Notmassnahmen

Die Schweizer Wirtschaft sieht es anders als Trump

Donald Trump will die Wirtschaft trotz Coronavirus bereits vor Ostern wieder in Gang bringen.

Donald Trump will die Wirtschaft trotz Coronavirus bereits vor Ostern wieder in Gang bringen.

Forderungen nach einer Lockerung der Notmassnahmen sind in der Schweiz trotz grossem Schaden kaum zu hören.

«Ich würde es lieben, das Land bis Ostern wieder geöffnet zu haben», sagte Donald Trump Mitte Woche im TV-Sender Fox News. «Unser Land will zurück an die Arbeit», machte der US-Präsident klar. Zur Freude vieler Unternehmer. Auch in der Schweiz gibt es diese Stimmen: Im «Tages-Anzeiger» platzierte die Gruppe Insidecorona.ch, ­bestehend aus Medizinern und Unternehmern, ihre Forderung, eine kontrollierte Lockerung der Massnahmen vorzubereiten. Ihre Idee: Angestellte unter 40 sollten in einem ersten Schritt zurück an die Arbeit, da sie nicht zur Risikogruppe gehören. In einer zweiten Welle könnten dann auch die 40- bis 65-Jährigen zurück an ihren Arbeitsplatz. Dann könnten auch Restaurants, Kinos und Clubs wieder öffnen.

Doch nur eine kleine Minderheit teilt hierzulande diese Ansicht. Bei Gastrosuisse heisst es: «Natürlich würden wir es uns wünschen, dass die Situation eine andere wäre», sagt Direktor Daniel Borner. «All die geschlossenen Betriebe zu sehen, tut mir sehr weh.» Viele Restaurants seien zudem in ihrer Existenz bedroht. Immerhin schaffe das Hilfsprogramm des Bundes Abhilfe. Doch: «So sehr wir auch betroffen sind, befinden wir aber derzeit die Massnahmen des Bundesamts für Gesundheit für vernünftig und halten uns daran», sagt Borner. Jetzt Lockerungen zu fordern, wäre falsch. «Wir werden dann wieder agieren, wenn sich die Situation beruhigt.»

Auch die Bankiervereinigung gibt sich bei der Frage, ob die Notmassnahmen allmählich zurückgefahren werden müssten, zurückhaltend. Jörg Gasser, CEO der Bankiervereinigung, sagt: «Ich würde mir nicht anmassen, das zu beurteilen. In dieser Frage vertrauen wir voll auf die Wissenschaft.» Müsse man die Massnahmen über den 19. April hin­aus in Kraft lassen, müsse man nach Mitteln und Wegen suchen, um das System nicht noch mehr zu schädigen.

Forderungen nach totalem Stillstand «nicht nachvollziehbar»

Jürg Müller, Ökonom bei Avenir Suisse, warnt davor, die Gesundheit und die Wirtschaft gegeneinander auszuspielen. Schlussendlich sei in unserer komplexen Gesellschaft alles miteinander verknüpft, ohne Wirtschaft funktioniere auch das Gesundheitssystem nicht mehr, sagt Müller. Noch sei es aber zu früh, eine Lockerung in Betracht zu ziehen. Noch breite sich das Virus ja von Tag zu Tag stark aus. Klar sei aber, was dieser Zustand für die Wirtschaft bedeute: «Je länger er andauert, desto gravierender die Auswirkungen», sagt Müller. Der aktuelle Stillstand in der Schweiz treffe gewisse Branchen wie Kultur, Gastronomie oder Hotellerie sehr stark. Dennoch: «Auch mit der Einhaltung der Hygienevorgaben und dem Social Distancing kann vieles weiterhin funktionieren», sagt er. Die Forderungen nach einem totalen Stillstand inklusive Ausgangssperre wie in Italien kann er deshalb nicht nachvollziehen. «Hier müssen wir die Verhältnismässigkeit wahren», sagt er.

Avenir Suisse hat vorgerechnet, was eine Stilllegung der Wirtschaft nach italienischem Muster hierzulande kosten würde. Für Kurzarbeit und Überbrückungsliquidität würden dabei Kosten von 27,5 Milliarden Franken pro Monat anfallen. Gleichzeitig würde die Schweizer Wirtschaft um ebenfalls knapp 30 Milliarden Franken pro Monat schrumpfen. «Die Effekte wären also noch dramatischer als sie heute schon sind.»

Autor

Roman Schenkel

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