Früher galt in der Hochkonjunktur: Die Schweiz holt sich die Arbeitskräfte, die sie für ihr Wachstum braucht. Wenn nicht in Deutschland, weil dort vielleicht die Konjunktur gut läuft, dann in Italien oder Spanien. So gross war die Anziehungskraft, doch nicht so im Boomjahr 2018. Die Wirtschaft rekrutiert nicht im gleichen Masse wie früher. Die Abwanderung nimmt zu. Die Experten rätseln.

Im Aufschwung von 2007 stieg die Zuwanderung noch stark an. Die Wirtschaft wuchs um rund 4 Prozent, die Zuwanderung verdoppelte sich. Mitte 2008 wurde ein Höchstwert erreicht: Rund 100 000 Personen mehr wandern ein, als aus der Schweiz wegziehen. Als die Schweiz in der Finanzkrise in eine Rezession fällt, sinkt die Zuwanderung netto auf etwa 70 000 Personen. 2013 und 2014 erreicht das Wachstum wieder knapp 2 Prozent – schon wandern jährlich wieder rund 80 000 Menschen ein. Das Wort «Dichtestress» kommt auf, 2014 wird die Masseneinwanderungs-Initiative angenommen.

2018 bleibt alles ruhig. Die Schweiz erlebt zwar einen Boom. Um knapp 3 Prozent wird die Wirtschaft zulegen. Arbeitsplätze werden doppelt so schnell geschaffen wie in den zwei Vorjahren. Doch die Zuwanderung kommt nicht wesentlich höher zu liegen als 2017. Damals fiel sie auf netto 53 000 Personen, tiefster Stand seit zehn Jahren. Bis zum Jahresende 2018 dürften es nun 60 000 Personen werden, so die Prognose der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF). «Die Zunahme ist deutlich geringer, als zu erwarten wäre angesichts des Wirtschaftswachstums», sagt Michael Siegenthaler, KOF-Arbeitsmarktexperte.

Erstmals weniger Grenzgänger

Ein unerwartetes Bild zeigt auch die Zahl der Grenzgänger. Zwanzig Jahre lang stieg sie unaufhörlich. Selbst die Finanzkrise konnte daran nichts ändern, auch nicht die Aufhebung des Mindestkurses durch die Nationalbank. Doch im dritten Quartal 2018 kamen auf einmal weniger Grenzgänger, mitten in der Hochkonjunktur.

Für diese unerwartete Entwicklung gibt es keine allgemein akzeptierte Erklärung, nur erste Ansätze. Häufig wird gesagt, die europäische Wirtschaft laufe besser. Die Arbeitnehmer blieben lieber daheim. Doch dem war früher nicht so, sagt KOF-Experte Siegenthaler. Der Wirtschaftsgang in den Heimatländern habe beeinflusst, woher die Arbeitskräfte kamen. Weniger Deutsche, mehr Spanier zum Beispiel. Das Total änderte nicht. Und 2018? «Allenfalls ist es dieses Mal anders, weil die Wirtschaft nicht nur in einzelnen Heimatländern besser läuft, sondern in allen.»

Oder es dauert dieses Mal alles länger als früher – und die Zuwanderung zieht erst 2019 kräftiger an. «Die Unternehmen könnten mehr Zeit brauchen, um Arbeitskräfte aus anderen Ländern anzuwerben», sagt Siegenthaler. So müssen etwa Spitäler erst Know-how und Infrastruktur aufbauen, bis sie mehr Fachkräfte aus Polen anlocken können.

Eine Erklärung wäre die Demografie. Die Babyboomer gehen allmählich in Rente. Gerade in Ländern wie Italien oder Deutschland werden Fachkräfte knapp. «Es könnte sein, dass die Schweiz diesen Trend erstmals zu spüren bekommt», sagt Siegenthaler. So müsse man etwa zunehmend mit Deutschland um Lehrer konkurrenzieren. Wodurch wohl die Löhne steigen und die öffentlichen Budgets stärker belastet würden. Doch wahrscheinlich werde dieser Wettstreit um Fachkräfte erst später spürbar werden.

Was sich sagen lässt: Die Zuwanderung ist netto auch darum geringer, weil mehr Menschen die Schweiz verlassen. Derzeit sind es jährlich beinahe 100 000 Ausländer, fast doppelt so viele wie im Jahr 2005. Vor allem Spanier, Italiener und Portugiesen zieht es vermehrt in die Heimat. Viele kamen mit den Zuwanderungswellen von 2005 bis 2015. Nun sind sie im rechten Alter, um in die Heimat zurückzukehren. Oder sie haben hierzulande lange genug gearbeitet. Nur wäre dennoch zu erwarten, dass die Zahl der Rückkehrer in einer Hochkonjunktur geringer ausfiele.

Und die Politik?

Nicht zuletzt ist offen, welche Wirkung die Politik hat. Es wird sich kaum je aus den Statistiken herauslesen lassen, ob die Einwanderungs-Initiative nachwirkt. Die Experten halten sich darum zurück. Anekdotische Evidenz wird dagegen vorgetragen. Von zugewanderten Kollegen sei zu hören, in Deutschland sei die Botschaft durchaus angekommen. Zumal die Initiative medial breit diskutiert wurde. Auch die Stellenmeldepflicht ist noch ein Rätsel. Gemeinhin wird diesem politischen Kind des früheren FDP-Präsidenten Philipp Müller wenig Wirkungskraft zugetraut. Andererseits gibt es auch keinerlei Erfahrungswerte dazu.