Am Morgen nach der Bekanntgabe des Jahresverlusts der Credit Suisse (CS) reibt man sich weiter erstaunt die Augen: Der Aktienkurs brach am Donnerstag um 10,9 Prozent ein. Seit dem Amtsantritt des neuen CEO, Tidjane Thiam, sind es gar rund 40 Prozent. Daher steht Thiam, seit Juli am Zürcher Paradeplatz tätig, unter extremem Druck. Bei seinem Amtsantritt sah vieles noch rosiger aus: Brady Dougan, seit Frühjahr 2007 Chef der Grossbank, verabschiedete sich mit einem Gewinn im ersten Halbjahr von 2,1 Milliarden Franken. Ende 2015 schrieb die Bank einen Verlust von 2,9 Milliarden Franken, den dritten seit der Jahrtausendwende. Die CS ächzt unter Abschreibern auf Altlasten in Milliardenhöhe, sinkenden Erträgen und steigenden Kosten. Nach dem Aufbau von 2400 Arbeitsplätzen im vergangenen Jahr will Thiam raschmöglichst 4000 abbauen. «Hire and fire», «einstellen und entlassen»: So macht man das an der Wall Street in New York.

US-Investmentbanken waren Milliardengräber

Nur: Die CS ist keine reine Investmentbank von der «Wall Street», dem Zentrum riskanter Geschäfte mit Finanzierungen von Firmen, Beratungen bei Fusionen und Übernahmen, dem Aktienhandel und der Ausgabe von Obligationen. Die CS hat ihren Sitz am Zürcher Paradeplatz, dem Finanzzentrum der diskreten Verwaltung von Geldanlagen für Reiche aus der ganzen Welt. Diese Bank hat sich unter dem Patriarchen Rainer E. Gut entschieden, die «Wall Street» zu erobern. Befeuert vom Beifall des beinahe gescheiterten Börsengurus Martin Ebner und seiner Entourage, darunter SVP-Vordenker Christoph Blocher, die das auch von der UBS forderten. Die Folgen sind bekannt.

Zurück zur CS: Erst übernahm Gut die Investmentbank First Boston, ein Milliardengrab. Dann kaufte sein Nachfolger Lukas Mühlemann, wohl mit dem Einverständnis von Ehrenpräsident Gut, die Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrette, ein weiteres Milliardengrab. Dessen Überbleibsel in der Bilanz schrieb Thiam nun um 3,8 Milliarden ab. Dazu kommen Aufwendungen für Rechtshändel und Verluste auf Geschäften, die aufgegeben werden.

Überraschend ist das alles nicht. Dougan baute die Altlasten zu wenig radikal ab, weil das Kapital dazu fehlte. Der Verwaltungsrat hat keines aufgenommen. Dessen Mitglieder sitzen – abgesehen von zweien – seit mehreren Jahren im Aufsichtsgremium. Geleitet wird es seit 2011 von Urs Rohner, der zuvor zwei Jahre Vizepräsident gewesen ist. Der Katarer Jassim Bin Hamad J.J. Al Thani ist seit 2010 dabei. Der katarische Staatsfonds ist mit 18,6 Prozent an der CS beteiligt, die saudische Olayan Group mit 11,4 Prozent. Auch sie hatte bis im Frühling 2013 einen Vertreter im Verwaltungsrat. 

Diesen Verwaltungsräten soll man nun glauben, dass sie das Gegenteil von dem vertreten, was sie von Dougan jahrelang nicht gefordert haben. Tidjane Thiam bereinigt nicht nur beschleunigt Altlasten. Er richtet – endlich – die Investmentbank auf weniger riskante und damit weniger kapitalintensive Geschäfte aus. Und baut die Vermögensverwaltung aus, insbesondere in Asien. Er tut also das, was die UBS bereits getan hat. Die wies für 2015 – auch dank einer Steuergutschrift – einen Gewinn von 6,2 Milliarden aus.

Brady Dougan ist nicht alleine schuld am Desaster

Es ist also zu einfach, die Schuld am Desaster am Paradeplatz dem vom Investmentbanking geprägten Dougan in die Schuhe zu schieben. Der Verwaltungsrat riss das Ruder viel zu spät herum. Dazu gehört, dass er erst 2015 einer Kapitalerhöhung um sechs Milliarden Franken zugestimmt hat. Daher muss Thiam den Totalumbau der Grossbank in einer Marktphase durchführen, die turbulent wie schon lange nicht mehr ist. Auch daher glaubt keiner, dass er die von ihm gesetzten und vom Verwaltungsrat abgenickten, ehrgeizigen Ertragsziele erreichen wird. Auch das lastet auf dem Aktienkurs.