Die Schweizer Pharmaindustrie befindet sich auf der Überholspur. Wie neuste Zahlen zeigen, hat sich die reale Wertschöpfung der Branche innert zehn Jahren fast verdoppelt. Bis auf den Fahrzeugbau lassen die Medikamentenhersteller alle anderen Branchen weit hinter sich. Dies zeigt eine Studie der Konjunkturforscher von BAK Economics aus Basel, die vom Lobbyverband Interpharma in Auftrag gegeben wurde.

In absoluten Zahlen betrug die nomi- nale Wertschöpfung der Pharmabranche 28,9 Milliarden Franken im vergangenen Jahr, was 4,5 Prozent zur gesamten Wirtschaft beiträgt. Vereinfacht gesagt, errechnet sich die Wertschöpfung aus der Gesamtleistung einer Branche abzüglich der Vorleistungen wie etwa Ausgaben für Rohstoffe und die Produktion von Gütern oder Dienstleistungen.

Die Pharmaindustrie gibt diese Studie alle zwei Jahre in Auftrag. Sie will damit ihre volkswirtschaftliche Bedeutung hervorstreichen. Da sich die Branche insbesondere in der Vergangenheit vor allem in Basel konzentrierte, wurde und wird ihre Wichtigkeit von der restlichen Schweiz stets etwas unterschätzt.

Hinzu kommt, dass die Pharmaindustrie eine sehr hohe Wertschöpfung aufweist. Dies erreicht sie jedoch mit einer vergleichsweise geringen Zahl von Beschäftigten. Deshalb legen die Studienautoren grosses Gewicht auf indirekte Effekte, welche die Branche auslöst. So entstehen laut BAK Economics pro geschaffenen Arbeitsplatz in der Pharmabranche zusätzlich 3,2 Vollzeitstellen in anderen Branchen.

Spitzenwert bei der Produktivität

Interessant ist auch der Vergleich mit den Banken, die seit je als einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes gelten. Noch vor zehn Jahren war die Wertschöpfung der Banken um 60 Prozent höher. Absolute Zahlen nennt BAK Economics nicht. Inzwischen hat die Pharmaindustrie die Geldinstitute überholt. Betrachtet man jedoch die Zahl der Arbeitsplätze, so überflügeln die Banken mit rund 167 000 Stellen die Pharmabranche bei weitem. Letztere verfügt derzeit über rund 43 900 Arbeitsplätze.

Beachtlich ist dagegen das Wachstum der Beschäftigten. In den letzten Zehn Jahren schuf die Pharmaindustrie 10 000 neue Stellen, der Finanzsektor wuchs dagegen nur geringfügig. Stichworte dazu sind die Finanzkrise und die Aufhebung des Bankgeheimnisses.

Werden die Zahl der Arbeitsplätze und die Wertschöpfung kombiniert, so schwingt die Pharmaindustrie weit obenaus. Die nominale Arbeitsplatzproduktivität von knapp 700 000 Franken ist mehr als doppelt so hoch wie jene des Energie-, Chemie- und Finanzsektors, die hinter der Pharmabranche den höchsten Wert in diesem Bereich aufweisen.

Solothurn profitiert stark

Die These, die hohe Produktivität sei vor allem den hohen Medikamentenpreisen zu verdanken, verwirft Studienautor Michael Grass von BAK Economics. Mit den hohen Gewinnen, die Teil der Wertschöpfung seien, schaffe die Branche die Grundlage für neue Investitionen – insbesondere in die Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente. Die Frage, ob die Pharmaindustrie auch mit geringeren Margen einen ähnlichen Output an neuen Wirkstoffen generieren kann, wurde in der jüngeren Geschichte bislang nicht beantwortet. Die Branche kann bis heute trotz Kostendruck im Gesundheitswesen vergleichsweise hohe Preise durchsetzen.

Eine separate Studie liess Interpharma zum US-Biotechkonzern Biogen erstellen, der im solothurnischen Luterbach eine Produktionsanlage für biotechnologisch hergestellte Medikamente baut. Die Firma investiert über drei Jahre rund 1,5 Milliarden Franken. In Luterbach werden bis zu 600 Arbeitsplätze entstehen. Laut BAK Economics löst der Bau in der Schweiz eine Bruttowertschöpfung von 800 Millionen Franken aus. Damit seien 2000 Arbeitsplätze verbunden. Wenn die Anlage im Jahr 2020 im Vollbetrieb läuft, rechnet BAK mit einem zusätzlichen Wachstumspotenzial für die Solothurner Wirtschaft von 1,5 bis 2 Prozent.