Halbleiterproduktion
Die Japaner greifen nach ABB-Teil – geht dem Stromkanton bald der Schnauf aus?

ABB spricht mit Hitachi über einen Milliarden-Deal. Seit das bestätigt ist, geht es an der Börse mit der ABB-Aktie nur noch aufwärts. Eine der modernsten Fabriken im Aargau, die die ABB-Halbleiterproduktion in Lenzburg, könnte an die Japaner gehen.

Urs Helbling
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Doris Leuthard (r.) und Jasmin Staiblin (damals ABB Schweiz-Chefin).
In der ABB Semiconductors in Lenzburg gelten strengste Schutzmassnahmen.

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Chris Iseli

Eben erhielt ABB Semiconductors im renommierten Industriewettbewerb «Die Fabrik des Jahres 2018» einen ersten Preis. «Wir sind sehr stolz», freute sich Robert Itschner, Chef von ABB Schweiz. ABB beschäftigt hierzulande noch etwa 7000 Personen. Rund 1000 auf Konzernebene und 6000 in der Ländergesellschaft.

In der Schweiz wird noch an zehn Orten produziert: in Aargau in Baden, Lenzburg und Turgi. Was wo genau gemacht wird, ist ein vergleichsweise streng gehütetes Geheimnis. Deshalb kann man auch nicht sagen, wie viele Angestellte die Sparte Stromnetze hierzulande hat: Weltweit sind es 36 400, die einem Umsatz von 10,6 Milliarden Dollar erwirtschaften.

Doris Leuthard an Eröffnung

Im Aargau hat die Stromnetzsparte einzig in Lenzburg eine Produktion: Deren 600 Angestellte arbeiten grossmehrheitlich in Astronautenanzügen, weil die Luft für die Halbleiter-Herstellung extrem rein sein muss. Bei der 150 Millionen Franken teuren Fabrikerweiterung schlüpften auch Bundesrätin Doris Leuthard und die damalige ABB Schweiz-Chefin Jasmin Staiblin in Schutzanzüge. In ihrer Ansprache lobte Leuthard das Bekenntnis des Weltkonzerns ABB zum Werkplatz Schweiz: «Der Ausbau der globalen Energieversorgung wird nun grösstenteils mit Produkten aus dem Aargau begleitet.»

Was in Lenzburg genau produziert wird, zeigt ein Auftrag aus dem Jahr 2015: ABB Semiconductors konnte für 38 Millionen Franken Leistungshalbleiter-Module für die längste Hochspannungsleitung Europas bauen. Sie ermöglicht die Einspeisung überschüssiger deutscher Wind- und Solarenergie in norwegische Pumpspeicher.

Vor drei Wochen schrieb die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) über die 1981 von der damaligen BBC in Betreibegenommene und 2010 von ABB erweiterten Fabrik: «Wegen seiner topmodernen Ausstattung und hohen Wertschöpfung gilt dieses Werk als eine Art Juwel im weltweiten Portfolio des Konzerns. Im Jubiläumsjahr 2016 führten es Firmenvertreter von ABB stolz aus der ganzen Welt herbeigereisten Journalisten vor.»

7 oder über 10 Milliarden Wert?

Besorgt titelte die «NZZ» damals: «Mit der Netzwerksparte verlöre ABB gewissermassen seine DNA». Und genau das steht jetzt zur Diskussion. Lauf der japanischen Wirtschaftszeitung «Nikkei» ist ein Abschluss der sich bereits in einer späten Phase befindlichen Übernahmegespräche noch im Dezember 2018 möglich. unklar ist, ob Hitachi die ABB-Sparte Stromnetze in einem Aufwisch oder in Etappen übernehmen will. Gemäss «Nikkei» wurden 7 Milliarden Franken geboten. ABB selber hatte einen möglichen Verkaufpreis schon auf über 10 Milliarden Franken beziffert.

Klar ist, dass der Verkauf der ertragsschwächsten Sparte der ABB in ihrem Streit mit dem Grossaktionär Cevian etwas Luft verschaffen würden. Darum ist auch die Aktie am Tag der offiziellen Bekanntgabe der Verhandlungen um 4,03 und gestern um weitere 0.5 Prozent gestiegen.

ABB deutlich fokussierter

Im japanischen Markt für Hochspannungs-Gleichstromübertragung arbeiten ABB und Hitachi schon seit Dezember 2014 zusammen. Käme es zur Übernahme, wäre Hitachi globaler Marktführer. Und ohne die Sparte Stromnetze wäre ABB ein auf die Bereiche Industrieautomation, Antriebstechnik und Robotik fokussiert Konzern.

Wer zahlt künftige Investitionen?

Japaner waren bisher in der Schweiz erst selten auf Einkaufstour. Sie gelten klar als sehr fleissig und korrekt, doch mit wie harten Bandagen und wie zweifelhaften Methoden sie kämpfen, ist spätestens seit der Festnahme von Renault-Chef Carlos Gson bekannt.
Klar ist, dass es den Japanern mit der Übernahme der ABB-Stromnetzsparte vor allem um den Zukauf von Know how geht. Und weil sich Hitachi und ABB in diesem Bereich kaum überschneiden, ist nicht mit einem radikalen Jobabbau zu rechnen – schon gar nicht bei den Spezialisten in Lenzburg. Aber ob die Japaner dereinst wie die ABB vor zehn Jahren im Aargau investieren werden, wenn es um die Modernisierung der Fabrik geht?

Wie der Strom Aargauer Arbeitsplätze schafft

Der Aargau war jahrzehntelang der Stromkanton schlechthin. Das war auch nach der Fusion von Brown Boveri & Cie. (BBC) mit der schwedischen Asea im Jahr 1988 noch so. Doch dann wurde um die Jahrtausendwende das Kraftwerkgeschäft an Alstom verkauft und ging 2015 an General Electric über. Damit einher ging ein massiver Stellenabbau auf etwa die Hälfte. In Baden und Birr. Aber auch in Oberentfelden, wo eine Fabrik geschlossen wird (550 Arbeitsplätze weg bis Ende 2019).

Obwohl die Herstellung von Stromtechnologie weitgehend in fremde Hände ging und radikal hinuntergefahren wurde, ist der Aargau immer noch ein Kanton, in dem die Elektrizität ein wichtiger Arbeitgeber wird. So hat die nationale Netzwerkgesellschaft Swissgrid eben in Aarau einen neuen Hauptsitz mit gegen 400 Jobs eingeweiht. Und der Energie-Konzern Axpo Holding mit Hauptsitz in Baden ist einer der grössten Arbeitgeber im Kanton.

Das Unternehmen entstand 2009 aus den Nordostschweizerischen Kraftwerken (NOK), deren Grundstein der BBC-Gründer Walter Boveri 1895 in Baden gelegt hatte. Die Zahl der Mitarbeitenden ist über die letzten Jahre mehr oder weniger konstant geblieben: Am Hauptsitz beschäftigt Axpo rund 1300 Mitarbeiter, in der Beznau rund 530 – im ganzen Kanton Aargau sind es derzeit rund 1890. Ab dem Jahr 2014 wurden konzernweit 300 Stellen abgebaut, mittlerweile sind aber fast genauso viele Stellen hinzugekommen.

In der Beznau wurden über die letzten vier Jahre rund 100 Stellen abgebaut, weil dort mehrere Grossprojekte abgeschlossen wurden. Im Kernkraftwerk Leibstadt sind zudem beim Axpo-Tochterunternehmen KKL AG zusätzlich rund 550 Mitarbeiter beschäftigt. Der gesamte Konzern, der in den vergangenen Jahrzehnten auch international gewachsen ist, beschäftigt derzeit 4441 Menschen. (AF./uhg)