Fernverkehrskonzession
Die SBB haben Angst vor dem Wettbewerb mit der BLS

Die Vergabe der Fernverkehrskonzession bereitet den SBB Kopfschmerzen – verzweifelt drohen sie mit Konsequenzen.

Philipp Felber
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Die BLS soll statt den SBB künftig zwei Strecken im Fernverkehr fahren.

Die BLS soll statt den SBB künftig zwei Strecken im Fernverkehr fahren.

KEYSTONE

Es klang wie eine Drohung: «Wenn Wettbewerb gewollt ist, dann werden wir ihn annehmen», sagte Toni Häne, Personenverkehrs-Chef der SBB. Er reagiert mit dieser Aussage auf den Entscheid des Bundesamts für Verkehr (BAV), die Konzession für zwei Fernverkehrslinien der BLS geben zu wollen. Direkt nach dem Entscheid im April liessen die SBB noch kryptisch verlauten, dass ein solcher Schritt gut überlegt werden sollte. An der Medienkonferenz vom Freitag wurden SBB-Chef Andreas Meyer und Toni Häne nun deutlich.

Der Entscheid des Bundesamts habe keine politische Legitimation, die Billettpreise würden dadurch steigen, sagten Meyer und Häne. Es steige die Gefahr, dass künftig ausländische Bahnfirmen die Schweizer Bahnen existenziell bedrohen könnten. Denn eine Kriegskasse, um Konkurrenz aus dem Ausland abzuwehren, hätten die SBB nicht. Zudem argumentiert Meyer, dass die SBB mehr seien als nur ein Verkehrskonzern, sondern auch etwas zum Zusammenhalt der Schweiz beitragen würden. «Der Wegfall der beiden Linien scheint klein, aber es ist eine gravierende Veränderung des Systems», sagte Meyer.

BLS gab Fernverkehr einst auf

Doch bei allen Warnungen der SBB: So lange ist es nicht her, als sich BLS und SBB den Fernverkehr teilten. Erst 2004 wurde das heute gültige System eingeführt. Damals gab die BLS den Fernverkehr im Tausch gegen die S-Bahn im Raum Bern auf.

Das BAV will nun wieder Wettbewerb im Fernverkehr. Im April kommunizierte das Bundesamt, dass die BLS ab Fahrplanwechsel im Dezember 2019 zwei Fernverkehrsstrecken bekommen soll. Und zwar von Olten über Burgdorf nach Bern und von Bern nach Biel. Die BLS hatte ein Konzessionsgesuch über fünf Strecken abgegeben, erhielt nun zwei.

Die rentabelsten Linien, Basel–Interlaken und Basel–Brig, bleiben bei den SBB. Deshalb war die BLS nicht wirklich zufrieden mit dem Entscheid des BAV. Man liess im Nachhinein nur verlauten, dass die BLS die Situation neu überdenken müsse. Denn: Mit den beiden Strecken, welche die BLS von den SBB übernehmen soll, lässt sich kaum Geld verdienen. Häne sprach gestern von einer Schwarzen Null, die damit generiert werden kann.

SBB wollen die Führung behalten

Das Schweizer öV-System sei stark auf Kooperation ausgerichtet, sagte Meyer. Dieser Kooperationsgedanke werde mit dem Entscheid des Bundesamts geritzt. «Wir sagen nicht, dass Wettbewerb gar keine Vorteile hat, aber man muss aufpassen.» Doch es sei ein künstlicher Wettbewerb, der hier aufgebaut werde. «Es ist das gleiche Angebot, die praktisch identischen Züge. Was ist der Vorteil für die Kunden?», fragte Toni Häne. Die SBB sehen keinen.

Die SBB haben denn auch eine eigene Lösung für den Streit zwischen den Bahnen: eine Mehrbahnenlösung unter der Führung der SBB. Kooperationen, wie sie die SBB mit der Südostbahn eingegangen sind, weil diese sich auch um eine Konzession bemühte. Das sichtbare Zeichen der Zusammenarbeit: Künftig sind die Züge der Südostbahn, welche zusammen mit den Bundesbahnen betrieben werden, zusätzlich mit dem Logo der SBB beschriftet.

BLS ist weniger nervös

Beim SBB-Konkurrenten BLS gibt man sich gelassener. Zwar habe die BLS noch nicht darüber entschieden, wie man auf die Idee des BAV reagieren soll. Doch: «Die betriebliche Zusammenarbeit ist nicht gefährdet, wenn die BLS Strecken im Fernverkehr übernehmen kann», sagte Mediensprecherin Helene Soltermann auf Anfrage. Ob verschiedene Firmen den Regionalverkehr oder nun auch den Fernverkehr betreiben, mache dabei keinen Unterschied aus. Genau dies fürchten aber die SBB. Dass das gut geölte Schweizer öV-System gestört werde, wenn im Fernverkehr Konkurrenz aufkommt.

Mit Konsequenzen für die Kunden, wie die SBB warnen: «Der Entscheid des BAV läuft unserer Zielsetzung entgegen, die Preise stabil zu halten oder in Zukunft gar zu senken», sagte Häne. Heisst: Die Preise werden steigen. Überrascht wurden die SBB offenbar auch von der Idee des BAV, dass eine maximale Umsatzrendite von acht Prozent im Fernverkehr gelten soll. Wer mehr vorwärtsmacht, zahlt dieses Geld in den Topf für den Erhalt und Ausbau des Schienennetzes ein. Die Deckelung der Rendite bremse den unternehmerischen Spirit.

Beschwerde als Notnagel?

Noch bis zum 23. Mai läuft die Anhörungsphase für den Konzessionsentscheid. Für die SBB ist klar: Man will eine Grundsatzdiskussion, ob der Fernverkehr wirklich geöffnet werden soll. «Es macht keinen Sinn, Bahnen gegeneinander aufzuhetzen», sagt Andreas Meyer. Entscheidet das BAV gegen die SBB, überlegen sich die Bundesbahnen, eine Beschwerde einzureichen. Und: «Wir halten uns an die geltenden Spielregeln. Wenn sich was ändert, werden wir uns überlegen, im nächsten Jahr bei der Vergabe der S-Bahn-Linien im Raum Bern mitzubieten», sagte Toni Häne. Mit diesem Schritt würden die SBB die BLS in deren Hoheitsgebiet angreifen. Und den Wettbewerb zwischen den Bahnen erst recht lancieren.