Schärfere Brandvorschriften
Die unmoralische Frage nach der Katastrophe von London

Die Börse will wissen: Welche Firmen profitieren von schärferen Brandvorschriften? Heinz Baumgartner, Chef vom Fassadenhersteller Schweiter, gibt Antwort.

Niklaus Vontobel
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Zwei Tage nach dem Inferno: So sieht der Grenfell Tower in London aus.
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Bilder der Brandruine.

Zwei Tage nach dem Inferno: So sieht der Grenfell Tower in London aus.

RICK FINDLER

Die Börse kann sich Gefühle nicht leisten. Jede News wird nur darauf geprüft: Was bedeutet es für die Gewinne der kotierten Unternehmen? Auch die Brandkatastrophe im Londoner Grenfell Tower. Dieser Logik unterwarf sich diese Woche auch ein Bankenanalyst. Er ging der Frage nach, ob nach der Katastrophe mehr Produkte gefragt sein würden vom Industriekonzern Schweiter Technologies.

Schweiter-CEO Heinz Baumgartner dazu: «Diese Frage ist moralisch heikel, geradezu verwerflich.» Was in London geschehen sei, sei eine Tragödie, fertig. Schweiter sei aber bereit, zu helfen. «Natürlich muss man nun daraus Lehren ziehen.» Schweiter hat nichts an den Grenfell Tower geliefert, hat aber einiges zum Fall zu sagen als ein führender Zulieferer für Aussenfassaden.

Heinz Baumgartner, CEO von Schweiter Technologies

Heinz Baumgartner, CEO von Schweiter Technologies

Schweiter – Sitz in Zürich, über 100 Jahre Geschichte, 4350 Angestellte – wurde gross als Hersteller von Textilmaschinen. 2009 übernahm Schweiter dann die «3A Composites». Diese kauft Rohstoffe, wie Aluminium, Balsaholz oder Kunststoffe, und macht daraus ultraleichte Platten, mit denen etwa Windmühlen verkleidet werden oder Gebäude. Schweiter gehört zu den Topanbietern von aluminiumverstärkten Platten für Aussenfassaden, auch in Grossbritannien.

«Unmittelbar nach dem Brand zogen einige aus den Bildern von der brennenden Fassade wohl voreilige Schlüsse», sagt CEO Baumgartner. Es schien sich die Ansicht durchzusetzen, die Entflammbarkeit von Fassaden sei entscheidend für den Brandschutz. In der Forschung sei unbestritten, dass dies nicht stimme: «Mit Abstand am wichtigsten sind Vorsichtsmassnahmen wie Sprinkler, Meldeanlagen, Schutztüren oder genügend Treppenhäuser.»

Die Hochhaus-Ruine am Mittwochnachmittag.
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Londoner Hochhaus steht in Flammen
Ein Feuerwehrmann bei den Bergungsarbeiten im zerstörten Gebäude.
Ein geborgener Leichnahm wird auf einer Bahre abgeführt.
Feuerwehrleute steigen im komplett zerstörten Erdgeschoss ins Hochhaus ein.
Eine Drohne fliegt am niedergebrannten Hochhaus vorbei.
Ein Bild der Zerstörung am Londoner Hochhaus.
Erschöpfte Feuerwehrleute nach ihrem Einsatz.
Grenzenlose Trauer bei Betroffenen nach dem Inferno.
Eine Frau trauert nach dem Hochhaus-Grossbrand.
Ein Anwohner schützt sich mit einer Maske vor dem Rauch.
Fussgänger auf einer Brücke bei London vor dem Hochaus.
Notfallgegenstände werden an betroffene Personen abgegeben.
Anwohnerin Georgina steht nach dem Brand schockiert auf dem Balkon.
Noch immer dringen viel Rauch und Flammen aus dem Gebäude.
Die Feuerwehr ist seit Stunden im Einsatz.
Diese Feuerwehrleute legen eine Pause ein, um wieder zu Atem zu kommen.
In diesem Londoner Hochhaus brach am frühen Mittwochmorgen ein verheerender Brand aus.
Die Feuerwehr ist seit Stunden im Einsatz.
In diesem Londoner Hochhaus brach am frühen Mittwochmorgen ein verheerender Brand aus.
Beim Brand eines Hochhauses in London sind laut der Feuerwehr mehrere Menschen ums Leben gekommen.
Nach Angaben eines Augenzeugen sind in der Nacht Menschen aus dem brennenden Hochhaus gesprungen.
200 Feuerwehrleute kämpften gegen die Flammen in dem 27-stöckigen Wohnhaus.
Die Polizei wurde eigenen Angaben zufolge kurz nach 01.00 Uhr Ortszeit alarmiert.
Die Feuerwehr und Rettungssanitäter vor Ort
Eine dichte Rauchwolke steigt über London auf
Das Hochhaus, genannt Grenfell Tower, hat 27 Stockwerke
Nach Zeugenberichten haben viele Menschen verzweifelt im brennenden Hochhaus in London an den Fenstern gestanden und um ihr Leben geschrien.
Feuerwehrleute warten auf ihren Schichtbeginn
Menschen waren im Innern des Hauses eingeschlossen

Die Hochhaus-Ruine am Mittwochnachmittag.

Victoria Jones

Stein-Fassade hilft nicht, wenn ...

Das Isolations-Material ist ebenso wichtig wie die Fassade. «Ein Bauherr kann für die Fassade auch Stein, Beton oder Glas wählen – alles nicht brennbare Rohstoffe. Aber das wird bei einem Brand wenig helfen, wenn zum Beispiel ein Gebäude isoliert wurde mit leicht entflammbarem Material», sagt Baumgartner. Daher müssten gerade für Hochhäuser vermehrt auch nicht-brennbare Isolationsstoffe verwendet werden. «Und die nationalen Behörden sollten dies einfordern und prüfen.»

Kritiker wollen nach der Katastrophe nun die Industrie in die Pflicht nehmen. Doch dafür wissen Fassaden-Zulieferer oft nicht genug über die Bauprojekte. «Bei einem Verkauf unserer Produkte über Distributionskanäle können wir nicht immer wissen, wofür unsere Fassaden-Platten verwendet werden. Wir haben auch keinen Einfluss darauf, was für die Isolation verwendet wird», sagt Baumgartner. Die Behörden müssten Vorarbeit leisten, wenn Zulieferer mehr Verantwortung übernehmen sollen. Etwa vorschreiben, dass diese die nötigen Informationen kriegen.

Wettbewerb allein reicht nicht

Natürlich halte Schweiter sich strikt an nationale Brandschutzvorschriften. «Wir setzen uns auch für Verschärfungen ein, wo es nötig zu sein scheint», sagt Baumgartner. Auffällig seien die grossen Unterschiede. «Jedes Land macht es anders. Und es sind nicht unbedingt die ärmeren Länder, die lascher regulieren.» Manches osteuropäische Land sei strenger als westeuropäische; in der Schweiz seien die Regeln «relativ streng». Am genauesten werde in Singapur hingeschaut.

Schweiter geht über die Vorschriften hinaus. «In Europa verkaufen wir für Hochhäuser seit etlichen Jahren nur noch nicht- oder schwer-entflammbare Platten. Produkte, wie sie im Grenfell Tower verbaut wurden, haben wir für solche Gebäude schon lange nicht mehr im Angebot.» Durch Wettbewerb allein wurde die Konkurrenz aber scheinbar nicht zum Nachziehen gezwungen. «Es ist im Bau nicht anders als in anderen Branchen: Die Kosten spielen eine Rolle», sagt Baumgartner.

Ein Bauherr kann versucht sein, ein billigeres Produkt zu nehmen. Entflammbare Fassaden sind eher billiger als nicht-brennbare, da die Herstellkosten höher sind. So kann der Kostendruck zu Abstrichen an der Sicherheit führen. Wettbewerb hilft dagegen nur bedingt. Es lassen sich ja höhere Gewinne erwirtschaften mit billigerem Material – solang nichts schiefgeht.

Baumgartner dagegen will keine Kompromisse machen: «Beim Thema Sicherheit darf der Profit keine Rolle spielen.» Dafür habe man ja die Vorschriften. «Sie verhindern einen Wettbewerb über den Preis und garantieren die Sicherheit.»

Die britischen Behörden haben viel zu klären. Wurden Regeln gebrochen, oder waren diese zu lasch? Hätten bessere Fassaden geholfen, oder lag es an der Isolation? Baumgartner sagt dazu nur: «Das Produkt, das ein Konkurrent von uns geliefert hat, entsprach den britischen Vorschriften, soweit ich weiss. Wir beteiligen uns aber nicht an Spekulationen.»

Es kann dauern bis zu schärferen Vorschriften für Fassaden. «Dann hätten wir einen kleinen Wettbewerbsvorteil, weil nur wenige Konkurrenten schwer entflammbare Fassadenplatten haben. Aber der Einfluss auf unser Geschäft wäre gering», sagt Baumgartner. Damit hätte auch die kühl rechnende Börse ihre Antwort.

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