Innovationsfähigkeit

Die Schweizer Medizintechnik setzt auf Einwanderung

Eine Mitarbeiterin des Hörgeräteherstellers Sonova in Stäfa ZH: Ein Umsatzwachstum von 5,8%

Eine Mitarbeiterin des Hörgeräteherstellers Sonova in Stäfa ZH: Ein Umsatzwachstum von 5,8%

Die Branche kämpft mit Regulierungen und der Frankenstärke – und steht heute trotzdem gut da.

Es ist noch gar nicht lange her, als den Schweizer Medizintechnikfirmen kaum
etwas mehr Kopfzerbrechen bereitete als die Frage, wie all die bereits Schlange stehenden Kunden mit den so heiss begehrten Medtech-Produkten «made in Switzerland» beliefert werden können. Als sie suchen mussten, um Zulieferer in ansprechender Qualität zu finden. Anfang der Nullerjahre war vieles einfacher für die Hersteller von Herzschrittmachern, Hörgeräten und Insulinpumpen.

Hier sitzen die Medizintechnik-Hersteller in der Schweiz Grafik

Hier sitzen die Medizintechnik-Hersteller in der Schweiz Grafik

Heute sehen sich Unternehmen wie Roche Diagnostics oder Straumann mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Der Druck auf die Preise hat zugenommen, die Konkurrenz an Kraft gewonnen und die Regulierung ein Ausmasse erreicht, das der Branche ganz und gar nicht mehr genehm ist. Und wäre das nicht schon genug, baute sich mit dem Frankenschock vom Januar letzten Jahres eine weitere Hürde auf. Kurzum: Es ist ungemütlicher geworden im Medtech-Land Schweiz. Aus Luxusproblemen sind echte geworden. In etwa so lässt sich das Umfeld beschreiben, welches der Branchenverband Swiss Medtech in seinem jüngsten Bericht über den eigenen Wirtschaftszweig skizziert. Spuren hinterlässt dabei vor allem der starke Franken: Um 15 Prozent gingen die Exporte in die EU seit dem Jahr 2010 zurück. Laut Swiss Medtech eine direkte Auswirkung der Frankenstärke. Schlecht liefen die Geschäfte vor allem in Frankreich, Italien und Spanien.

Mehr Ausfuhren nach Deutschland

Einzelne Exportmärkte folgen diesem Trend allerdings nicht: Nach Deutschland exportierten Schweizer Medtech-Firmen im vergangenen Jahr Waren im Wert von 2,2 Milliarden Franken. Sie steigerten damit die Ausfuhren gegenüber dem Jahr zuvor. Gleiches gilt für die USA, in die 2015 Waren für 2,6 Milliarden Franken verschifft wurden. Zusammengenommen kamen die Exporte der Branche auf 10,6 Milliarden Franken.

Unter dem Strich schlägt sich die Branche trotz des Gegenwinds nach wie vor gut. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete sie einen Umsatz von 14,1 Milliarden Franken und damit 0,8 Milliarden mehr als im Jahr zuvor. Dabei wächst die Branche deutlich stärker als der Durchschnitt: Um jährlich rund sechs Prozent wuchsen die Medtech-Firmen seit 2010.

Damit das so bleibt, investieren die Unternehmen kräftig in Forschung und Entwicklung. Je nach Grösse und Alter gäben die Betriebe bis zu 30 Prozent ihres Umsatzes aus, heisst es seitens Swiss Medtech. Anteilsmässig hätten hier die Kleinstunternehmen die Nase vorn. Wichtig hierbei: die Digitalisierung. Die 350 vom Verband befragten Unternehmenschefs schätzen diese mehrheitlich als bedeutenden Treiber für Produktinnovationen ein. Neun von zehn CEOs sehen demnach in der Digitalisierung eine grosse Chance für die Branche.

Das müssen sie auch, denn andere sind der Schweiz dicht auf den Fersen – oder bereits voraus. Konkurrenten sind vor allem Deutschland, Irland, die USA und Singapur. Zwar brilliert die Schweiz laut Bericht immer noch mit «einem guten Zugang zu hochqualifizierten Fachkräften, einem innovationsstarken Umfeld und einer relativ tiefen Unternehmenssteuer».

Doch die Vorteile sind nicht in Stein gemeisselt: Die ungewisse Einführung der Unternehmenssteuerreform sowie der Zankapfel Masseneinwanderungs-Initiative und die damit einhergehende Verschärfung des Fachkräftemangels waren für die befragten Firmenchefs bedeutende Unsicherheitsfaktoren. Diese sehen auch Forschungsprojekte wie «Horizon 2020», aber auch den freien Warenverkehr bedroht.

Branche braucht Einwanderung

Was kann die Schweiz also tun für ihre Medtech-Branche? Der Verband sagt: Die grösste Herausforderung sei der Erhalt der Innovationsfähigkeit. Gleich danach folgt «die Bewältigung der wachsenden und immer aufwendiger werdenden Regulierungen und damit anfallenden
Dokumentationsflut» etwa bei der Einführung neuer Produkte. Ferner sei der Aufwand, den man aufbringen müsse, um einen Antrag für öffentliche Förderungen zu stellen, viel zu gross und für kleine Firmen kaum zu schaffen. Das müsse geändert werden. Sorgen bereitet die angekündigte Zuwanderungsbeschränkung: Die Branche ist auf Spezialisten aus dem Ausland angewiesen. Kommen diese nicht mehr, drohe der Verlust des grössten Wettbewerbsvorteils.

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