Bei der Internetversorgung klafft ein Stadt-Land-Graben in der Schweiz. Komfortabel ist die Lage in den Städten. Dank Glasfasernetzen bis in die Stube profitiert jeder dritte Haushalt bereits von ultraschnellem Internet.

Das Land hinkt derweil hinterher. Vielerorts reicht die Glasfaser nur bis in die Anschlusszentrale im Dorf, der Rest des Weges wird mit einer langsameren Kupferleitung zurückgelegt. Doch auch auf der Landschaft tut sich etwas. Die Swisscom verlegt Glasfaserleitungen zunehmend bis ans Gartentor. Nur noch für die letzten 100 bis 200 Meter wird das Signal über die deutlich langsamere Kupferleitung übertragen. Diese hybride Technik aus Glasfaser und Kupfer erhöht die Bandbreiten deutlich.

Swisscom-Konkurrenz sieht sich benachteiligt

Was die Internetnutzer erfreut, hat in der Branche einen erbitterten Streit entfacht. Telekomanbieter wie Sunrise oder Salt wollen diese hybride letzte Meile ebenfalls nutzen. Aus Angst, von der Swisscom unfair behandelt zu werden, fordern sie dieselbe Regel, wie sie heute für das Kupferkabel auf der letzten Meile gilt: Falls die Swisscom ihnen den diskriminierungsfreien Zugang – zum Beispiel durch überhöhte Preise – verwehrt, sollen die Bundesbehörden auch bei hybriden Leitungen aus Glasfaser und Kupfer eingreifen können. Die Swisscom will davon jedoch nichts wissen. Es gebe keine Anzeichen, «dass der Netzwettbewerb in absehbarer Zeit eingeschränkt und ein staatlicher Eingriff nötig würde», argumentiert der Bundesbetrieb.

Bemerkenswert ist: In Italien hatte die Swisscom vor drei Jahren ganz anders argumentiert, als es um die Öffnung der letzten Meile für die private Konkurrenz ging. Mit ihrer Tochter Fastweb gehört die Swisscom in Italien zur privaten Konkurrenz, die den ehemaligen Staatsbetrieb Telecom Italia bedrängt. In der Vernehmlassung warnte die Swisscom-Tochter, dass sie der Telecom Italia ausgeliefert sei, falls die Behörden nicht eingreifen könnten. Zu befürchten seien «wettbewerbswidrige Verhalten wie Zugangsverweigerungen oder preisliche und technische Diskriminierungen». Die Argumente zeitigten Erfolg. Heute kann Fastweb diskriminierungsfrei auf das Netz des italienischen Ex-Monopolisten zugreifen.

Diese Doppelmoral stösst dem Präsidenten der Grünliberalen, Jürg Grossen, sauer auf. «Die Swisscom widerspricht sich selbst», sagt der Berner Nationalrat. «In Italien schreibt sie mit ihrer Tochter Fastweb schöne Gewinne dank der Nichtdiskriminierungsklausel. In der Schweiz jedoch tut sie alles dafür, ihren Konkurrenten dasselbe Recht zu verweigern.» Grossen sagt, eine Firma könne grundsätzlich schon immer das verlangen, was ihr mehr Geld einbringe, «doch von einem staatlich kontrollierten Konzern hätte ich schon etwas mehr Kohärenz erwartet». Die Swisscom verteidigt sich auf Anfrage. «Die Positionen von Fastweb und Swisscom sind kompatibel und widersprechen sich nicht», sagt Firmensprecher Sepp Huber. Für ihn sind die Telekommärkte in Italien und der Schweiz nicht vergleichbar. Im Unterschied zu Italien herrsche in der Schweiz Wettbewerb auch auf der letzten Meile. «In der Schweiz sind über 85 Prozent der Haushalte mit Kabelnetzen erschlossen, in Italien sind diese praktisch inexistent», sagt Huber. Eine Regulierung in der Schweiz sei deshalb unnötig und marktverzerrend.

Unverständnis aufbeiden Seiten

Grossen sieht dagegen durchaus Parallelen. «Weder in der Schweiz noch in Italien spielt der Wettbewerb, wie er sollte», sagt er. Gerade in ländlichen Regionen hätten lange nicht alle Haushalte Zugang zu Kabelnetzen. Komme hinzu, dass die Kabelnetze, die einst für das Kabelfernsehen verlegt wurden, weniger leistungsfähig seien als die Glasfaser. Grossen sagt, er verstehe den Widerstand der Swisscom nicht: «Wenn der Wettbewerb in der Schweiz spielt, wie die Swisscom behauptet, hat sie ja nichts zu befürchten. Die Behörden könnten mit dem neuen Gesetz ja erst dann eingreifen, wenn der Wettbewerb behindert ist.»

Die Swisscom wiederum kann den Ruf der privaten Konkurrenz nach einer Regulierung auf der hybriden letzten Meile nicht verstehen. «Wir bieten unseren Konkurrenten schon heute unsere Netzleistungen zu attraktiven Konditionen an», sagt Swisscom-Sprecher Huber. Es gebe überhaupt kein Problem beim Zugang auf der letzten Meile. Grossen widerspricht. «Wenn ein privater Anbieter auf die hybride letzte Meile zugreifen will, muss er gleich die ganze Swisscom-Leistung dem Kunden verkaufen. Das hat nichts mit Konkurrenz zu tun, sondern ist ein unechter Wettbewerb von Swisscoms Gnaden», sagt er.

Ob dies der Nationalrat auch so sieht, entscheidet sich kommenden Donnerstag bei der Beratung des Fernmeldegesetzes. Der Bundesrat hatte sich für eine Nichtdiskriminierungsklausel zu Gunsten der privaten Anbieter ausgesprochen. Die vorberatende Kommission lehnte diese hingegen mit klarem Mehr ab. Sie befürchtet, dass die Swisscom sonst weniger in die Randregionen investieren würde.