Als die Wirtschaft in vielen Staaten Europas am Boden lag, kauften sich die Schweizer durch die Krise: Während die Exportindustrie darunter litt, dass in den Nachbarländern das Geld fehlte, um Schweizer Produkte zu kaufen, etablierte sich der stabile Konsum im Inland als zuverlässige Säule der Schweizer Wirtschaft.

In den letzten Monaten hat diese Säule etwas zu bröckeln begonnen: Der Privatkonsum in der Schweiz, der mit 60 Prozent den grössten Anteil zum Schweizer Bruttoinlandprodukt beiträgt, hat deutlich langsamer zugelegt als erwartet. So gingen etwa die Verkäufe von neuen Autos im Vergleich zum Vorjahr um 5,8 Prozent zurück. Auch die Anzahl Hotelübernachtungen von Inländern in der Schweiz hat abgenommen. Ebenfalls einen Einfluss hatte die Tatsache, dass die Zuwanderung im Vergleich zum Vorjahr leicht zurückgegangen ist. Dadurch kamen weniger zusätzliche Konsumenten in die Schweiz.

Aufgrund der enttäuschenden Entwicklung korrigieren Ökonomen ihre Wachstumsprognosen für die Schweizer Wirtschaft reihenweise nach unten. Von der Schweizerischen Nationalbank über Raiffeisen, Credit Suisse und UBS bis hin zu Bakbasel – alle sind in ihren neusten Schätzungen deutlich weniger optimistisch als noch vor drei Monaten.

Panik ist fehl am Platz

Für das laufende Jahr senkten sie die Prognosen für das Wachstum des Bruttoinlandprodukts im Schnitt von 2 auf 1,5 Prozent. Für 2015 sieht es bei vielen ähnlich aus. Trotzdem sagt Jan-Egbert Sturm, Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, dass kein Grund zu ernsthafter Sorge bestehe: «Die Wachstumsprognosen sind nach wie vor auf einem guten Niveau.»

Auch das gesunkene Konsumniveau will Sturm nicht überbewerten: «Der Rückgang im ersten Halbjahr 2014 ist auch diversen Sonderfaktoren geschuldet.» So habe zum Beispiel der milde Winter dazu geführt, dass die Schweizer weniger heizen mussten. Dadurch sanken die Ausgaben für Energie.

Auch im Gesundheitswesen habe es einen Sondereffekt gegeben: die Umstellung der Spitalfinanzierung auf die neuen Fallpauschalen im Jahr 2012. Dadurch wurden viele Spitalkosten, die eigentlich im Jahr 2012 angefallen sind, im Jahr 2013 verrechnet. «Der Vergleich mit dem Vorjahr wird dadurch verzerrt», so Sturm.

Entscheidung fällt im Ausland

Aufgrund all dieser Aspekte ist es gemäss Sturm zu früh, beim Inlandkonsum von einer Trendwende zu sprechen: «Das Schweizer Konsumwachstum ist vielleicht etwas geringer, aber immer noch substanziell.»

Auf lange Sicht bereiten dem Wirtschaftsexperten die internationalen Unsicherheiten mehr Sorgen: «Wie sich das Schweizer Wirtschaftswachstum in den nächsten Monaten entwickeln wird, entscheidet sich hauptsächlich im Ausland.» Konkret: Es hängt davon ab, wie stark Schweizer Produkte im Ausland nachgefragt werden.

Zuletzt entwickelte sich die internationale Konjunktur weniger dynamisch als erhofft – vor allem in Europa. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt die Krise in der Ukraine sowie die Konfliktherde im arabischen Raum. Das führt zu Unsicherheit – und das ist nie gut für die wirtschaftliche Entwicklung.