Abtritt

Die letzte Show des Joe Ackermann

Nach zehn Jahren gibt Josef Ackermann heute die Führung der Deutschen Bank ab. Kein anderer hat das Geldhaus so stark geprägt wie der umstrittene Schweizer Banker. Jürgen Fitschen und Anshu Jain treten seine Nachfolge an.

Applaus wird es geben, sicher auch ein paar Pfiffe, wenn Josef Ackermann heute zum letzten Mal auf einer Hauptversammlung der Deutschen Bank spricht. Einmal noch soll es seine Show werden, einmal noch will Ackermann seine Sicht der Dinge erklären. Die Nachfolger Jürgen Fitschen und Anshu Jain werden sich bescheiden müssen. Sie sind dann ab Freitag dran.

Zehn Jahre lang stand der Schweizer Ackermann an der Spitze der Deutschen Bank (als erster Ausländer übrigens), kaltgelassen hat er in dieser Zeit die wenigsten. «Wir wollen im Konzert der Weltbesten dabei sein - mit Standort Deutschland», lautete sein Credo. Als Ackermann am 22. Mai 2002 den Chefposten antritt, ist die Deutsche Bank zwar auch ein renommiertes Geldhaus, doch der Abstand zur Konkurrenz nicht so gross. Dresdner Bank und WestLB agieren fast auf Augenhöhe.

Lästige Kleinkunden

Doch in Deutschland die Nummer eins zu bleiben, ist «Joe» Ackermann nie genug. Er will, dass seine Bank an der Weltspitze mitspielt und den Vergleich mit Goldman Sachs oder JPMorgan Chase nicht zu scheuen braucht. Also setzt der Schweizer wie kein anderer zuvor auf das Investmentbanking und trimmt die Bank auf Rendite. Die kleinen Bankkunden sind Ackermann zunächst lästig, soll doch die Postbank mit ihren vielen Filialen sich um die Groschen der Sparer kümmern. In Ackermanns Bank liefert das Investmentbanking zeitweise 80 Prozent der Gewinne.

Erst später denkt Ackermann um und kümmert sich auch um das lange vernachlässigte Privatkundengeschäft. 2006 kauft die Deutsche Bank die Berliner Bank und die Norisbank. Die Privatbank Sal. Oppenheim folgt 2009, die Postbank 2010. Und dennoch: Als Ackermann die Bank 2002 übernahm, war eine Aktie knapp 70 Euro wert. Heute sind es 29 Euro. Der Tiefpunkt war am 23. Jänner 2009 erreicht. Damals war das Papier 15 Euro wert.

Keine Staatshilfe gebraucht

Diese für Ackermann unerfreulichen Zahlen werden jedoch für die Aktionäre der Deutschen Bank verkraftbar, wenn man sie mit den Werten anderer deutscher Banken vergleicht. Die Aktie der Commerzbank etwa notiert bei 1.35 Euro. Im Gegensatz zur Commerzbank brauchte die Deutsche Bank, die nach der Bilanzsumme auch Europas grösste Bank ist, keine Staatshilfe in der Finanzkrise. Apropos Konkurrenz: Die WestLB wurde zerschlagen, die Dresdner Bank ging in der Commerzbank auf. Die Deutsche Bank ist in Deutschland die unangefochtene Nummer eins.

Für die Deutschen war Ackermann in all den Jahren weit mehr als ein Banker: ein Provokateur, das Gesicht des Raubtierkapitalismus. Da konnte er eine Zeit lang noch so glänzende Zahlen vorlegen, er agierte ungeschickt. 2005 verkündete er auf der Hauptversammlung einen Rekordgewinn und gleichzeitig die Streichung von 6000 Stellen in der Bank. Zeitgleich gab die deutsche Bundesagentur für Arbeit bekannt, dass die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland zum ersten Mal die Fünf-Millionen-Marke überstiegen hatte. Nicht Ackermanns Schuld, doch der Eindruck, der blieb, schadete seinem Image enorm.

Unvergessen ist sein Auftritt im Mannesmann-Prozess im Jahr 2004. Damals sollte am Landgericht in Düsseldorf geklärt werden, ob Ackermann als Aufsichtsrat des Mobilfunkunternehmens seine Pflicht verletzt hatte, weil dem ehemaligen Vorstandschef Klaus Esser ein Bonus von 15 Millionen Euro genehmigt worden war. Im Gerichtssaal zeigte Ackermann das Victory-Zeichen, angeblich wollte er nur Popstar Michael Jackson imitieren. Das Foto, das dabei entstand, ist in Deutschland jedoch immer noch Sinnbild für gierige Banker, denen die Rendite über alles geht - zumal Ackermann auch noch erklärte, Deutschland sei das einzige Land, «wo diejenigen, die erfolgreich sind und Werte schaffen, deswegen vor Gericht stehen».

Beim Mannesmann-Prozess im Jahr 2004 zeigte Ackermann das Victory-Zeichen

«Victory»

Beim Mannesmann-Prozess im Jahr 2004 zeigte Ackermann das Victory-Zeichen

Und dann vertrat Ackermann auch noch das ehrgeizige Ziel von 25 Prozent Eigenkapitalrendite. «Mr. 25 Prozent» wird er dafür genannt - es ist noch der freundlichste Ausdruck. Viele Kritiker werfen ihm Abgehobenheit und Grössenwahn vor. «Die 25 Prozent versteht kein Handwerker, der mit ein paar Prozent Rendite über die Runden kommen muss», kritisiert auch der ehemalige deutsche Finanzminister Peer Steinbrück (SPD). Erreichen konnte Ackermann sein Ziel ohnehin nur 2006 und 2007, als am US-Immobilienmarkt noch die grosse Party gefeiert wurde, auf die danach der grosse Katzenjammer in Form der Finanz- und Wirtschaftskrise folgte.

Kritisierte Rüstungsgeschäfte

Wenig Schmeichelhaftes kommt zum Abschied von Öko- und Friedensinitiativen, die sich im Bündnis «Andere Banken braucht das Land» zusammengeschlossen haben. Sie kritisieren, dass nach wie vor Atom- und Rüstungsgeschäfte durch die Deutsche Bank finanziert werden, ebenso die Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln.

«Kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf der Deutschen Bank aufs Spiel zu setzen», hat Ackermann einmal erklärt. Doch in aller Welt sind vor allem seit dem Ausbruch der Finanzkrise Klagen gegen die Deutsche Bank eingereicht worden. «Besenrein» wollte der 64-Jährige seinen Nachfolgern die Bank diesbezüglich übergeben - gelungen ist es nicht. Wegen angeblicher Falschberatung sind nicht nur zahlreiche Versicherungen und Pensionsfonds vor Gericht gezogen, sondern auch deutsche Kommunen, die mit spekulativen Zinsgeschäften viel Geld verloren haben und sich von der Bank schlecht beraten fühlten. «In den USA gibt es diverse anhängige Klagen, in denen der Deutschen Bank Betrug an ihren Kunden vorgeworfen wird. Haben Sie, hat die Deutsche Bank Anlass, sich dafür zu entschuldigen?», wird Ackermann im Februar von einem WDR-Journalisten bei einer Pressekonferenz gefragt. Seine lapidare Antwort: «Alle, die Geld verloren haben, versuchen, einen Teil des Geldes zurückzubekommen.»

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