Es hätte ein Freudentag werden sollen. TV-Sender aus aller Welt übertrumpften sich am letzten Freitag mit Sondersendungen. Gefeierter Star war Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Innerhalb von fünf Jahren hatte der 28-Jährige eine Firma mit einen Börsenwert von 104 Milliarden Dollar aufgebaut. Endlich wieder eine Positiv-Geschichte.

Doch die grosse Enttäuschung folgte nur allzu schnell. Es begann damit, dass die Aktie erst eine halbe Stunde zu spät gehandelt wurde. Danach hob das Papier nicht ab, sondern tauchte immer tiefer. An den anschliessenden drei Handelstagen sank der Wert der Facebook-Aktie um 20 Prozent und vernichtete so 20 Milliarden Dollar.

Der Facebook-Börsengang wird für die Firma zum Image-Debakel, Sammelklagen sind angekündigt. Nach Informationen mehrerer US-Medien erwägt das soziale Netzwerk, die Börse zu wechseln.

Sicher ist: Zuckerberg und die Geldgeber der ersten Stunde haben Aktien verkauft. Das Nachsehen haben andere. Laut der Wirtschaftsagentur Bloomberg waren unter den ersten Anlegern 25 Prozent Kleinsparer. Sie schlugen die Warnungen von seriösen Wirtschaftsmedien in den Wind. Positiv ist immerhin, dass neue Aktionäre offenbar nicht jeden Hype mitmachen.

Der Facebook-Börsengang wird diejenigen bestärken, die in der Börse mehr ein Kasino für Zocker sehen als eine vertrauenswürdige Institution zur Geldbeschaffung für Unternehmen. Der Herdentrieb, der vom kalifornischen Menlo Park aus, wo Facebook den Hauptsitz hat, entfacht wurde, gibt ihnen wohl vordergründig recht.

Angesichts der rekordtiefen Geldmarktzinsen und den tiefen Kapitalkosten wäre es für das Internet-Unternehmen bestimmt einfach gewesen, das Wachstum mit anderen Mitteln zu finanzieren. Doch es lockte das grosse Geld. «Take The Money And Run» heisst es im Börsenjargon – der Letzte im Umzug ist der Dumme.

Grossinvestoren auf dem Rückzug

Der Börsengang des Internet-Unternehmens trifft auf ein ganz anderes Umfeld als noch vor wenigen Jahren. Es zeigt sich immer mehr, dass sich die grossen institutionellen Anleger von Investitionen in Aktien verabschieden. Darauf weist die «Financial Times» (FT) hin, indem sie das Anlageportfolio der deutschen Versicherung Allianz betrachtet: Hielt die Versicherungsgruppe vor zehn Jahren noch 20 Prozent des Vermögens in Aktien, sind es heute nur noch 6 Prozent. Gleiches gilt auch für Schweizer Versicherungen. An der Aktienhausse der letzten Monate waren auch in der Schweiz nur wenige Investoren beteiligt.

Es spreche nichts dafür, dass dieser Trend kehre, so die FT. Auch wenn Aktien seit den 50er-Jahren im Vergleich zu Staatsanleihen noch nie so günstig bewertet worden seien. Und auch wenn Banken wie Goldman Sachs von einem neuen Jahrzehnt der Aktien sprechen würden. Der Risiko-Appetit der Anleger sei zu tief.

Der Aktienkult, wie er noch in den 90er-Jahren herrschte, ist auch aus einem anderen Grund nicht mehr erneuerbar, wie die britische Wirtschaftszeitschrift «Economist» schrieb: Die kotierte Aktiengesellschaft – die Urzelle des modernen Kapitalismus – stecke selber in der Krise. Neue Regulierungen sowie mächtige Pensionskassen und Aktionärsvertreter hemmten die Dynamik. Dazu komme, dass Investitionen angesichts der Schuldenkrise in Europa und Unsicherheiten in Asien sowie den USA zurückhaltend getätigt würden.

Angesichts der Tatsache, dass nur allein schon in den USA kotierte Unternehmen auf 2,3 Billiarden Dollar Cash sitzen, eigentlich eine paradoxe Situation. In die Bresche springen neue Formen von Unternehmenskonstruktionen, sogenannte «Limitet Partnerships»: einfache Gesellschaften mit Sitz in exotischen Ländern oder Trusts, die dann Firmen kaufen. In einzelnen US-Staaten werden entsprechende Unternehmensformen gerade erst geschaffen. Investoren und das Geld für solche Vehikel sind offenbar vorhanden.