Wirtschaft

Die Post ertrinkt fast in der Paketflut – und will Kontingente für die 100 grössten Versandhändler einführen

Das Postzentrum in Härkingen, wo alle Pakete verteilt werden.

Das Postzentrum in Härkingen, wo alle Pakete verteilt werden.

Wegen des grossen Paketvolumens setzt die Post Mengenkontingente für die hundert grössten Kunden fest. Diese sind nicht erfreut. Doch der Paketversorgung drohe sonst der Kollaps, warnt der gelbe Riese. Die Post ertrinkt fast in der Paketflut – und will Kontingente für die 100 grössten Versandhändler einführen

Die Post transportiert derzeit so viele Pakete wie sonst in der Vorweihnachtszeit. Das sagte Post-Chef Roberto Cirillo letzte Woche im Interview mit CH Media. Aufgrund des Coronavirus muss das Unternehmen die Päckliflut jedoch mit deutlich weniger Personal bewältigen. 2300 Angestellte waren am Mittwoch krank geschrieben – gemäss NZZ sind 65 davon positiv auf das Coronavirus getestet. Hinzu kommen 2500 Personen, die nicht zur Arbeit können, da sie zur Risikogruppe gehören.

Die Post hat deswegen schon in der vergangenen Woche ihre Dienstleistungen reduziert. So hat sie die Zustellung von Sperrgutpaketen eingeschränkt. Zugestellt werden nur noch Waren, die unter Einhaltung der Social-Distancing-Regeln transportiert werden können. Gartenutensilien, Möbel, Lampen, Fitnessgeräte und Fernseher können nicht über den Postweg geliefert werden.

Online-Bestellungen sorgen für Dauerstress im Paketzentrum Härkingen

Online-Bestellungen sorgen für Dauerstress im Paketzentrum Härkingen (30.3.2020)

Die Händler müssen nach Alternativen suchen. Das ist mit Verzögerungen und Mehrkosten verbunden. Gemäss Post gab es beim Volumen der Stückgutsendungen immerhin eine gewisse Entspannung. Zudem wurde bei den zehn grössten Händlern auch bei den Standardpaketen eine Mengenbeschränkung festgelegt – ohne wirkliche Verbesserung.

Paketversorgung in der Schweiz gefährdet

Nun geht die Post aber noch einen Schritt weiter. Sie legt für die hundert grössten Händler Mengenkontingente für Standardpakete fest. «Wir haben in den letzten Tagen mehrfach auf die enorme Zunahme der Paketmengen hingewiesen.

Nun ist die Post gezwungen, als Notfallmassnahme ab sofort bei den Standardpaketen ein Mengenkontingent pro Arbeitstag einzuführen», sagt eine Post-Sprecherin. Betroffen davon sind die hundert grössten Kunden im Bereich Paket. Die betreffenden Kunden wurden heute Donnerstag informiert. «Wir können die schiere Menge nicht mehr bewältigen. Damit ist die Paketversorgung der Schweiz als Ganzes gefährdet», sagt die Post-Sprecherin.

Einer der betroffenen Onlinehändler ist Lehner Versand aus Schenkon LU. Für den Versandhändler legte die Post eine täglich maximale Paketmenge von 3000 Sendungen fest. Das geht aus einem Schreiben der Post vor, das CH Media vorliegt. Darin wird die «unpopuläre Massnahme» mitgeteilt. Sollte das Kontingent nicht ausgeschöpft sein, ergebe sich sich daraus kein zusätzliches Kontingent für den Folgetag, betont die Post darin. Eingeschränkt werden auch die Abholungen durch die Post beim Händler.

Lehner-Chef Thomas Meier ist verärgert über die Einschränkung. Kein Wunder: Lehner verschickt normalerweise rund 5000 Pakete mit der Post. «Können wir täglich nur 3000 Pakete liefern, bleiben pro Tag 2000 Stück liegen. Nach Ostern sitzen wir auf einem Berg von 20'000 Paketen», sagt er. Lehner hat zudem viele Fragen zur Beschränkung. «Eigentlich fallen ja sämtliche Pakete von asiatischen Paketdienstleistern weg, da müsste die Post doch mehr verarbeiten können.»

Tatsächlich können Sendungen von chinesischen Anbietern wie Wish oder Aliexpress nicht geliefert werden, da derzeit nur wenige Transportflugzeuge in die Schweiz fliegen. «60'000 bis 100'000 Pakete fallen so täglich weg, da müsste die Post doch eigentlich mehr Kapazitäten haben», sagt Meier. In einem Brief an alle National- und Ständeräte fordert er, dass die Post in diesen «speziellen Zeiten» Sonntagseinsätze einführt und zudem Schweizer Webshops mit Arbeitsplätzen vor Ort generell bevorzugen müsste.

Seit 37 Jahren sei Lehner Kunde der Post. «Doch nun entstehen über Nacht zahlreiche neue Webshops, welche die ganze Postlogistik verstopfen», ärgert sich Meier. Stammkundenpflege stelle er sich anders vor. Lehner vermutet auch eine Ungleichbehandlung: «Werden etwa gewisse Händler priorisiert? Zum Beispiel Anbieter von Nahrungsmitteln oder Medikamenten?» Das dürfe nicht sein.

Die Post bedauere diese Massnahme. «Doch operationell können wir die Paketflut derzeit nicht mehr auffangen», sagt eine Sprecherin. Hinzu kommen die Einhaltung der Schutzmassnahmen des Bundesamts für Gesundheit zum Schutz der Mitarbeitenden. «Diese gehen vor. Die Gesundheit unserer Mitarbeitenden hat für uns oberste Priorität.» Die Post suche intensiv nach möglichen Massnahmen, um die Kontingentierung so schnell wie möglich wieder zu lockern.

Am späten Donnerstagabend teilt die Post noch mit, dass sie die Massnahme nicht wie vorgesehen per sofort umsetzen werde, sondern am Freitag (3. April) erneut das Gespräch mit den Kunden suchen wolle. Zudem muss sie für die Kontingentierung einen Antrag beim Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation einreichen. «Wir möchten deutlich betonen, dass die Zeit eilt, wenn wir nicht einen Kollaps der Paketversorgung der Schweiz riskieren wollen», so die Post-Sprecherin.

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