Etwas mehr oder etwas weniger als eine Million Franken? Diese Frage hat in den letzten Wochen zwischen Bundesrat und den SBB zu einer Kontroverse von seltener Heftigkeit geführt. Die SBB pochten darauf, dass ihr Konzernchef Andreas Meyer für das Jahr 2020 einen Vergütungsrahmen erhält, der knapp über einer Million Franken liegt. Und sie setzten die Regierung ordentlich unter Druck, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet.

In einem Brief wandte sich SBB-Präsidentin Monika Ribar noch vor dem Entscheid an den Bundesrat. Darin wies sie darauf hin, dass die Gefahr drohe, Meyer könnte die Firma verlassen, sollte er nicht den beantragten Lohndeckel erhalten. Die Rechnung ging auf. Der Bundesrat hat am Freitag die beantragten Löhne genehmigt und sich damit gegen einen Kürzungsvorschlag ausgesprochen, den Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga zur Diskussion gestellt hatte.

Der Entwurf der SP-Bundesrätin sah vor, Meyers Maximallohn um 4 Prozent zu kürzen, so dass dieser unter der Schwelle von einer Million Franken zu liegen käme. Doch der Vorschlag kam nicht durch, wie am Samstag auch die NZZ berichtete.

Dies bedeutet indes nicht, dass der Bundesrat mit den Lohnentwicklungen zufrieden wäre. In seiner Mitteilung vom Freitag wiederholt er darum noch einmal seine Erwartung, dass die bundesnahen Unternehmen die höchsten Vergütungen in den Konzernleitungen senken. Die SBB ihrerseits schreiben auf Anfrage, ihre Anträge beruhten auf bestehenden Arbeitsverträgen und Reglementen; weiter wollen sie sich zur Kontroverse nicht äussern.

Zur Frage, ob Bahnchef Meyer im Fall von Lohneinbussen das Unternehmen verlassen würde, heisst es: «Diese Frage stellt sich aufgrund der aktuellen Lage nicht.»

Sparkurs: Immer mehr Temporäre

Während der Chef mehr verdient, wird andernorts gespart. Die SBB beschäftigen immer mehr Temporäre, die nicht dem GAV unterstehen. Vor fünf Jahren waren es noch 1120, im vergangenen Jahr wuchs ihre Zahl auf 3253. Das zeigen neue Zahlen, die seit dieser Woche öffentlich sind.

Jürg Hurni (57), Sekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals, sagt gegenüber SonntagsBlick: «Die SBB engagieren immer mehr Temporäre, um Personalkosten zu sparen. Fällt ein Temporärer krankheitshalber aus, tut das den SBB nicht weh, da sie ihn dann auch nicht bezahlen müssen.»

Die meisten Temporären sind im Bereich Personenverkehr tätig. Hurni: «Nicht nur in der Zugreinigung, sondern auch in den Werkstätten.» Im SBB Werk Olten etwa seien rund 300 der 800 Büezer nicht dem ordentlichen GAV unterstellt. Ihre offiziellen Arbeitgeber sind Firmen wie Adecco Human Resources, Das Team, Interiman Group Services, Kelly Services, Manpower, Randstad.

Die SBB rechtfertigen den Einsatz von Temporären mit dem «Brechen von Personalspitzen». Sprecher Christian Ginsig: «Wir greifen auf Temporärarbeitende zurück, um grosse Auftragsvolumina abzudecken, um Personalressourcen flexibel einsetzen zu können und die benötigte Verfügbarkeit sicherzustellen. Oder auch, um eine spezifische Expertise oder eine Aussensicht  einzuholen.» (CHM)