Franz Schaible

Novartis-Campus in Basel, Nokia-Hauptsitz in Helsinki, L'Oréal-Hauptsitz in Paris. Tate Modern in London, Metropolitan Museum in New York, Modemuseum Roberto Capucci in Florenz. Verkaufsläden von Giorgio Armani, Hugo Boss, Hèrmes, Zegna. Den mächtigen Firmen, den berühmten Ausstellungstempeln und den exklusiven Haute-Couture-Läden ist etwas gemeinsam: Sie sind alle mit Teppichen, hergestellt in der Langenthaler Manufaktur Ruck-stuhl AG, ausgestattet.

Die Referenzliste dürfte demnächst durch weitere illustre Namen ergänzt werden. Denn Peter Ruckstuhl ist so-eben von der Internationalen Möbelmesse aus Mailand zurückgekehrt, der weltweit wichtigsten Ausstellung für Inneneinrichtungen. «Nach drei Jahren Wartezeit ist es uns gelungen, erstmals im Designer-Mekka mit einem eigenen Stand vertreten zu sein.» Wichtige Kontakte seien geknüpft worden, neue Teppichdesigns vorgestellt. Neue Aufträge sollen nun folgen.
Der 58-jährige Ruckstuhl führt den traditionsreichen Betrieb in vierter Generation. Seit 128 Jahren werden in Langenthal Teppiche hergestellt. «Daran hat sich nichts geändert. Heute produzieren wir immer noch 96 Prozent unserer Bodenbeläge selbst in unserer Fabrik.» Nur gerade vier Prozent des Umsatzes werde im Handel mit Bodenbelägen - vor allem Filzteppichen - erwirtschaftet.

Ein Rundgang in der Produktionshalle in einem Gebäude der ehemaligen «Porzi» bestätigt die Aussage. Auf zig Webmaschinen stellt Ruckstuhl jährlich rund 300 000 Quadratmeter Bodenbeläge her. Das Alter der Maschinen variiert stark. Auf einem schon fast antik anmutenden Webstuhl werden aus Kokosfasern Teppiche gewoben. «Der über 30-jährige Webautomat läuft und läuft und liefert qualitativ hochstehende Kokosteppiche», pariert Peter Ruckstuhl die Frage nach einem allfälligen Maschinenersatz. Heute sei Ruckstuhl noch der einzige Hersteller dieses strapazierfähigen Naturfaserteppichs in der Schweiz. Einige Meter weiter werden auf hochmodernen, automatisch gesteuerten Webautomaten Teppiche aus Wolle mit teilweise komplizierten Farbmustern fabriziert.

Allen Teppichen ist etwas gemeinsam: Verwendet werden ausschliesslich Naturfasern wie eben Kokosfasern, Wolle, Leinen, Flachs, Hanf, Baumwolle, Jute Papier oder Sisal. Die Vorteile gegenüber künstlichen Geweben für das Wohnklima seien unbestritten. Da sei einmal die Feuchtigkeitsregulierung. Naturfasern könnten bis zu 30 Prozent des Eigengewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen und bei trockener Luft wieder abgeben. Ferner sei die Farbwiedergabe «viel natürlicher und lebendiger». Zudem fliesse auch der Nachhaltigkeitsaspekt mit in die Bilanz ein. «Alle von uns verwendeten Fasern sind nachwachsend.»

«Die Tradition verpflichtet», sagt Peter Ruckstuhl und zieht einen Vergleich. Die Tradition, nur Naturfasern einzusetzen, sei wie ein alter, stolzer Bauernhof, der weiter gepflegt werden müsse. Andererseits sei dieses Festhalten an dieser Philosophie auch zu einem wichtigen Marketinginstrument geworden. «Ruckstuhl ist dafür bekannt.» Kritiker meinen auch, dass die Firma diese Philosophie zu wenig «verkaufe» und zu bescheiden auftrete. «Das ist wohl eine Schweizer Eigenart», sinniert Ruckstuhl. Er selbst verkörpert diese Bescheidenheit. Wenn er über Farben, Muster, Formen, Bordüren und Materialien referiert, ist seine Liebe zum Design spürbar. Trotzdem tritt er bodenständig auf, nicht abgehoben in fernen Designwelten.

Dahinter steckt wohl auch sein Festhalten am Produktionsstandort Langenthal. Zwar wäre eine Produktion im Ausland sicherlich günstiger, aber das Einsparpotenzial wäre bei einem Lohnanteil von 30 Prozent an den gesamten Herstellungskosten zu gering. Der Rohstoff, die Gestaltung, der Verkauf und Vertrieb wären nicht billiger. Peter Ruckstuhl hat auch aus Erfahrungen gelernt. 1991 lagerte er nämlich einen Teil der Produktion nach Dänemark aus, um nur acht Jahre später zurückzukehren. Heute ist die gesamte Teppichproduktion in Langenthal konzentriert. Und das soll so bleiben.

Allerdings spüren auch die Langenthaler die Rezession. Insbesondere die Krise im Ausland setzt dem Familienbetrieb zu. Der Grossteil der Teppiche wird nämlich im Ausland verlegt. «Der Exportanteil liegt bei 75 Prozent. Hauptmärkte sind Europa, die USA und wenige Länder in Asien», so Ruckstuhl. In den ersten vier Monaten 2009 liege der Umsatz rund zehn Prozent unter dem Vorjahresresultat. So habe er vier Stellen abbauen müssen. Zudem stehe die Einführung von Kurzarbeit auf der Traktandenliste. In der Schweiz beschäftigt Ruckstuhl 80 Angestellte und im Ausland rund 20 Verkaufsleute. Die Firma erwirtschaftete 2008 einen Umsatz von 17 Millionen Franken.

Peter Ruckstuhl, der den Betrieb seit 1986 leitet, macht nicht auf Panik. «Nach mehreren erlebten Krisen ergibt sich eine gewisse Gelassenheit.» Und: «Wenn wir an unseren Stärken - wegweisendes Design, Verarbeitung von Naturfasern, hohe Qualität - festhalten, werden wir auch diese Krise meistern.»