Seit 1977 wissen wir, dass es sie gibt, «die Macht». Die frohe Botschaft brachte uns George Lucas in seinem Science-Fiction-Epos «Star Wars». Dort lernten wir, dass sie das Universum und jedes Lebewesen wie ein Energiefeld durchströmt. Und inmitten aller Laserkanonen wahrte die Macht doch das Geheimnis einer Religion, eines Zaubers. Ihre Beherrschung liess vor unseren staunenden Augen die unterschiedlichsten Gegenstände durch den Äther schweben – und versetzte wie jeder Glaube Berge.

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Krieg der Sterne – Märchen, Epos und Kassenschlager Was den alten Griechen die Odyssee war, ist uns «Star Wars»: Irrfahrten, Kriege, Abenteuer, Liebe, Tod – nur vor noch viel längerer Zeit und vor allem noch etwas weiter weg: in einer weit, weit entfernten Galaxis. Das Science-Fiction-Werk «Krieg der Sterne» ist ein von Drehbuchautor, Produzent und Regisseur George Lucas erschaffenes Heldenepos. Der erste Film kam am 25. Mai 1977 in die amerikanischen und am 2. Februar 1978 in die europäischen Kinos und wurde mit sieben Oscars ausgezeichnet. Der Film markierte den Beginn eines seither aus der Popkultur nicht mehr wegzudenkenden Phänomens. Es folgten sechs weitere Filme sowie lizenzierte Bücher, Comicserien, Videospiele, Fernsehserie, Spielzeugen und Rollenspiele. «Star Wars» handelt vom Kampf zwischen Gut und Böse. Die widerstreitenden Seiten werden durch die Orden der Jedi auf der guten bzw. die Sith auf der bösen Seite repräsentiert. Deren Kampf «vor langer Zeit» in einer «weit, weit entfernten Galaxie» in Gestalt archetypischer Charaktere der Heldensagen gilt als moderne Version des Märchens oder der Kunstsage. Die Kulisse entspricht klassischer Science Fiction. Schon 2005 schätzte das «Forbes» Magazine die in 28 Jahren durch Merchandising erwirtschafteten Einnahmen auf fast 20 Milliarden Dollar und bezeichnete «Star Wars» als finanziell erfolgreichstes Filmprojekt aller Zeiten. Lucas verkaufte nach sechs Filmen die Filmrechte vor drei Jahren an die Disney Company. Der erste Film unter der neuen Leitung von Disney (Episode VII) erschien im Dezember 2015 unter dem Titel «Das Erwachen der Macht».

Als Spiritualität, die etwas auf sich hält, hat aber auch «die Macht» etwas Abgründiges. Stundenlang fieberten wir mit den Hütern ihrer guten Seite, den Jedi-Rittern Luke Skywalker, Obi Wan und Yoda. Und doch waren wir versucht, ihrer dunklen Seite zu verfallen, dem erhabenen Schauer, wenn ihr finsterer Gegenspieler Darth Vader zum imperialen Marsch die Heeresformationen abschritt. Kein Abschied von einem unserer Helden war für uns mehr vorstellbar, ohne dass er noch die segnenden Worte sprach: «Möge die Macht mit euch sein, immer.»

Kein böses Erwachen für Disney

Es mag daher überraschen, dass die Macht eine dritte Seite hat, die weder heilig ist noch unheilig, sondern jenseits liegt von Gut und Böse. Es ist eine Macht, die wir Erdlinge allzu gut kennen: jene des Geldes. Für diese kommerzielle Seite werden zwar keine Hymnen komponiert, aber wer sich die Umsatzzahlen filmischer Kassenschlager (Blockbuster) wie «Star Wars» anschaut, kann auch dort Grandezza finden: Die hundert erfolgreichsten Streifen der Filmgeschichte spielten insgesamt rund 90 Milliarden Dollar ein. Die 24 grössten Kassenschlager sind oben aufgelistet. Und natürlich gehört die «Star Wars»-Reihe auch an der Kasse zu den Glanzlichtern der Traumfabriken in Hollywood.

Der offzielle trailer zu «Star Wars: The Force Awakens»

Der offzielle trailer zu «Star Wars: The Force Awakens»

Dabei ist der jüngste Sternenkrieg «Das Erwachen der Macht» in den Kinos erst vor Weihnacht angelaufen und dürfte sich noch Wochen in der Gunst der Cineasten halten. Dennoch stürmt er bereits die Charts: Am 28. Dezember noch auf Rang 15, belegt die neuste der sieben Verfilmungen Anfang des neuen Jahrs bereits den siebten Platz. Es kann davon ausgegangen werden, dass der langjährige Rekordhalter «Avatar» – das erste grosse Experiment des dreidimensionalen Kinos (3-D) – bald entthront wird. Einen Rekord hält «das Erwachen der Macht» bereits: Kein Film zuvor hat am ersten Wochenende mehr als eine Milliarde eingespielt. Kein böses Erwachen für die neuen Besitzer der Filmrechte: Walt Disney hatte sie vor drei Jahren von Lucas gekauft.

24 Streifen haben in der Filmgeschichte bisher weltweit mehr als eine Milliarde Dollar in die Kassen gespült. Berücksichtigt man die Teuerung – also die Tatsache, dass ein Kinoeintritt vor zwanzig Jahren weniger kostete – hätten allerdings weit mehr Kinohits diese Marke geknackt.

«E.T.» – zu früh nach Hause

Einen besonders grossen Sprung nach vorn gäbe es für den ersten «Star Wars» (1977) oder «E.T.», den zwergenhaften Ausserirdischen von Steven Spielberg (1982), der sich mit seinen grossen Augen und mit dem herzzerreissenden «Nach Hause», das er gen Himmel raunte, in die Herzen gespielt hatte. Hätte es unser kleiner Freund aus dem All länger hier ausgehalten, belegte seine Geschichte zu heutigen Preisen mit 1,85 Mrd. Dollar den vierten Platz in der Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Der legendäre erste «Krieg der Sterne» verdrängte mit 2,38 Mrd. gar «Titanic» vom dritten Platz.

Was selbst bei teuerungsbereinigten Vergleichen vergessen geht: Eigentlich müsste man nicht nur die Teuerung berücksichtigen, sondern auch, dass die Bevölkerung wächst: 1980 lebten 4,45 Milliarden Menschen auf der Erde, heute sind es rund 7 Milliarden. Dazu kommt, dass die Durchdringung der Welt mit Kinos heute ungleich grösser ist als etwa noch zu Zeiten von «E.T.». Die Sowjetunion war noch kein Markt für Hollywood-Streifen, von China ganz zu schweigen.

Seither haben sich ganze Kontinente dem kommerziellen Kino geöffnet, insbesondere Asien. China hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Kino-Weltmacht entwickelt. Mit zwölf Prozent erzielte die asiatisch-pazifische Region 2014 den grössten prozentualen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr, getrieben von China, an dessen Kinokassen mit 4,8 Milliarden Dollar ein Zuwachs von 34 Prozent registriert wurde.

3-D verzerrt die Wahrnehmung

Das neue Publikum im asiatischen Raum ist besonders jung und steht auf 3-D-Filme. Kein Wunder, sind diese Produktionen ganz vorne in der Liste des kommerziellen Erfolgs. Ebenfalls dürfte nicht überraschen, dass vor allem Fantasy und Science Fiction Kasse machen, da die 3-D-Technologie wie gemacht ist für die Spezialeffekte in diesen zwei Genres. Solche Produktionen sind aufwendiger, lassen sich aber auch teurer verkaufen – man denke an die obligaten Brillen, mit denen auch die Zuschauer – falls sie schon Brillenträger sind– für ein paar Stunden wie Ausserirdische oder eben Fantasiewesen aussehen dürfen. Das 3-D-Kino stellt damit ebenfalls einen Strukturbruch im Langzeitvergleich dar, der den Umsatz nach oben verzerrt.

C3-PO, R2-D2 und die Stormtrooper auf dem Roten Teppich: Weltpremiere des neuen «Star Wars»-Streifens am 14. Dezember in Los Angeles.

C3-PO, R2-D2 und die Stormtrooper auf dem Roten Teppich: Weltpremiere des neuen «Star Wars»-Streifens am 14. Dezember in Los Angeles.

Ein weiteres Merkmal von Blockbustern ist, dass sie meist nicht alleine kommen – sondern in Wellen bzw. Fortsetzungen. Das gilt nicht nur für den «Krieg der Sterne». Prominente Beispiele sind auch Fantasy-Abenteuer wie «Harry Potter» oder «Der Herr der Ringe», aber auch Comic-Verfilmungen wie «Iron Man», «Transformers», Cartoons wie «Ice Age» sowie Actionfilme, etwa «Fast & Furious», oder natürlich dem Vater aller Folgen: «James Bond».

Die Macht der Wiederholung

In der Wiederholung liegt offenbar der Erfolg – und der Geschmack der Zeit. Und liegen die Fortsetzungen weit zurück, wird wie beim «Erwachen der Macht», aber auch bei «Spectre» fast verzweifelt versucht, den Anschluss an die Vergangenheit nicht zu verpassen. Die Anbiederung durch Raum und Zeit an die glorreichen Originale ist – nicht nur in 3-D – mit Händen zu greifen.

Wer den neusten «Star Wars» gesehen hat, kann bei aller Freude über die Anleihen beim Original Lucas nachfühlen, der über die Disney-Produktion die Nase rümpfte. Herausgekommen sei ein «Retro»-Film, statt dass mit neuen Planeten und Raumschiffen ein neues Werk geschaffen worden sei. Zu seinem Trost sei Lucas daran erinnert: Die «Macht» war lange mit ihm, jetzt lässt sie bei Disney die Kassen klingeln.