Wechselkurs

Die plötzliche Schwäche des Frankens: Das sind die Gewinner und die Verlierer

Erneut frisst sich ein Wechselkursschock quer durch die Schweizer Wirtschaft. (Symbolbild)

Erneut frisst sich ein Wechselkursschock quer durch die Schweizer Wirtschaft. (Symbolbild)

Über drei Jahre nach Aufhebung der Eurountergrenze erreicht der Wechselkurs wieder die magische Grenze von 1.20 Franken pro Euro. Wem der abgeschwächte Franken nützt.

Erneut frisst sich ein Wechselkursschock quer durch die Schweizer Wirtschaft. Am Donnerstagabend stand der Franken bei 1.1976 Euro, innert eines Jahres hat er sich um rund 13 Rappen abgewertet. Die Wechselkursmechanik verändert nun abermals das Preisgefüge für Konsumenten und Unternehmen, es gibt neue Gewinner und Verlierer.

Konsumenten schadet die Frankenschwäche eher. Zuvor war der Preisdruck immens. Die Teuerung entwickelte sich so schwach wie nie in den Nachkriegsjahren. Nun dürften importierte Güter in der Schweiz teurer werden. In Konstanz kosten die Körperpflegeprodukte in Franken mehr, und das Budget für Auslandreisen muss wieder grosszügiger ausfallen. Allerdings ist der Franken auch bei 1.20 noch immer stark. Im Jahr 2008 stand er noch bei 1.60.

So entwickelte sich der Schweizer Franken

So entwickelte sich der Schweizer Franken

  

Lohnempfängern dürfte die Frankenschwäche eher wehtun. In der letzten Lohnrunde gingen Gewerkschaften und Arbeitgeber von einer schwachen Teuerung aus, wie sie in den Vorjahren vorherrschte. Doch dann zog die Teuerung an. Daher gingen die Prognostiker bereits vor der jüngsten Abwertung von einer realen Nullrunde aus: Die Teuerung würde Lohnerhöhungen grösstenteils wegfressen. Nun könnte ein Kurs von 1.20 die Teuerung stärker ansteigen lassen, die Löhne könnten real sinken.

Wie ein Konjunkturprogramm

Für die Gesamtwirtschaft wirkt die Abwertung jedoch wie ein Konjunkturprogramm. «Es ist also mit höherer Beschäftigung und einer schneller sinkenden Arbeitslosenzahl zu rechnen», sagt Yngve Abrahamsen, Leiter Konjunkturprognosen bei der Konjunkturforschungsstelle KOF. Die Arbeitsplätze werden in den meisten Branchen also tendenziell sicherer. Bereits ausgelagerte Produktionsstätten würden jedoch erst einmal nicht zurückkehren. «Dagegen können noch nicht umgesetzte Pläne für Produktionsverlagerungen zunächst aufgeschoben werden.» Den Branchen, die durch den starken Frankenkurs in regelrechte Margenkrisen gezogen wurden, bringt ein Kurs von 1.20 eine gewisse Entlastung. Für manches Unternehmen ist es jedoch noch ein weiter Weg.

Die Hotellerie, vor allem in den Berggebieten, galt nach dem Frankenschock als überteuert. In Deutschland war Urlaub in der Schweiz geradezu verpönt, Schweizer Gäste liefen in Scharen zu österreichischen Touristenorten über. Die Branche reagierte darauf mit Preisnachlässen. Im Herbst 2017 konnte man verkünden – gestützt auf Vergleiche auf Online-Portalen –, man habe preislich mit der Konkurrenz gleichgezogen. Nach der jüngsten Abwertung dürfte man nun gar einen gewissen preislichen Vorsprung haben.

Kritischer Finanzplatz

Auf dem Finanzplatz gibt es dagegen Stimmen, die vor einer zu grossen Abschwächung warnen. Ein bekannter Banker sagt zur «Nordwestschweiz», dass die Nationalbank ihre eigene Währung geschwächt und damit die Exportindustrie geschützt habe. Doch die SNB habe dadurch «Volksvermögen vernichtet». Dabei wäre es die Aufgabe der Nationalbank, das «Vermögen des Volkes zu vermehren und nicht zu reduzieren». Er meint, dass durch die gewollte Schwächung des Frankens sämtliche in Franken gehaltenen Vermögenswerte nun weniger wert sind. Das sei nicht nur für Investoren schlecht, sondern für jeden Normalverdiener. Wenn er seine sauer angesparten Franken ausgebe, erhalte er weniger fürs gleiche Geld oder müsse tiefer in die Tasche greifen.

Wichtig ist der Nationalbank, dass sie den Kampf gegen die Spekulanten gewonnen hat, so der Banker. Mit ihrem eisernen Festhalten an den Negativzinsen (minus 0,75 Prozent) konnten die Währungshüter diese nun in die Knie zwingen. Investoren hätten darauf spekuliert, dass die SNB ihre Negativzinsen aufgeben könnte. Jetzt hätten sie eingesehen, dass die Nationalbank noch lange daran festhalten könnte. «Wenn Investoren für das Halten von Franken bezahlen müssen, haben sie irgendwann einmal genug und schauen sich anderswo um», sagt er. Derzeit werde viel in den Dollar, Euro oder das britische Pfund investiert.

Obwohl die Spekulanten den Franken in Scharen verlassen, das Image der überteuerten Schweiz wird sich so schnell nicht ändern. «Der aktuelle Wechselkurs muss sich eine Weile halten, bis sich die Erkenntnis durchsetzt: Die Schweiz ist nicht mehr teuer», sagt Hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig daher.

Imagekorrektur nötig

Gleichzeitig müssen in der Hotellerie jedoch die Preise für Übernachtungen wieder rauf. Denn mit den Nachlässen hat sich die Branche eine Margenkrise eingehandelt. Es fehlt oftmals das Geld, um die eigene Infrastruktur instandzuhalten. Mehr von den Gästen zu verlangen, ohne dass diese zur Konkurrenz flüchten, wird auch mit einem schwächeren Schweizer Franken kein leichtes Unterfangen.

In der Industrie klagten 2017 über 40 Prozent der Unternehmen über eine unbefriedigende Ertragslage, so eine Umfrage. Ihnen fehlte das Geld, um etwa in die Erneuerung ihres Maschinenparks zu investieren. Mitschuld an dieser Misere war der Frankenkurs, der bis in den August noch unter 1.10 lag. Nun sieht es besser aus. «Wir gehen davon aus, dass der Anteil Unternehmen mit negativer oder ungenügender Marge in diesem Jahr weiter abnehmen wird», sagt ein Sprecher des Industrieverbands Swissmem. In welchem Umfang dies geschehe, sei heute schwierig abzuschätzen. Viel werde davon abhängen, wie sich die Konjunktur in wichtigen Absatzmärkten entwickle, etwa in Deutschland oder den USA. Zuletzt hat die Industrie zumindest wieder Arbeitsplätze geschaffen, statt abzubauen. Im vierten Quartal wurden mehr Beschäftigte registriert als im Vorquartal.

Der Detailhandel leidet schon länger unter dem starken Franken. Die Branche verlor in zehn Jahren rund 15 000 Arbeitsplätze. Und dies, obschon heute rund eine Million mehr Menschen hierzulande leben. Einige dieser Arbeitsplätze dürfte der Einkaufstourismus gekostet haben. Mit dem schwächeren Franken wird sich die Shoppingtour im Ausland nun für den einen oder anderen Konsumenten nicht mehr lohnen. Zuletzt stagnierte der Einkaufstourismus bei geschätzten 10 Milliarden. Doch mit einem starken Rückgang rechnet man in der Branche nicht. Dafür habe sich der Einkaufstourismus zu sehr etabliert, als dass eine Abschwächung von 1.20 eine Trendumkehr bewirken könne.

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