Was bleibt nach dem Hype? Nach dem scharfen Kurseinbruch der meisten Kryptowährungen seit Anfang Jahr stellt man sich auch im Zuger «Krypto Valley» die bange Frage, wie es mit der verheissungsvollen Blockchain-Technologie nun weitergehen soll. Noch scheint die Zuversicht in der Zentralschweizer Finanzkapitale ungebrochen zu sein. «Unsere Referenten zeigen auf, was nach dem Hype bleibt und warum die Blockchain-Technologie erst am Anfang ihrer Entwicklung steht», schreibt das Zuger Institut für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern (IFZ) in seiner Einladung zu einem Fintech- Forum in Zug. «Die aktuelle Situation erinnert mich in vielerlei Hinsicht an die Dotcom-Blase vor bald 20 Jahren», sagt IFZ-Professor und Forum-Leiter Thomas Ankenbrand. «Der Börsencrash von damals und seine zahlreichen negativen Begleiterscheinungen haben den Aufstieg des Internets nicht verhindert.»

Investitionen nehmen zu

Tatsächlich hat die Nachfrage nach Investitionsmöglichkeiten in Blockchain-Technologien nach einem Rückgang zu Beginn des Jahres bereits wieder stark an Fahrt gewonnen. Gemäss einer aktuellen Analyse des Beratungsunternehmens PwC und der Schweizerischen Crypto Valley Association (CVA) wurde in der ersten Jahreshälfte über sogenante Initial Coin Offerings (ICO) weltweit ein Kapital in Kryptowährungen im Wert von 13,7 Milliarden Dollar geschaffen. 2017 waren es gemäss der Analyse 7 Milliarden Dollar. ICOs sind eine Art Schwarmfinanzierung (Crowdfunding), mit der sich junge Firmen unter anderem zur Entwicklung von Blockchain-Technologien und zu Anwendungen solcher dezentraler Datenbank-Architekturen das nötige Kapital beschaffen.

Doch in der weitgehend unregulierten Welt solcher ICO-Finanzierungsrunden kommt es immer wieder zu Unfällen beziehungsweise zu Fehlentwicklungen, an deren Ende die Investoren Schaden erleiden. Der aktuellste Fall ist die im Kanton Zug ansässige Envion, die Anfang Jahr im Rahmen eines ICO Bitcoin und andere Kryptowährungen im ursprünglichen Wert von rund 100 Millionen Franken bei über 30 000 Investoren eingesammelt beziehungsweise geschaffen hat. Nachdem die Envion-Anteile zu einem Dollar ausgegeben worden waren, werden sie heute zu nur noch rund acht Cents gehandelt.

Der Berliner Rechtsanwalt Istvan Cocron führt nun Schadenersatzklagen für Anleger im Gesamtwert von über einer Million Dollar, wie er auf Anfrage bestätigt. Cocron klagt auf Prospektbetrug. Envion habe das ICO nicht selber durchgeführt, kritisiert er. Tatsächlich sei die Transaktion über die Berliner Firma Trado gelaufen, was gemäss dem sogenannten «White Paper» (Emissionspapier) nicht vorgesehen gewesen sei. Die hauptverantwortliche Person sei deshalb nicht der im «White Paper» genannte ehemalige ARD-Korrespondent Matthias Wöstmann, sondern vielmehr der Trado-Geschäftsführer Michael Luckow gewesen. Luckow und Wöstmann liegen inzwischen im Streit über die Macht bei Envion.

Ende Juli leitete die Finma ein Enforcement-Verfahren gegen das Berliner Start-up ein. Wöstmann wurde seiner Funktion enthoben und von der Behörde durch ein Untersuchungsorgan ersetzt. Derartige vorsorgliche Massnahmen erlässt die Finma auf der Grundlage ihres Auftrages, die Anleger zu schützen. Die Envion-Anteile, sogenannte Token, haben nach Auffassung der Finma eine anleihenähnliche Form, was offenbar nicht mit dem Gesetz im Einklang ist. Tatsächlich verlangt das Gesetz eine Bankbewilligung für Firmen, die sich öffentlich beziehungsweise gewerbsmässig zur Entgegennahme von Publikumseinlagen empfehlen, dabei Geld von mehr als 20 Personen annehmen und Rückzahlungsverpflichtungen eingehen. Luckow-Sprecher Uwe Wolff sagte auf Anfrage, die Verantwortung für den Prospekt liege bei Wöstmann. Mit der unrechtmässigen Kapitalerhöhung habe er die Macht an sich gerissen, lautet der einstweilen von einem Berliner Gericht bestätigte Vorwurf. Wöstmann seinerseits hat Anzeige gegen die Envion-Gründer um Luckow erstattet, weil sie Geld aus dem ICO beiseitegeschafft hätten.

Der Fall wirft kein gutes Licht auf den Schweizer Finanzplatz. Cocron sagt, die Finma hätte mindestens prüfen sollen, ob Envion in der Schweiz eine Geschäftstätigkeit ausübe. Dies sei nicht der Fall gewesen.

Rechtssicherheit erhöhen

Anfang Jahr rief das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen auf Geheiss des Bundesrates eine Arbeitsgruppe zum Thema Blockchain und ICO ins Leben. In enger Konsultation mit der Branche gehe es darum, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu überprüfen und einen allfälligen Handlungsbedarf aufzuzeigen. Der Schweizer Unternehmer Sean Prescott, CEO und Gründer der Unity Investment AG, engagiert sich in dieser Arbeitsgruppe mit dem Ziel, die Rechtssicherheit für ICO zu erhöhen. Prescott will Ende Jahr selber via ICO rund 30 Millionen Franken aufnehmen um damit den Aufbau von Rechenzentren in der Schweiz zu finanzieren. Ähnlich wie Envion ist auch Unity Investment in der Produktion von Bitcoins und anderer Kryptowährungen tätig, wenn auch mit ei- nem grundsätzlich anderen Geschäftsmodell, wie Prescott betont.