Kapitlamarkt

Die Risiken und Nebenwirkungen der Politk des Gratis-Geldes

Geld war noch nie so billig wie heute.

Geld war noch nie so billig wie heute.

Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten – auch in der Geldpolitik. Mit Krisenmassnahmen haben die Notenbanken die Reichen reicher gemacht, Preisblasen aufgepumpt, Sparer um die Zinsen gebracht und Banken in eine Sinnkrise gestürzt

Vor sieben Jahren begann der Aufschwung an den Aktienmärkten in den USA und dann weltweit. Die Kursavancen wurden befeuert durch die Liquidität in Billionenhöhe, welche die Notenbanken über diese Jahre billig zur Verfügung stellten.

Die noch immer anhaltende Börsenhausse ist zu einer der längsten der jüngeren Börsengeschichte geworden. Viele Beobachter sehen in der immer deutlicheren Korrekturanfälligkeit der Börsen in den letzten Monaten, dass sich dieser Zyklus seinem Ende nähert.

Dass das Vermögen der Besitzer von Wertschriften durch die expansive Geldpolitik steigt, ist für die Ankurbelung der Wirtschaft durchaus beabsichtigt. Ein nicht gewollter Nebeneffekt ist aber, dass sich damit die Ungleichheit in der Vermögensverteilung in den letzten sieben Jahren verschärft hat.

Wer hat, dem wird gegeben

Der Besitz an Aktien und generell Wertschriften steigt in der Regel mit dem Alter – das ergibt sich schon aus dem Vorsorgesystem: Die Pensionskassen legen das Geld der Arbeitnehmer in Wertschriften an. Das Altersguthaben erreicht zum Zeitpunkt der Pensionierung seinen Höhepunkt.

Die Europäische Zentralbank (EZB) beobachtet das – auch von der Geldpolitik verursachte – Problem mit Sorge.

EZB-Präsident Mario Draghi moniert ein zunehmendes Wohlstandsgefälle zwischen jungen und älteren Menschen in der Eurozone. «Das ist ein Thema, das sich alle unsere Gesellschaften sorgfältig anschauen müssen», sagte Draghi in einem am Freitag auf der EZB-Website veröffentlichten Interview mit der britischen Zeitung «The Guardian».

Auch die Bank für Internationalen Zahlungsverkehr (BIZ), sozusagen die Zentralbank der Zentralbanken, beobachtet das Phänomen mit Argusaugen. In einer Studie kommt sie zum Schluss, dass die Vermögensungleichheit seit dem Ausbruch der grossen Finanzkrise von 2008 zugenommen hat. Hauptgrund seien die steigenden Aktienkurse.

Die Erholung bei den Wohnimmobilienpreisen habe diesen Effekt nur teilweise kompensieren können. Die Geldpolitik dürfte insofern zur Ungleichheit beigetragen haben, als sie die Aktienkurse beflügelt hat.

Kollateralschaden Bubbles

Die grosse Grafik oben zeigt, wie sich die Vermögensschere in einzelnen ausgewählten europäischen Ländern entwickelt hat. Gemessen wird, wie das Vermögen zu- oder abgenommen hat (in Prozent).

In Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien ist demgemäss das Vermögen der reicheren Schicht viel schneller gewachsen als in der unteren Mittelklasse. In Grossbritannien sind die Unterschiede geringer. In den USA sind vor allem die Verlustphasen der ärmeren Schichten dramatischer, da ihre Portfolios weniger gross und diversifiziert sind. Ihre Risiken sind auf weniger Anlageklassen verteilt.

Ein weiterer Kollateralschaden des billigen Notenbankgeldes ist, dass diese Politik die Preise von einzelnen Anlageklassen auf extreme Weise hat steigen lassen. Man spricht hier auch von Preisblasen (Bubbles). Ein typisches Beispiel ist der Häusermarkt; davon kann die Schweizerische Nationalbank (SNB) ein Lied singen. Um den Franken so unattraktiv wie möglich zu machen und so seine Aufwertung zu verhindern, muss sie die Zinsen seit Jahren tief oder gar negativ halten. Das schlägt auch auf die Hypothekarzinsen durch. Sie sind seit Jahren rekordtief und haben die Nachfrage nach Wohneigentum angeheizt. Die Immobilienkrise in den 1990er-Jahren hat die Schweiz gelehrt, wie verheerend das Platzen einer Preisblase am Häusermarkt sein kann.

«Enteignung» der Sparer

Seit längerem wird darauf hingewiesen, dass die tiefen Zinsen auch einen weiteren Umverteilungseffekt haben. Wer einen Kredit aufnimmt, profitiert von tiefen Zinsen, wer das Geld ausleiht, hat das Nachsehen. Insbesondere hoch verschuldete Länder wurden durch die Tiefzinspolitik der Notenbanken entlastet, da die Schuldzinsen sehr niedrig waren. Aber auch Hauseigentümer haben durch tiefe Hypothekarzinsen stark profitiert. Die Gläubiger werden um die Zinszahlungen gebracht – oder in der etwas pathetischeren Schreibweise: enteignet. Die finanzielle Repression wurde zum Modewort

Bedrohte Schutzbefohlene

Seit die Notenbanken die Zinsen immer tiefer ins Minus drücken, steigt die Angst, dass die Sparer ihr Bargeld vom Bankkonto abheben und dann horten könnten. Die Zentralbanken befürchten also quasi das auszulösen, was sie von ihrem Mandat her im Notfall verhindern beziehungsweise ausgleichen müssten: den Abzug von Kapital und damit einen Liquiditätsnotfall bei den Geldinstituten.

Davor hat vor zwei Wochen Thomas Jordan, Präsident der SNB, gewarnt. Am Donnerstag erklärte auch sein Amtskollege Mario Draghi von der EZB, dass aus diesem Grund das Instrument der Negativzinsen womöglich bald an seine Grenzen stossen könnte, auch wenn das System als Ganzes noch keine Schaden genommen habe.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1