Wirtschaft

Die Krise per Velo kurieren? Nur wenn Sie an die Gegensprechanlage gehen!

Wenn die Läden zu haben, bleibt oft nur noch die Lieferung. In der Stadt per Velokurier. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Wenn die Läden zu haben, bleibt oft nur noch die Lieferung. In der Stadt per Velokurier. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Die Lieferdienste werden wegen des Corona-Virus wichtiger. Eindrücke von einer ungewöhnlichen Velokurier-Schicht und eine Bitte.

Als der Bundesrat den Notstand ausrief, gab ich gerade eine medizinische Probe im Labor ab. An der Wand hingen Informationen zum Coronavirus. Ich bediente mich ausgiebig beim Desinfektionsmittelspender. Seit einiger Zeit arbeite ich als Ausgleich jeden Montag wieder als Velokurier. Doch diesen Montag war alles anders. Ich konnte es von den Gesichtern der Kollegen ablesen, die mir auf der Schicht begegneten. Normalerweise grüssen sie cool. Diesmal: besorgte Gesichter.

Dabei lief das Geschäft gut. In der Zentrale glühten die Drähte. Die Leute im Homeoffice brauchten noch etwas aus dem Büro oder aus dem Elektronikgeschäft. Und mancher schickte einen Kurier noch schnell zum Einkaufen. Ein Hauch von Torschlusspanik.

Alles, nur keine Pizza

Wenn ich von meinem Zweitjob erzähle, fragen die Leute immer, ob ich Pizza ausliefere. Dabei ist gerade Pizza nicht geeignet per Velo geliefert zu werden. Noch bevor ich um die erste Kurve gefahren wäre, hätte der Proscciuto sich in einer Ecke der Schachtel mit den Fungi zu einem Auflauf vermischt. Schmeckt bestimmt auch gut, sieht aber nicht mehr aus wie Pizza. Besser eignen sich Dinge, denen Schräglage nichts anhaben kann. Blutproben zum Beispiel oder das Kabel des Laptops, wenn einem im Homeoffice der Strom ausgeht.

Der Autor während seiner Schicht am Montag, kurz bevor der Notstand erklärt wurde.

Der Autor während seiner Schicht am Montag, kurz bevor der Notstand erklärt wurde.

Neben Blutproben und Paketen liefern wir oft auf Zahnimplantate. Doch beim Zahnarzt war es seltsam still. Eine Zahnarztgehilfin am Empfang sagte durch ihren Mundschutz: «Wir behandeln nur noch Notfälle». Mittlerweile ist das die Haltung der ganzen Branche. Wie sich das Kuriergeschäft entwickeln wird, ist schwer abzuschätzen. Es kommen neue Aufträge hinzu, wenn sich die Leute Essen liefern lassen. Es fallen aber auch viele Aufträge weg, wenn alles andere schliesst. In China, wo die Heimlieferung viel etablierter ist als im Land der Migros- und Coop-Kinder, kurvten während der Quarantäne fast nur noch Kuriere durch die menschenleeren Städte. Allerdings vor allem mit dem Töff. Sehen wir etwas Ähnliches bald in der Schweiz?

Am Montag spulte ich während acht Stunden Schicht exakt 109,92 Kilometer ab - etwa 30 Prozent mehr als sonst. Es hätte fast gereicht, um rechtzeitig zur Pressekonferenz des Bundesrates in Bern zu sein. Nachdem dieser den Notstand ausgerufen hatte, nahmen die Aufträge noch einmal zu. Doch seit der grösste Teil der Geschäfte geschlossen ist, sind am Dienstag die Aufträge zurückgegangen, wie eine Nachfrage bei meinem Arbeitgeber in Zürich ergab. In Basel sieht es ähnlich aus. Die Kurierzentrale ist auf Labormedizin-Logistik spezialisiert, ein Bereich, in dem es in nächster Zeit genug zu tun gibt. Doch Geschäftsleiter Jérôme Thiriet geht wegen der wegfallenden Daueraufträge wie interne Postdienste und Caterings für Schulen von einem sinkenden Auftragsvolumen aus. Ich bin optimistisch. Denn Restaurants, Buchläden und Papeterien suchen nun nach neuen Möglichkeiten ihre Kundschaft zu versorgen. Und da könnten die Kuriere einspringen. Nicht nur solche mit dem Velo. Gerade in ländlichen Gebieten wird man um Auto- und Töff-Kuriere und Taxi-Fahrer nicht herumkommen.

Benutzen Sie bitte die Gegensprechanlage!

Das Virus hat die Arbeit verändert. Die Pakete soll ich nun im Milchkasten oder vor der Tür deponieren, statt persönlich zu übergeben. Wegen der Ansteckungsgefahr. Den Kontakt mit den Kunden zu vermeiden, ist aber gar nicht so einfach. Niemand benutzt mehr Gegensprechanlagen. Kaum auf die Klingel gedrückt, summt der Türöffner und bevor ich sagen könnte, die Sendung sei im Briefkasten, steht der Empfänger schon vor mir.

Wenn Sie also in den nächsten Wochen einen Kurier bestellen: Lassen Sie zu, dass der Kurier in Ruhe das Paket vor der Haustüre deponieren kann – und legen Sie vorher Trinkgeld auf die Matte. Denn nicht alle Kuriere arbeiten hauptberuflich noch als Journalisten.

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