Trans-Personen werden auf dem Schweizer Arbeitsmarkt diskriminiert. Dies ist die Erkenntnis einer Studie des Vereins Transgender Network Switzerland (TGNS), der im Frühjahr 2012 erstmals Daten zur Situation von Trans-Menschen im Erwerbsleben erhoben und diese nun veröffentlicht hat. 20 Prozent der Befragten sind arbeitslos. Damit ist ihre Arbeitslosenquote sechsmal höher als diejenige der Gesamtbevölkerung (zum Erhebungszeitpunkt im Februar lag die Quote bei 3,4 Prozent).

Als Risikofaktor betrachtet

Die Befragungen ergaben, dass Kündigungen Trans-Frauen und Trans-Männer vor allem während der Zeit des Coming-outs und der Geschlechtsanpassung (Transition, Gender Reassignment) treffen. Manche Trans-Menschen sind mehrfach von Kündigung betroffen, andere gar nicht – im Durchschnitt wurde jeder der befragten Trans-Personen während der Geschlechtsanpassung einmal die Stelle gekündigt. Helena Jenzer, die die Studie geleitet hat, sagt: «In Zeiten der ökonomischen Krise werden Risikofaktoren möglichst eliminiert. Und in den Augen von vielen Personalverantwortlichen ist ein Trans-Mensch ein Risikofaktor. Bedauerlicherweise sprechen viele Vorgesetzte den Trans-Menschen nach dem Gender Reassignment auch gleich noch die schon gezeigten Kompetenzen ab und neigen zu Bevormundungen, als ob ein Eingriff im Gehirn stattgefunden hätte. Sie erwarten, dass man sich vollständig neu beweist.»

In den Köpfen hätten sich Bilder von Trans-Leuten mit grossen Problemen eingebrannt, denen man die Geschlechtsanpassung auf den ersten Blick ansehe, die suizidal und arbeitsunfähig sind. «Das ist nicht die Normalität», sagt Jenzer.

Sie spricht aus eigener Erfahrung, wenn sie sagt: «Nach abgeschlossener Transition ist man viel leistungsfähiger als vorher, als man gelitten hat, als der Leidensdruck gross war. Fällt das weg, kann man sich wieder auf die Arbeit konzentrieren.» Nach Ansicht von Jenzer, die an der Berner Fachhochschule Gesundheit als Dozentin tätig ist, könnten Arbeitgeber von Trans-Angestellten profitieren – wenn sie ihnen eine Chance geben und geduldig sind. «Immerhin die Hälfte unserer Befragten gab an, dass sie nach dem Coming-out vom Arbeitgeber unterstützt worden sind. Wir wünschen uns mehr solche Vorgesetzte», sagt Helena Jenzer.

Die Realität ist aber für viele Trans-Menschen eine andere. Dabei sind Kündigungen aufgrund des Trans-Seins missbräuchlich, wie Alecs Recher, Jurist und Co-Präsident von TGNS, erklärt.

Gleichstellungsgesetz ignoriert

Recher berät Trans-Menschen in Rechtsfragen und empfiehlt häufig, die Kündigung anzufechten. «TransLeute sind eine Minderheit, von der wohl mancher glaubt, dass er sie folgenlos diskriminieren kann, dass sie sich nicht wehren werden. Es darf nicht unausgesprochene Praxis sein, dass Trans-Menschen einfach gekündigt werden kann», sagt Recher.

«Vereinzelte Kollegen und Kolleginnen vertreten fälschlicherweise immer noch die Ansicht, dass das Gleichstellungsgesetz Trans-Menschen nicht schützt. Doch die Schlichtungsstellen anerkennen diesen Schutz in der Regel», sagt Recher.

Selbstständigkeit als Ausweg

Finden Trans-Menschen nach einer Kündigung wieder eine Anstellung, müssen sie häufig einen beruflichen Abstieg hinnehmen: Rund 45 Prozent der Befragten erlebten einen deutlichen Abstieg. Viele mussten eine Lohneinbusse von 30 bis 45 Prozent hinnehmen.

Die Schwierigkeit für Trans-Menschen, sich über eine Anstellung in den Arbeitsmarkt einzugliedern, mag zur Folge haben, dass der Anteil der Selbstständigerwerbenden unter ihnen besonders hoch ist. So gaben 40 Prozent der Befragten an, selbstständig erwerbend zu sein. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung sind es 13,3 Prozent.