Interview

«Die Idee vom umweltfreundlichen Fliegen ist ein Paradox»

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Volkswirtschafter Mathias Binswanger über Rosinenpicken in der Krise, die Rettung der Swiss und die Chancen für lokale Produktionsstätten.

Wie beeinflusst die Coronakrise Ihr Konsumverhalten?

Mein Konsum hat sich in den letzten Wochen zwangsweise reduziert, allerdings nicht in grossem Ausmass. Wenn alle Menschen so konsumieren würden wie ich, dann befände sich die Wirtschaft schon länger in der Krise.

Leben Sie bewusst nachhaltig?

Nein, mir sind materielle Güter einfach nicht so wichtig. Ich bin froh, wenn ich nichts kaufen muss.

Momentan konsumieren viele Menschen weniger, fliegen nicht und arbeiten zu Hause. Ist die Coronakrise eine Chance für eine klimafreundliche Wirtschaft?

Das weiss man noch nicht. Eine Krise wird gerne als Chance verpackt. Jeder versucht dabei die Schwierigkeiten der Gegenwart so darzustellen, dass seine Ideen durchgesetzt werden müssen. Schaut man jedoch nach einer Krise, was sich tatsächlich verändert hat, ist das meistens wenig. Bei der Coronakrise gilt zu beachten, dass sie nicht unser Wirtschaftssystem in Frage stellt. Das war eher der Fall bei den Finanzkrise 2008. Wir erleben momentan einen sogenannten exogenen Schock, also einen äusseren Einfluss, der die Wirtschaft lahmlegt. Das ist vergleichbar mit einem Krieg.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres und EU-Vizepräsident Frans Timmermann forderten, dass die Billionen Dollar, die nun in die Wirtschaft gesteckt werden, auch der Umwelt zugutekommen. Bedeutet dies das Ende des Wachstumszwangs?

Nein, im Gegenteil. Diese Krise zeigt geradezu exemplarisch, welch grosse wirtschaftliche Probleme entstehen, wenn das Wachstum bereits für kurze Zeit ausfällt. Wäre der Staat nicht eingesprungen, befänden wir uns längst in einer Abwärtsspirale. Das funktioniert aber nur, weil längerfristig wieder mit Wachstum gerechnet wird. Trifft dieses nicht ein, würden wir in eine grosse Krise rutschen. So wie dies zu Beginn der 1930er-Jahre der Fall war. Davon sind wir aber zum Glück weit entfernt.

Die Forderungen von Guterres und Timmermann halten Sie also für nicht realistisch?

Die Frage ist doch, was konkret damit gemeint ist. Dass die Gelder mit klimafreundlichen Auflagen verknüpft werden sollen, ist leichter gesagt als getan. Der Teufel steckt bei solchen Programmen im Detail. Die Gefahr besteht, dass dann so etwas wie Abwrackprämien herauskommt. Die Staaten müssen momentan rasch handeln. Ein Rosinenpicken ist nicht möglich, indem nur das unterstützt wird, was ökologisch ist und der Rest geopfert wird. Dadurch entsteht keine Wirtschaft, die innerhalb kurzer Zeit wieder funktioniert. Einfacher ist es, Dinge durchzusetzen, die direkt etwas mit der Krise zu tun haben.

Welche sind das?

Etwa das Arbeiten im Home-Office. Die Menschen stellen aktuell fest, dass es angenehm ist, nicht jeden Tag pendeln zu müssen. Das wiederum entschärft die Verkehrsströme. Zudem merkt man, dass das Herumjetten für internationale Meetings problemlos reduziert werden kann. Diese Dinge werden unmittelbar erlebt und bergen daher Chancen für eine Änderung. In einem späteren Schritt wird es wichtig sein, gewisse Anreize zu schaffen. Etwa, der Ausbau des Bahnverkehrs mit Nachtzügen oder eine steuerliche Entlastung für Firmen, die ihre Geschäftsflüge minimieren.

Apropos fliegen: Der Bundesrat hat der Fluggesellschaft Swiss keine Auflagen in Bezug auf die milliardenschwere Bürgschaft gemacht. Hierbei läge eine klimafreundlichere Ausgestaltung doch auf der Hand?

Die Idee vom umweltfreundlichen Fliegen ist ein Paradox. Das Klima schont man vor allem, wenn man weniger oder gar nicht fliegt. Der Bund will jedoch die Swiss retten. Das lässt sich nicht mit einem Programm erreichen, das den Betrieb dämpft. Das würde der Fluggesellschaft bloss neue Probleme schaffen. Auf die Schnelle einen sinnvollen Plan zu entwickeln, ist enorm schwierig. Denn aus ökologischer Sicht wäre der momentane Zustand der Idealfall – dass man gar nicht fliegt.

Die Engpässe bei Schutzkleidung und Medikamenten haben in der Coronakrise eine Kehrseite der Globalisierung aufgezeigt: die Abhängigkeit von ausländischen Produktionsstandorten. Führt das zu einem Umdenken?

Der totalen Globalisierungseuphorie wurde ein Dämpfer versetzt. Das bedeutet aber nicht eine komplette Abkehr davon – zu viele Wertschöpfungsketten sind international ausgerichtet. Bei gewissen Bereichen wurde allerdings deutlich, wie wichtig eine lokale Produktion ist. Ich denke dabei vor allem an Nahrungsmittel, aber auch an medizinische Grundstoffe.

Lebenswichtige Güter also?

Genau. Es geht nicht darum, dass in der Schweiz wieder eine Textilindustrie aufgebaut wird. Das wäre völlig unrealistisch. Möglich hingegen ist, dass wichtige Lebensmittel weiterhin hierzulande produziert werden. Das steht allerdings im Gegensatz zu den Freihandelsabkommen. Die Landwirtschaft müsste von Freihandelsabkommen wieder ausgenommen werden – so wie dies bis in die 1980er-Jahre der Fall war. Das sind aber Entscheide, die man letztlich gegen den Markt trifft: Das wichtigste Kriterium wäre in diesem Fall nicht mehr, dort zu produzieren, wo es am billigsten ist. Stattdessen stünde Robustheit und Nachhaltigkeit der eigenen Wirtschaft im Vordergrund.

Die Beträge, die gegenwärtig gesprochen werden, sind immens. In der Schweiz sind es rund 57 Milliarden Franken. Lässt sich das überhaupt zurückbezahlen?

Für den Bund ist die sich ergebende Verschuldung nicht wirklich dramatisch. Sie wird sich auf einem Niveau wie zu Beginn dieses Jahrtausends bewegen. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent der Unternehmen ihre Kredite nicht begleichen können. Ich erwarte, dass der Prozentsatz höher liegt. Bei einigen Branchen wie dem Tourismus oder der Gastronomie dauert es relativ lang, bis die Normalität wieder einkehrt.

Zur Person

Mathias Binswanger - Volkswirtschafter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er ist Autor von mehreren Büchern. Zuletzt erschien von ihm «Der Wachstumszwang». Er forscht unter anderem zur Umweltökonomie und zum Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen. Im Ökonomen-Ranking der NZZ erreichte er 2019 den 1. Platz in der Kategorie Politik.

Mathias Binswanger - Volkswirtschafter

Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er ist Autor von mehreren Büchern. Zuletzt erschien von ihm «Der Wachstumszwang». Er forscht unter anderem zur Umweltökonomie und zum Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen. Im Ökonomen-Ranking der NZZ erreichte er 2019 den 1. Platz in der Kategorie Politik.

Fehlt durch die weltweit Billionen schwere Wirtschaftshilfe künftig das Geld für die nächste grosse Krise, den Klimawandel?

Wir können im Moment damit rechnen, dass die Wirtschaft in wesentlichen Teilen relativ rasch wieder funktionieren wird. Die Schulden können, wenn es sein muss, über längere Zeit erneuert werden. Deshalb glaube ich nicht, dass die Klimaprobleme aufgrund der Folgen der Coronakrise aus finanziellen Gründen vernachlässigt werden.

Weltweit sind die meisten Länder aber deutlich höher verschuldet als die Schweiz. Ihnen fehlen dann doch die notwendigen Mittel?

Auch im Ausland hat man mit der Null- respektive Negativzinspolitik zurzeit relativ günstige Bedingungen, um Schulden zu machen. Wegen der Coronakrise muss damit gerechnet werden, dass die wichtigen Zentralbanken dieses Tiefzinsumfeld noch länger aufrechterhalten. Würden die Zinsen angehoben, entstünden für einige Staaten tatsächlich grosse Probleme.

Die Wirtschaft ist auf permanentes Wachstum ausgerichtet. Die Ressourcen der Erde sind aber begrenzt. Wie kommen wir aus diesem Dilemma raus?

Bleibt das wirtschaftliche Wachstum aus, setzt eine Abwärtsspirale ein. Deshalb besteht ein Wachstumszwang, der sich nicht einfach ausschalten lässt. Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das seit mehr als 200 Jahren besteht. Von Anfang an war es auf Wachstum ausgerichtet. Das ergab für längere Zeit auch Sinn, weil sich der materielle Wohlstand dadurch erhöhte. Inzwischen stellt man aber in hochentwickelten Ländern fest, dass die Menschen trotz Wachstum nicht mehr glücklicher werden. Zudem gibt es erhebliche Kollateralschäden in der Umwelt. Es gilt also, den Wachstumszwang längerfristig zu mildern.

Wie gelingt das?

Dafür braucht es wohl neue Formen von Unternehmen. Solange an den Börsen kotierte Aktiengesellschaften die Wirtschaft dominieren, dürfen keine Veränderungen erwartet werden. Sie sind auf maximalen Gewinn ausgerichtet. Eine Alternative wäre beispielsweise der Aufbau von Genossenschaften. Wir stehen diesbezüglich aber vor offenen Fragen. Alle Vorschläge, die vorliegen – etwa eine solidarische Wirtschaft oder die Gemeinwohl-Ökonomie – sind bislang Nischenideen. Zudem funktionieren sie nur, weil die Menschen, die sie unterstützen, mehrheitlich in der herkömmlichen Wirtschaft ihr Geld verdienen.

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