharma- und Generikasparte konkret mache, sagt der Kenner weiter. Dabei hilft nicht, dass der Pharmakonzern zur Bekämpfung der Coronakrise kaum etwas anzubieten hat.

Eitel Sonnenschein bei der Konkurrenz? Mitnichten!

Der neun Jahre ältere Roche-Chef Severin Schwan ist dagegen ein Manager klassischeren Zuschnitts. Persönliches gibt er nur in homöopathischen Dosen anlässlich von Interviews preis. Präsenz auf den sozialen Medien: Fehlanzeige. Schwan spricht am liebsten übers Geschäft, wobei er bei wissenschaftlichen Themen eine zuweilen überdrehte Begeisterung an den Tag legt. Mancher würde Schwan auf Neudeutsch wohl als «Nerd» bezeichnen.

Roche-Chef Severin (53) ist ein Manager klassischeren Zuschnitts.

Roche-Chef Severin (53) ist ein Manager klassischeren Zuschnitts.

Kenneth Nars

Doch auch bei Roche herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. So hat der Konzern in kurzer Zeit gleich zwei PR-Pannen verursacht. Im Herbst kündigte das Unternehmen seine Pläne für ein drittes Hochhaus an. Zu diesem Zeitpunkt war aber offenbar keine Baueingabe oder ein Bebauungsplan nötig. Gleichzeitig schienen sich selbst Basler Regierungsräte über die Ankündigung zu wundern, zumal wegen Corona der erste Büroturm kaum besetzt ist. Auch intern sei der Zeitpunkt der Mitteilung nicht verstanden worden.

Der Fauxpas des Verwaltungsratspräsidenten

Christoph Franz.

Christoph Franz.

Keystone

Und dann gibt es da noch eine weitere Geschichte, die für Unmut sorgte: Verwaltungsratspräsident Christoph Franz preschte in einem Interview mit dem Thema Impfpflicht vor. In der Handelszeitung sagte er:

Ich persönlich bin für Impfobligatorien, ja. Obwohl ich weiss, dass das eine umstrittene Position ist. Letztlich braucht es einen gesellschaftlichen Konsens.

Die Episode zeige deutlich, dass Franz offenbar keinen Kontakt mehr habe zur Welt um ihn herum, sagt ein Beobachter. Eine solche Meinung sei an sich nicht verboten, eine Impfpflicht als Präsident eines Pharmakonzerns öffentlich zu fordern, gehe nicht. Sein Vorgänger Franz Humer habe im Gegensatz zu Franz ein stärkeres Sensorium für die öffentliche Meinung gehabt.

Das Interesse von Schwan am Standort ist nicht so gross wie vermutet

Und so droht auch Roche die Bodenhaftung zu verlieren, nicht zuletzt mit Blick auf den Hauptsitz. Ausgerechnet jenes Unternehmen, das so stolz ist auf seine Basler Wurzeln. Die Erbenfamilien Oeri und Hoffmann haben sich stets zur Stadt bekannt. «Was Roche einzigartig macht, ist ihre Kultur», sagte Vizepräsident André Hoffmann vor einem Jahr in einem Interview mit CH Media. «Diese Kultur versuchen wir zu verteidigen, das ist unsere Aufgabe als langfristiger Aktionär. Ein Teil dieser Kultur ist Basel.»

Das Bekenntnis zu Basel sei nie vom Management hinterfragt worden, sagt ein Kenner des Unternehmens. Das sei der spezifischen Konstellation von Roche geschuldet. Und doch sei das Interesse von Schwan am Ausbau des Hauptsitzes und am Standort nicht so gross, obwohl er die Bedeutung des Themas kenne, sagt ein anderer Beobachter. Noch vor kurzem war Schwan in der Konzernleitung von Leuten umgeben, die sich mit den spezifischen Verhältnissen vor Ort auskannten.

Kapseln sich die beiden Pharmakonzerne zunehmend von ihrer Heimat ab?

Bis Ende März 2020 sass etwa Konzernanwalt Gottlieb Keller in der Geschäftsleitung. Er arbeitete sein ganzes Berufsleben für Roche und kannte die Verhältnisse in Basel gut. Selbst der Ex-Kommunikationschef Stephan Feldhaus, ein Deutscher, vernetzte sich rasch und war als Mitglied der Konzernleitung eine wichtige Stimme für Schwan. Seine Nachfolgerin Barbara Schädler, ebenfalls eine Deutsche, ist bislang nicht wirklich in Basel angekommen. Seit hat zwar eine Wohnung in der Stadt, seit dem Ausbruch der Coronapandemie arbeitet sie aber vor allem im Homeoffice in Köln. Selbst Standortleiter Jörg Erismann, verantwortlich für den Ausbau des Areals, wohnt im Kanton Zug.

Folgt Roche also dem Beispiel von Novartis und kapselt sich zunehmend von der Heimat ab? Wie wichtig ist die Verbundenheit mit dem Hauptsitz überhaupt noch in einer globalisierten Welt? Wenn man wie die beiden Firmen einer Stadt derart stark einen architektonischen Stempel aufdrückt, spielt das sehr wohl eine Rolle. Seit je her bestand eine Symbiose zwischen der Stadt und den beiden Konzernen und ihrer Vorgängerfirmen.