CEO des grössten Schweizer Baukonzerns Implenia: «Die Schweiz muss investieren»

Anton Affentranger (62) hat Implenia, grösster Schweizer Baukonzern, als CEO und Präsident durch die letzten zwölf Jahre geführt. Diese Woche stellte er zum letzten Mal die Geschäftszahlen vor. Auf Ende September tritt er ab.

Interview: Niklaus Vontobel
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Anton Affentranger, langjähriger CEO von Implenia. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Anton Affentranger, langjähriger CEO von Implenia. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Herr Affentranger, die letzten zwölf Jahre brachten Implenia rasantes Wachstum – und die nächsten zwölf?

Ich wurde häufig kritisiert, Implenia wachse zu schnell. Ich bin da anderer Meinung: Wir werden weiter kräftig zulegen müssen. Heute erwirtschaften wir rund 3,9 Milliarden Umsatz, unser Ziel ist es, mittelfristig 5 Milliarden zu erreichen. Aber die kritische Grösse liegt noch deutlich höher.

Können Sie eine Zahl nennen?

Nein, substanziell höher als 5 Milliarden. Das ist immer noch klein, vor allem im europäischen Vergleich. Unserer Konkurrenten setzen 20, 30 oder 40 Milliarden um.

Sollte sich auch Implenia an solchen Zahlen orientieren?

Ich sage nicht, wir müssten die Grössten sein. Wir sind sehr gut aufgestellt in Europa, aber die kritische Grösse haben wir noch nicht erreicht.

Woraus folgt der Zwang zu einer bestimmten Grösse?

In unserem Geschäft bleibt nur eine geringe Marge, rund 3 Prozent auf das ganze Jahr gesehen. Gleichzeitig müssen wir investieren können: in die Sicherheit auf Baustellen oder in Digitalisierung etc. Das Geld dafür muss aus diesen drei Prozent Marge kommen. Wenn Sie das machen, ohne die nötige Grösse zu haben, bleibt kein Gewinn mehr übrig. Also müssen wir weiterhin wachsen.

Was hat das Wachstum der letzten Jahre für Sie privat verändert?

Letzten Montag stand ich beispielsweise staunend in Berlin auf einer Baustelle von uns. Implenia baut dort die U-Bahn vom Alexanderplatz bis zum Brandenburgertor. Wir, die kleine Schweizer Implenia, bauen am Brandenburgertor. Was wir heute in Deutschland haben, das ist schon unglaublich. Diesen Sommer habe ich auch öfter Fotos von Schweizer Touristen gemailt bekommen, die auf ihren Reisen irgendwo durch Europa unserem Konzern-Logo begegnet sind. So etwas freut die Menschen, und mich selber auch.

Stichwort Reisen in Europa, was wird die Katastrophe in Genua verändern?

Das ist natürlich tragisch, eine Katastrophe. Am gleichen Morgen als die Brücke einstürzte, hielt ich an einer Tagung einen Vortrag über den europäischen Markt, insbesondere über die Infrastruktur. Ich sprach also unter anderem über Brücken in der Schweiz und in Deutschland, während in Genua diese Brücke einstürzte. Am Nachmittag erfuhr ich davon.

Es ist eine Tatsache, dass der Zustand der Infrastruktur in der Schweiz und in Deutschland nicht gut ist

Was muss die Schweiz oder Deutschland daraus lernen?

Es ist eine Tatsache, dass der Zustand der Infrastruktur in der Schweiz und in Deutschland nicht gut ist. Ich glaube zwar nicht, dass auch bei uns Brücken einstürzen können. Aber es wäre arrogant zu sagen, was in Italien möglich ist, ist bei uns völlig ausgeschlossen.

Wenn Sie sagen, die Infrastruktur sei «nicht gut», das beziehen Sie mehr auf Deutschland oder auf die Schweiz?

Unsere Infrastruktur ist in einem weitaus besseren Zustand als jene in Deutschland. Dort habe ich mir schon selber Brücken vor Ort angesehen, weil ich schlicht nicht glauben konnte, was mir meine Kollegen berichteten. Dergleichen gibt es in der Schweiz zum Glück nicht.

Was macht Ihnen Sorgen an der Schweizer Infrastruktur?

Das Bundesamt für Strassen ist bei uns sehr konsequent, da wird sehr frühzeitig eingegriffen. Aber dennoch liegt auch in der Schweiz vieles im Argen. Nicht die Brücken, aber fahren Sie einfach einmal auf der Autobahn oder mit der Bahn. Beide Verkehrssysteme sind heute dermassen überlastet, dass die Schweiz über kurz oder lang nicht um grosse Investitionen herumkommen wird.

Nationalbank und Finanzmarktaufsicht fürchten, in der Schweiz könnten zu viele Wohnungen gebaut werden. Rasch gewachsen ist vor allem der Markt für Wohnungen, mit denen eine Rendite erzielt werden soll. Sind die Sorgen gerechtfertigt?

Wir sollten heute nicht noch mehr Wohnungen auf die grüne Wiese stellen. Stattdessen sollten wir dichter bauen auf bereits genutzten Flächen. Heute entstehen tatsächlich vor allem dort neue Wohnungen, die Nachfrage ist riesig. Wir haben ein Projekt, das noch nicht einmal fertiggestellt ist – aber zwei Drittel der Wohnungen sind verkauft. In peripheren Lagen gilt es hingegen vorsichtiger zu sein.

Sie meinen dabei vor allem ländliche Regionen?

Ja, genau dort steigt auch die Zahl der leer stehenden Wohnungen. Dort kann es dann tatsächlich Objekte haben, die sich nicht vermieten lassen.

Insgesamt entwickelt sich der Immobilienmarkt aber auf gesunde Weise?

Die fundamentalen Daten sind gut, ja. Die Einwanderung hat abgenommen, ist aber noch immer positiv. Die Zinsen sind etwas angestiegen, aber im historischen Vergleich weiter sehr niedrig. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist gering.

Warum macht sich die Schweizerische Nationalbank dann Sorgen?

Sie fragt sich natürlich, was geschieht, wenn die Zinsen wieder nach oben gehen. Können dann all die neu vergebenen Hypotheken noch bedient werden. Das ist meiner Ansicht nach ein Thema für die Banken. Haben sie ihre Kunden richtig eingeschätzt, können diese auch höhere Zinsen tragen?

Wo werden Sie nach Ihrer Implenia-Zeit beruflich wieder auftauchen?

Ich habe noch keine Ahnung, wirklich nicht. Natürlich sind schon zig Anfragen gekommen. Aber ich will nun erst einmal bei Implenia abschliessen, dann schaue ich weiter.