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Die Schweizer Armee hat als Karrieresprungbrett ausgedient

Schweizer Grosskonzerne interessiert es nicht mehr, welchen militärischen Dienstgrad potenzielle Angestellte haben – mitverantwortlich dafür ist die Globalisierung.

Thomas Schlittler
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Wer in der Schweizer Armee ein hohes Tier ist, hat auch im Berufsleben beste Karrierechancen – dieser Grundsatz galt in der Schweiz jahrzehntelang. Noch 2012 schrieb das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) in einer Studie über «die Bedeutung der Armee für die Schweiz», dass die Wirtschaft eine militärische Ausbildung der Mitarbeiter «durchaus schätze«.

Eine Umfrage der «Nordwestschweiz» bei grossen Schweizer Arbeitgebern stellt diese Aussage infrage: Bei ABB, Axpo, Nestlé und Post spielt die militärische Ausbildung bei der Personalauswahl «keine Rolle» mehr. Bei Alpiq und Coop ist eine militärische Karriere «weder Vor- noch Nachteil», bei der Migros «kein Thema» und bei Novartis «nicht entscheidend». Die Swisscom hat eine «eher neutrale Haltung».

Als Grund für die abnehmende Bedeutung der militärischen Ausbildung nennen mehrere Konzerne die Globalisierung: «Die zunehmende Internationalität in den Unternehmen hat dafür gesorgt, dass dieser Trend abgeflacht ist», schreibt etwa KPMG Schweiz.

Veränderte Wahrnehmung

Die Militärakademie an der ETH Zürich (Milak) kam vor zwei Jahren in einer Studie zum Schluss, dass im langjährigen Vergleich ein «Bedeutungsverlust des militärischen Offiziersrangs bei der Stellenbesetzung» ersichtlich sei. Die Milak hatte untersucht, ob Personalverantwortliche eine militärische Kaderausbildung berücksichtigen. Bei der Befragung von 160 Personalverantwortlichen in der Deutschschweiz zeigte sich, dass der militärische Grad im Vergleich zu früheren Erhebungen selten herbeigezogen wird.

Die öffentliche Wahrnehmung hat sich über die Jahre ebenfalls verändert. 1983 waren mit der Aussage «eine militärische Führungserfahrung bringt auch im Zivilen berufliche Vorteile» 85 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung «sehr» oder «eher» einverstanden. 2001 teilten diese Meinung nur noch 60 Prozent.

Bis 2011 stieg dieser Anteil gemäss einer Umfrage der Milak zwar wieder auf 69 Prozent an. Ein Jahr später verschlechterte sich das Ergebnis aber deutlich: 2012 glaubten nur noch 37 Prozent, dass ein Weitermachen im Militär die «Chance in der Berufswelt» erhöht. Wie dieser Einbruch zu erklären ist, war gestern von den Studienautoren nicht in Erfahrung zu bringen. Es ist aber naheliegend, dass die neue Antwortmöglichkeit «teils, teils» massgeblich zur Veränderung der Ergebnisse beigetragen hat. Seit 2012 ging die Milak in ihrer jährlichen Sicherheitsstudie nicht mehr auf das Verhältnis von Milizkarriere und Beruf ein.

Führungserfahrung – egal, wo

Überrascht es das VBS, dass Schweizer Grosskonzerne sagen, dass es für sie bei der Stellenvergabe keine Rolle spiele, ob jemand in der Armee einen hohen Posten habe oder nicht? Ein Sprecher antwortet ausweichend: «Die Armee ist die beste praktische Führungsschule der Schweiz, das wird uns auch von wichtigen Wirtschaftsführern attestiert.» Die Armee biete unentgeltlich eine systematisch vermittelte, praktische Führungsausbildung, die sich im zivilen Arbeitsalltag 1:1 umsetzen lasse. «Die Wirtschaft hat das in den vergangenen Jahren wieder verstärkt zur Kenntnis genommen.»

Die angefragten Grosskonzerne bestätigen, dass es für viele Jobs wichtig sei, dass ein Bewerber Führungserfahrung vorweisen könne. Allerdings sagen sie auch unisono, dass es unwichtig sei, wo diese Führungserfahrung erworben wurde: «Das Militär ist nur eine von vielen Möglichkeiten, Führungserfahrung zu sammeln. Daneben kann Führungskompetenz unter anderem auch an der Universität, der Fachhochschule und im Beruf erworben werden», schreibt etwa Novartis.