Chemie
Die Schlacht um Clariant eskaliert

Das Ringen um die Fusion der beiden Chemiekonzerne Clariant und Huntsman spitzt sich zu. In einem bisher kaum beachteten Brief greift Huntsman-Chef Peter Huntsman die oppositionellen Grossaktionäre aus den USA frontal an.

Andreas Möckli und Daniel Zulauf
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Clariant-Chef Hariolf Kottmann und sein Gegenpart Peter Huntsman (r.). Siggi Bucher/Key

Clariant-Chef Hariolf Kottmann und sein Gegenpart Peter Huntsman (r.). Siggi Bucher/Key

KEYSTONE

Die Clariant-Gegner gehen aufs Ganze. Der Kampf um die Vorherrschaft beim Spezialchemiekonzern mit Sitz in Pratteln BL gleicht einem Poker- spiel. Während unsereins gewöhnlich ein paar Franken einsetzt, geht es hier um Milliarden. Die Zocker auf der einen Seite des Tisches sind drei Amerikaner, die gemeinsame Sache machen. Es handelt sich dabei um zwei Industrielle namens David Winter und David Millstone und den Hedgefonds-Manager Keith Meister. Die beiden «Davids» führen zusammen den US-Konzern Standard Industries, ein Konglomerat, das sich als weltweit grösster Hersteller von Dachabdichtungen betätigt.

Die beiden Amerikaner sind über ihr Investmentvehikel 40th North seit 2016 an Clariant beteiligt. Diesen Mai gab das Baselbieter Unternehmen bekannt, mit dem US-Chemiekonzern Huntsman fusionieren zu wollen. Doch das passte den beiden «Davids» gar nicht. Nach gut fünf Wochen machten sie ihren Unmut öffentlich und gaben bekannt, inzwischen 7,2 Prozent aller ClariantAktien gekauft zu haben. Gleichzeitig holten sie mit dem Hedgefonds-Manager Keith Meister einen Verbündeten an Bord, der weiss, wie man in solchen Situationen die Gegenseite in Bedrängnis bringt. Inzwischen sind die drei Amerikaner mit 15,1 Prozent an Clariant beteiligt, wie sie Anfang dieser Woche bekannt gegeben haben. Der aktuelle Wert dieses Anteils beträgt 1,2 Milliarden Franken. Das Vehikel, das ihre Beteiligung an Clariant zusammenfasst, haben sie White Tale getauft.

Winter, Millstone und Meister argumentieren vordergründig, dass die geplante Fusion den Wert der Clariant-Aktien zerstöre und das Unternehmen daran hindere, Alternativen zu prüfen. Was das Ziel der Amerikaner ist, bleibt weiterhin im Dunkeln. Es liegt die Vermutung nahe, dass die drei vor allem mehr Geld herausholen wollen, als dies mit der Fusion möglich wäre.

Nun hat die Schlacht um Clariant eine neue Eskalationsstufe erreicht. Anfang Woche schickte das White-Tale-Trio einen Brief an Clariant-Chef Hariolf Kottmann und Verwaltungsratspräsident Rudolf Wehrli. Darin gaben sie ihre höhere Beteiligung bekannt und legten nochmals ihre bereits bekannten Argumente gegen die geplante Fusion dar. Die Antwort von Clariant folgte 14 Stunden später. Was in der Schweiz jedoch unbeachtet blieb, ist das Schreiben von Huntsman-Chef Peter Huntsman, das nur wenige Stunden nach dem Clariant-Brief veröffentlicht wurde. Und dieses hat es in sich.

Peter, Sohn des Firmengründers Jon Huntsman senior, nimmt im Gegensatz zu Clariant kein Blatt vor den Mund. White Thale rede Huntsman nur deshalb schlecht, um die «Fusion unter Gleichen» entgleisen zu lassen. Letztlich gehe es White Thale einzig darum, den Aktienkurs von Clariant in die Höhe zu treiben. Die Gruppe habe dabei eine «destruktive Hochrisiko-Strategie» entwickelt, um Clariant zu zerlegen.

Milliarden verloren

Schliesslich zielt Huntsman direkt auf Hedgefonds-Manager Keith Meister. Die Performance der Huntsman-Aktie seit März 2016 betrage über 150 Prozent. Damals gab der US-Chemiekonzern anlässlich eines Investorentags neue Finanzziele bekannt. Die eigene Performance der Huntsman-Aktie sei weit höher, als die des Hedgefonds von Meister in der gleichen Zeit. Statt Clariants Motive anzuzweifeln, sollten sich die Aktionäre des Schweizer Chemiekonzerns vielmehr fragen, wieso Meisters Hedgefonds in den letzten Jahren Milliarden an Kundengeldern verloren habe und seine Rendite so schwach gewesen sei.

Die scharfen Worte von Huntsman kommen nicht von ungefähr. Er und Meister sind sich bereits 2013 in die Haare geraten. Damals versuchte Meister den US-Konzern dazu zu drängen, sein Pigment-Geschäft zu verkaufen. Doch Peter Huntsman liess den Vorstoss abprallen. Stattdessen legte er die Sparte mit Teilen einer zugekauften Firma zusammen und brachte das Geschäft an die Börse. Wie aus dem Umfeld von Clariant zu hören ist, erzielte Meister mit seinem damaligen Huntsman-Engagement zwar einen Gewinn, doch längst nicht so viel, wie sich der Hedgefonds-Manager erhoffte.

Clariant will nicht aufbessern

Um möglichst rasch viel Geld herauszuholen, hätte das White-Tale-Trio auf einen besseren Deal für die Clariant-Aktionäre und somit auch für sich selbst pochen können. Der Weg führt über ein Austauschverhältnis zugunsten des Baselbieter Konzerns. Clariant schafft nun Klarheit: «Eine Aufbesserung des Austauschverhältnisses zugunsten der Clariant-Aktionäre kommt für uns nicht infrage», sagt Firmensprecher Kai Rolker zur «Schweiz am Wochenende». Der bindende Fusionsvertrag zwischen Clariant und Huntsman lasse dies gar nicht zu. Man habe die Lehren aus anderen Fusionen gezogen und dies daher explizit ausgeschlossen. Er spielt damit auch die Lafarge-Holcim-Fusion an. «Es würde nicht nur dem Buchstaben des Vertrags, sondern vor allem auch dem Geist der Fusion widersprechen, das Austauschverhältnis im Nachhinein neu zu verhandeln», sagt Rolker.

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