1.) Was ist passiert?

Die US-Regierung hat den Telekommunikationsnotstand ausgerufen und wichtige US-Tech-Unternehmen dazu gebracht, die Geschäftsbeziehungen mit dem chinesischen Handy-Hersteller und Telekom-Ausrüster Huawei zu unterbrechen. Das betrifft sowohl Hardware- als auch Softwarehersteller. Gravierend ist vor allem, dass Google keine Software mehr für Huawei-Handys liefern darf.

2.) Lassen sich Huawei-Handys nun nicht mehr nutzen?

Doch. Das Google-Betriebssystem Android ist im Kern eine Open-Source-Software. Das heisst, jeder kann sie nutzen und abändern; sie ist also vom Boykott ausgenommen. Gewisse lizenzierte Funktionen könnte Google aber einschränken – oder nicht mehr mit Updates versorgen. Das gilt erst recht für lizenzierte Dienste wie Google-Maps, G-Mail und den Play Store, über den neue Apps auf das Handy geladen werden können. Gegenüber dieser Zeitung beteuerte ein Google-Sprecher: «Wir halten uns an das jüngst erlassene Dekret und überprüfen die damit verbundenen Implikationen.» Allerdings schliesst dies offenbar nicht aus, dass bereits ausgelieferte Software weiterhin genutzt werden kann. «Nutzerinnen und Nutzer unserer Dienste können mit ihren Huawei-Geräten weiterhin auf den Google Play Store und die Sicherheitsvorkehrungen von Google Play Protect zurückgreifen», sagt der Sprecher weiter.

3.) Und was ist mit künftigen Huawei-Smartphones?

Das ist unklar. Wenn Google die Zusammenarbeit mit Huawei tatsächlich beenden würde, hätte das gravierende Folgen für den gesamten Technologie-Sektor und für die Beziehung zwischen den USA und China. Auch wenn Huawei wohl noch weiterhin die Basisfunktionen des Android-Betriebssystems nutzen könnte, so wäre dies ohne den Play Store als zentrale Anlaufstelle für den Bezug von neuen Apps ziemlich nutzlos. Auch das Verschwinden von Google-Maps, Gmail und weiteren Google-Diensten müsste zuerst mit ebenbürtigen Pendants kompensiert werden.

4.) Könnte Huawei auf ein anderes Betriebssystem umsteigen?

Das ist nicht so einfach. Die Überlegenheit von Android und Apples iOS haben in den letzten Jahren alle Versuche, ein neues Betriebssystem zu etablieren, bereits im Keim erstickt. In einem Interview mit der «Welt» gibt sich Huawei-Chef Richard Yu zwar optimistisch: «Wir haben ein eigenes Betriebssystem vorbereitet. Sollte es einmal dazu kommen, dass wir diese Systeme (Anm. d. Red. gemeint sind jene von Google) nicht mehr nutzen können, wären wir also gewappnet. Das ist unser Plan B.»

Ein hoher Huawei-Manager zweifelt aber an dieser Aussage und meint gegenüber dieser Zeitung:

Die grösste Schwierigkeit dürfte es sein, App-Entwickler dazu zu bringen, ihre Programme nicht nur für Android und iOS zu schreiben, sondern auch für das neue chinesische Betriebssystem. Ausserdem müssten die amerikanischen Tech-Firmen wie Facebook dieses Betriebssystem gemäss den neuen Bestimmungen wohl boykottieren. Ein Handy ohne US-Software wird bei Kunden jenseits der chinesischen Firewall kaum Erfolg haben.

5.) Warum hat die USA den Boykott verhängt?

Die Aktion ist vor dem Hintergrund des derzeitigen Handelsstreits zu sehen. Bisher hat die USA versucht, die chinesische Wirtschaft mit hohen Strafzöllen zu schwächen. Das Lieferverbot von Software und Hardware nach China ist ein weiterer Schlag gegen das Land, da so der grösste chinesische Tech-Hersteller empfindlich getroffen wird.

Doch es geht noch um mehr: Die USA beschuldigen Huawei schon lange der Spionage, allerdings ohne dafür Beweise vorlegen zu können. Kurzzeitig liessen die USA die Finanzchefin von Huawei verhaften. Als Netzwerkausrüster wird die Firma in den USA nicht geduldet. Kritiker sehen darin vor allem wirtschaftliche Gründe: Mit seiner Netzwerktechnologie ist Huawei beim Ausbau des neuen Mobilfunkstandards 5G führend, weshalb in vielen Ländern – auch in der Schweiz – Aufträge nach China und nicht in die USA gehen.

6.) Nützt Google der Boykott?

Google konkurrenziert zwar mit seinen Pixel-Handys mit Huawei auf dem Smartphone-Markt. In erster Linie ist der amerikanische Tech-Gigant aber ein Softwarekonzern und profitiert von jedem Gerät, auf dem Google-Dienste installiert sind.

Huawei ist derzeit hinter Samsung der zweitgrösste Smartphone-Hersteller und hat alleine im letzten Jahr 206 Millionen Geräte verkauft. Wenn auf Huawei-Telefonen keine Google-Software mehr installiert wäre, würde das auch die Amerikaner schwächen. Es ist dies ein Grund, weshalb die USA davon absehen könnten, mit dem Boykott wirklich ernst zu machen.

7.) Profitiert denn überhaupt eine Firma?

Kurzfristig wohl am ehesten Samsung. Die Koreaner sind in den letzten Jahren von Huawei immer stärker unter Druck geraten, da die Chinesen technologisch rasch aufgeholt haben. Gemäss vorhersagen von Analysten könnte Huawei dieses Jahr in Europa sogar Samsung als Marktführer ablösen.

8.) Wie kann China auf den Boykott reagieren?

Fast alle Smartphones – auch jene von Apple und Google – werden in China produziert. China könnte die Produktion drosseln oder ganz aussetzen. Zwar könnten die USA ihrerseits die Produktion in andere Länder auslagern, doch das wäre mit grossen Investitionen verbunden und nicht kurzfristig machbar. Mit einem solchen Schritt könnte China den Konflikt eskalieren lassen. Das ginge aber auch zulasten des eigenen Landes, ist doch der Export solcher Elektronikprodukte für die Volkswirtschaft immens wichtig.