Der Name klingt etwas nach Zahnpasta; Remicade. Hätte er einen Geschmack, wäre der bitter. Denn Remicade hilft zwar gegen Entzündungskrankheiten, nicht aber gegen steigende Kosten: Das Mittel führt die Liste der 15 teuersten Medikamente in der Schweiz an. Sie machen 16 Prozent der Arzneikosten aus. Das ist viel Geld; beliefen sich die Gesamtkosten 2016 doch auf sieben Milliarden Franken.

Der Preis von Remicade soll ab 2018 sinken. Das hoffen allen voran die Versicherer. Nachdem das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zwei Jahre lang keine Arzneimittelpreise überprüft hat, läuft aktuell die Inspektion für das erste Drittel aller in der Schweiz von der obligatorischen Krankenkasse vergüteten Medikamente. Dieses Drittel hat es in sich: Das Kostenvolumen der ersten und grössten Medikamentengruppe beträgt 2,8 Milliarden Franken im Jahr, rechnet Versicherer Helsana vor.

Enttäuschendes Ergebnis

Doch das BAG hat erst über die Hälfte der rund 1000 zu prüfenden Arzneien entschieden. Wie sich nun herausstellt, kommt es 2018 nur bei 93 Arzneien zu einer Preissenkung. Das ist viel zu wenig, klagen Versicherer. Sie fordern grössere Preisreduktionen, um die Prämienzahler zu entlasten.

Das BAG setzte die Preisprüfung zwei Jahre aus, weil die Pharmaindustrie mit einer Klage vor dem Bundesgericht siegte und damit eine Änderung der Überprüfungsmethode durchsetzte. Der Aufwand für die Behörde war beträchtlich. Die Vorbereitungszeit dauerte. «Vor dem Hintergrund ist das aktuelle Ergebnis enttäuschend», sagt Andreas Schiesser, Tarifexperte beim Krankenkassenverband Curafutura, dem CSS, Helsana, Sanitas und KPT angehören. «Nachdem bei den Preisen seit 2014 nichts passiert ist, hätten wir definitiv mehr Senkungen erwartet.»

Auch die Pharmahersteller schauen mit Argusaugen auf die Arbeit des BAG. Denn bei der ersten Inspektionsgruppe, die das Amt aktuell überprüft, geht es um viel Geld: Praktisch alle teuren Krebsmittel und Präparate gegen Entzündungskrankheiten sind dabei. Der Verband Interpharma geht davon aus, dass «in der ersten Inspektionsgruppe Arzneien geprüft werden, die etwa 40 Prozent des jährlichen Umsatzes mit Arzneimitteln in der Schweiz ausmachen».

Angesichts dieser Dimension fällt die aktuelle Zwischenbilanz dürftig aus: Bei 93 Arzneien wird das BAG ab 2018 die Preise senken, bei 168 Medikamenten wird nichts passieren, gibt das Amt auf Anfrage bekannt. Von den hundert umsatzstärksten Medikamenten seien lediglich bei sieben Arzneien die Preise gefallen, sagt Guido Klaus, Leiter Politik und Ökonomie beim Krankenversicherer Helsana. «Dort, wo es ums Geld geht, erfolgt offensichtlich fast keine Preisreduktion. Die Prämienzahler werden damit weiterhin nicht entlastet.»

Um Geld geht es beim Immun-Medikament Remicade, dem Spitzenreiter unter den Kostenverursachern. Bislang hat das BAG hier keinen Entscheid gefällt. Der Druck steigt: Remicade verursachte 2016 mit über 127 Millionen Franken die höchsten Totalkosten eines einzelnen Medikaments (siehe Tabelle). Das hält der neuste Helsana-Arzneimittelreport fest.

Eine Packung kostet 831 Franken und wird trotz günstigerer Nachahmerprodukte noch immer bei etwa 98 Prozent der Patienten eingesetzt. Janssen, der Pharmateil des US-Konzerns Johnson&Johnson, stellt den Kassenschlager für den globalen Vertrieb in der Schweiz her.

In den Top 15 der Kostenverursacher befinden sich sechs Arzneien, die das BAG aktuell prüft. Bislang hat das Amt aber nur beim Brustkrebsmittel Herceptin von Roche den Preis nach unten korrigiert. Bei den anderen Arzneien steht der Entscheid noch aus. Die Top 15 verursachten 2016 gemäss Hochrechnung von Helsana 1,1 Milliarden Franken. Davon entfallen rund 450 Millionen auf die sechs geprüften Mittel.

Würde das BAG die gesetzlichen Vorgaben entschiedener umsetzen, könnten in der aktuellen Inspektionsrunde etwa 300 Millionen Franken gespart werden, sagt Andreas Schiesser vom Krankenkassenverband Curafutura. Das BAG rechnet jedoch lediglich mit 60 Millionen Franken – und das, nachdem es alle Wirkstoffe der ersten Inspektionsgruppe geprüft haben wird. Noch steht die zweite Hälfte dieser Arzneigruppe aus. Das entspricht etwa 500 weiteren Wirkstoffen, die das BAG noch bis Jahresfrist prüfen will.

Ausgang ungewiss

Schiesser rechnet nicht mit einem Paukenschlag. «Hier geht es für die Pharmahersteller um ihre lukrativsten Produkte. Das BAG übt sich nach dem Sieg der Branche vor dem Bundesgericht in Zurückhaltung.» Sollte das BAG Blockbuster-Arzneien preislich antasten, befürchtet Schiesser vermehrte Rekurs-Einsprachen der Hersteller. Ähnlich klingt es bei Helsana: Es sei sonderbar, dass bei den wesentlich kostentreibenden Produkten keine Preisreduktion erfolgt – notabene trotz deutlich tieferem Wechselkurs als bei der letzten Überprüfung 2014, sagt Guido Klaus.

Der Preisentscheid zur zweiten Hälfte der geprüften Arzneien folge in den nächsten zwei Wochen, schreibt das BAG auf Anfrage. Es sei davon auszugehen, dass sich das Verhältnis zwischen den Arzneien, bei denen der Preis gesenkt wurde, und denen, die preislich gleich bleiben, dann noch ändern werde. Es sei in der zweiten Hälfte mit mehr Senkungen zu rechnen.

Bleibt abzuwarten, ob sich das BAG dann an die grossen Kassenschlager wie Remicade heranwagt.