Wirtschaftskrise

Die Krise ist lange nicht vorbei

Aymo Brunetti, der Chefökonom des Staatssekretariats für Wirtschaft, erwartet bei der Arbeitslosigkeit in der Schweiz weiterhin einen starken Anstieg.

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Aymo Brunetti, der Chefökonom des Staatssekretariats für Wirtschaft, erwartet bei der Arbeitslosigkeit in der Schweiz weiterhin einen starken Anstieg.

Schweizer Wirtschaftsexperten warnen vor übertriebenen Hoffnungen. Die Talfahrt bei der Beschäftigung beginne erst, mahnt Aymo Brunetti, Chefökonom im Staatssekretariat für Wirtschaft. Industriechef Johann Schneider-Ammann stimmt ihm zu.

«Die Krise ist vorbei» titelte die Zeitung «Die Welt» am Freitag euphorisch. Grund: Die Wirtschaft in Deutschland und Frankreich ist im zweiten Quartal dieses Jahres überraschend 0,3 Prozent gewachsen. Zudem legen die Auftragseingänge der deutschen Industrie seit Mai kräftig zu.

Findet mit Deutschland der wichtigste Handelspartner der Schweiz auf den Wachstumspfad zurück, ist dies auch für die hiesige Wirtschaft ermutigend. Doch Experten dämpfen die Erwartungen. So rechnet der Berner Industrielle und Präsident des Industrieverbandes Swissmem, Johann Schneider-Ammann, dieses Jahr mit einem massiven Stellenverlust in der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie.

In der ersten Hälfte des Jahres seien in der Branche bereits rund 10 000 Arbeitsplätze gestrichen worden. Weitere Entlassungen seien in den vergangenen Wochen gefolgt. Er hoffe sehr, «dass bis Ende Jahr keine darüber hinausgehenden Überraschungen dazukommen» und die Branche in der Krise nicht mehr als 25 000 Stellen verliere, sagte Schneider-Ammann in einem Interview mit der Zeitung «Sonntag». Dies wäre etwa die Hälfte der zwischen 2004 und 2007 neu geschaffenen Arbeitsplätze.

Auch Aymo Brunetti, der Chefökonom des Staatssekretariats für Wirtschaft, gibt keine Entwarnung. Er erwartet bei der Arbeitslosigkeit in der Schweiz weiterhin einen starken Anstieg. Die Talfahrt bei der Beschäftigung fange erst an, sagte er gegenüber der Zeitung «Sonntag». Die saisonbereinigten Zahlen zeigten, dass im Herbst und Winter die Arbeitslosigkeit stark ansteigen werde. Der Höhepunkt dürfte erst im Winter 2010/2011 erreicht werden, so Brunetti.

«Wirtschaftsrückgang auch 2010»

Auch hinsichtlich der Wirtschaftsentwicklung bleiben Brunetti und Schneider-Ammann vorsichtig, wenn sie sich auch leicht optimistisch äussern. Die Wirtschaftsentwicklung dürfte in den kommenden Monaten weniger schlecht verlaufen und spätestens im Verlauf des ersten Semester 2010 wieder zu leicht positiven Wachstumsraten führen, sagte Brunetti.

Einen erneuten heftigen Rückschlag hält Brunetti für unwahrscheinlich, «aber es gibt bei der Rückkehr zum Wachstum Hindernisse zu überwinden». Von den bisherigen Wachstumsprognosen für das Bruttoinlandprodukt (BIP) rückt Brunetti nicht ab. Er rechnet mit einem BIP-Rückgang von 2,7 Prozent im laufenden und einem Minus von 0,4 Prozent im kommenden Jahr. Die Prognose für 2010 sei aber «mit ungewöhnlicher Unsicherheit behaftet», so Brunetti.

«Neue Bestellungen erst in Monaten»

Schneider-Ammann geht davon aus, dass konjunkturell die Talsohle erreicht ist. Es werde aber noch ein paar Wochen oder Monate dauern, bis neue Bestellungen ausgelöst würden. Nach dem Einbruch der Auftragseingänge um 44 Prozent im ersten Quartal sei der Rückgang im zweiten Quartal mit voraussichtlich bis zu einem Viertel weiterhin beträchtlich.

Zur Frage der Lohnkürzungen, wie sie etwa von Rieter und Alu Menziken bekannt geworden sind, sagte Schneider-Ammann, er sei kein Freund von Lohnkürzungen, doch müsse der jeweilige Einzelfall angeschaut werden. «Wenn aber die Mitarbeiter so kostbar sind wie bei der Ammann-Gruppe und man gezwungen wird, die fixen Personalkosten zu senken, dann würde ich Lohnkürzungen einem Stellenabbau vorziehen», sagte er.

Den Kaderangestellten müsse mehr zugemutet werden können, wenn sie in erfolgreichen Zeiten besser profitiert hätten, sagte Schneider-Ammann auf die Frage, ob das Kader bei Lohnsenkungen stärker in der Pflicht stehe als die Arbeiter. (AP/MZ)

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