Die Schweizerische Nationalbank (SNB) bringt den Schweizer Franken in Umlauf. Jedoch nur die Münzen und Banknoten, nicht aber das sogenannte Giral- oder Buchgeld auf den Girokonten der Bankkunden. Die Hoheit über dieses haben Geschäftsbanken wie Raiffeisen, UBS oder Credit Suisse. Giralgeld ist kein Bargeld, sondern existiert nur als Computerzahl. Es kann von den Geldhäusern per Tastatur geschaffen werden. Um diese private Giralgeldschöpfung dreht sich die Vollgeld-Initiative, denn Ökonomen sehen darin eine wesentliche Ursache von Wirtschaftskrisen.

Der bargeldlose Geldverkehr ist heute der Normalfall. Nur 10 Prozent der umlaufenden Geldmenge sind Münzen oder Noten. Löhne, Kredite oder andere Zahlungen werden bargeldlos über das Bankkonto abgewickelt. Deshalb sind 90 Prozent der Geldmenge kein Nationalbankgeld. Nicht Geld, sondern Buchgeld regiert die Welt – oder anders gesagt: Es sind die Geschäftsbanken und nicht die Notenbanken, die den Grossteil unserer Zahlungsmittel schöpfen.

Rolle der Banken untersucht

Problematisch daran ist, kritisiert der emeritierte Professor Joseph Huber der deutschen Universität Halle, dass sich dadurch die Geldqualität ändere. Geschäftsbanken können Geld nur als Kredit schöpfen. Sie werfen nicht die Notenpresse an, sondern vergeben Schuldscheine in Form von Sichtguthaben. Schweizer Volkswirtschafter wie Hans Christoph Binswanger nehmen deswegen die Kreditvergabe der Banken unter die Lupe. Sie fragen, was passiert, wenn ein Kunde bei einer Bank einen Kredit erhält.

Ein Kredit wird von Banken nicht aus Spargeldern von anderen Bankkunden weitervermittelt, sondern per Gutschrift praktisch selbst aus dem Nichts geschöpft. In klassischen Volkswirtschaftslehrbüchern heisst es daher, Finanzinstitute sind Geldschöpfungsmultiplikatoren.

Aus 1000 Franken werden 40 000

Das geht so: Als Mindestreserve müssen die Banken in der Schweiz 2,5 Prozent einer Kreditsumme in Zentralbankgeld auf ihr Konto bei der SNB hinterlegen. Aus 1000 Zentralbank-Franken generiert eine Bank also einen Kredit von 40 000 Franken als Giralgeld. Damit zahlt der Kreditnehmer Rechnungen. Dadurch landet das Guthaben auf den Konten anderer Bankkunden. Deren Bank kann damit wiederum neue Kredite generieren (siehe Grafik unten). Hebt keiner der Bankkunden Bargeld von seinem Konto ab, können Geldhäuser aus den 1000 Franken im Prinzip unbegrenzt neues Giralgeld per Kreditvergabe schöpfen.

Limitiert wird diese Kreditgeldschöpfung nicht nur durch die Mindestreserve, sondern durch die Eigenkapitalvorschriften. Diese sind risikogewichtet: Je nach Höhe des Ausfallrisikos von Krediten müssen Geschäftsbanken gewisse Eigenmittel vorhalten. Diese Vorschriften hat der Bundesrat kürzlich angehoben.

Den Banken sind damit zwar Grenzen gesetzt – aber geringe, praktisch umgehbare, wie die Vollgeldreformer kritisieren. Deswegen komme es immer wieder zur Blasenbildung. Zu viel Geld schwemmt den Markt. Das führt zwar nicht unbedingt zu Inflation, aber treibt die Spekulation an. Dem Kreditgeld sind demnach Krise und Zusammenbruch eingeschrieben. Deshalb brauche es eine Geldreform. Die Vollgeldreformer verlangen aber keine neuen Regulierungen und Vorschriften für Banken, die nur zu mehr Bürokratie führen.

Huber, Binswanger und der Schweizer Verein Monetäre Modernisierung (MoMo) plädieren vielmehr dafür, dass es statt Buchgeld der Geschäftsbanken allein Vollgeld gibt. Also Zentralbankgeld. Nur die Notenbank soll Geld schöpfen dürfen und nicht die Geschäftsbanken. Unterstützt werden die Vollgeldreformer durch eine Studie der IWF-Ökonomen Jaromir Benes und Michael Kumhof, die 2012 erschienen ist.

Mit einer Vollgeldreform wäre das Geld auf dem Bankkonto in vollem Umfang von der Notenbank gedeckt. Die Sparguthaben wären in einer Bankenkrise deshalb nicht gefährdet. Sie könnten bei der Pleite einer Geschäftsbank nicht verschwinden. Daher gäbe es auch keinen gefürchteten Bankrun mehr. Vor allem aber würde aus dem per Kreditschuld geschöpften Giralgeld gedecktes Geld. Geldschöpfung und Kreditvergabe wären entkoppelt. Laut den Vollgeldreformern ist das ein springender Punkt für die Wirtschaftsentwicklung. Die derzeit dominierende Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken stellt mit Geld gleichzeitig Schulden her. MoMo-Präsident Hansruedi Weber sagt: «Für jeden einzelnen Franken, den Sie auf Ihrem Konto haben, muss ein anderer irgendwo einen Franken Schulden haben.»

Systembedingte Geldschwemme

Auf Schulden lasten Zinsforderungen. Hier liegt ein weiterer Haken: Müsste an die Geschäftsbanken nur die Kreditsumme zurückgezahlt werden, würde die bestehende Geldmenge ausreichen. Die Zinszahlungen gehen jedoch darüber hinaus, sodass immer jemand neue Schulden aufnehmen muss. Das erhöht die Geldmenge gesamthaft. Daher muss die Wirtschaft wachsen. Denn Geschäftsbanken vergeben neue Kredite nur, wenn dafür Gewinne zu erwarten sind. Dieses Wachstum ist nicht real gefordert, sondern zinsgetrieben – bedingt durch eine Schuldengeld-Spirale. Letztlich führt keine zügellose Kreditvergabe der Banken zu Spekulation, sondern die systembedingte Geldschwemme.

Darauf zielen die Vollgeldreformer ab, wenn sie die Kontrolle über die Geldmenge der Notenbank zurückgeben wollen. Die Geschäftsbanken wären zwar weiter für die Vergabe der Kredite zuständig. Sie könnten jedoch das Geld nicht mehr selbst schöpfen. Sie vergäben Kredite nur mit vorhandenem Vollgeld, das sie sich von Sparern oder auf dem Finanzmarkt besorgen.

Zudem könnten Staatsschulden in Staatsvermögen umgewandelt werden. Heute leihen sich Staaten bei privaten Anlegern Geld und müssen diese Darlehen verzinst zurückzahlen. Mit einer Vollgeldreform wäre das umgekehrt: Das Geld käme von der staatlichen Zentralbank, und die Geschäftsbanken müssten es sich zur Kreditvermittlung leihen und weiter in Umlauf bringen.