Ein kurzes Telefon von der Réceptionistin und schon steht Chesley Sullenberger – genannt «Sully» – in der Lobby des Davoser «Club Hotels». Er hat hier am WEF ein volles Programm. Nach unserem Interviewtermin posiert er noch kurz für ein Foto – und schon muss er weiter. Die Manager wollen von ihm, dem Ex-Piloten, wissen, wie «Führung unter Druck» funktioniert. Darin hat Sullenberger tatsächlich einige Erfahrung: Am 15. Januar 2009 musste er nur wenige Minuten nach dem Start seine Maschine im Hudson River landen. Die 150 Passagiere sowie alle Besatzungsmitglieder überlebten wie durch ein Wunder.

Herr Sullenberger, wie ist es, ein Held zu sein?

Chesley Sullenberger: Ich muss seit zwei Jahren mit diesem Titel umgehen. Mein Leben hat sich auf einen Schlag verändert. Innert Minuten, im wahrsten Sinn des Wortes, wurde ich von der totalen Anonymität herausgerissen und erhalte jetzt weltweite Anerkennung.

Mögen Sie es denn nicht, ein Held zu sein?

Zuerst wollte ich diese Rolle nicht. Doch gleichzeitig wollte ich die Dankbarkeit der Leute nicht ablehnen. Sie brauchen das Gefühl, dass es das Gute noch gibt in einer Welt, in der so viel Schlechtes passiert. Ich akzeptiere den Titel, auch wenn ich mich selbst nicht als Helden sehe. Die Heldenrolle passt mir nicht, denn ich hab sie nicht selbst ausgesucht. Sie wurde mir zugetragen.

Dennoch: Sie haben über 150 Menschen das Leben gerettet.

Ja. Aber ich und auch mein erster Co-Pilot hatten uns darauf vorbereitet. Wir haben unser Leben lang gelernt und geübt. Ich hatte über Jahrzehnte Tausende von Flugstunden absolviert. Das bereitet einen so gut wie es geht vor auf etwas, das so unvorhersehbar ist.

Am WEF sprechen Sie über «Führung unter Druck». Was können Manager von Ihnen und Ihrer Erfahrung lernen?

Generell gilt: Je früher jemand sich auf schwierige Situationen vorbereitet, desto besser wird er sie meistern. Aber eine der ersten Lektionen, die ein professioneller Pilot lernt, ist: Wer eine schwierige Situation meistern und kontrollieren will, muss zuerst sich selber kontrollieren können. Es braucht einen disziplinierten Geist. Obwohl das die mit Abstand heikelste Situation meines ganzen Lebens war, habe ich es geschafft, mir eine professionelle Ruhe aufzuerlegen.

So landet Pilot Sullenberger auf dem Hudson River in New York

So landet Pilot Sullenberger auf dem Hudson River in New York

Gibt es wirklich so etwas wie eine professionelle Ruhe? Das ist doch eine Charakterfrage.

Nein. Jeder kann eine professionelle Ruhe lernen. Einigen fällt das natürlich einfacher als anderen.

Sie sagen also, dass Ihre Heldenleistung eigentlich nur geübte Selbstbeherrschung war?

Eigentlich habe ich drei Sachen richtig gemacht an diesem Unglückstag: Erstens meine professionelle Ruhe bewahrt, zweitens die Fähigkeit genutzt, mein lebenslanges Training als Profipilot abzurufen. Und drittens innert Sekunden entschieden, welches die absolut wichtigste Handlungen waren – und diese möglichst korrekt umgesetzt. Man muss in seinem Beruf so gut sein, dass man schnell weiss, was das Wichtigste ist.

Im Fluss zu landen?

Das war eine einfache Wahl. Theoretisch hatten wir drei Landemöglichkeiten – doch für die ersten beiden reichte die Zeit nicht aus. Wir konnten weder zum Flughafen zurück, von wo wir gestartet waren, noch nach New Jersey. So blieb einzig die dritte Möglichkeit: Nur im Fluss hatte es keine Überbauungen und Hochhäuser. Zudem wusste ich, dass dort viele Fähren fahren. 4 Minuten nach unserer Landung im Fluss kam auch schon die erste Fähre.

Sie sind seit einem Jahr pensioniert. Vermissen Sie das Fliegen?

Ich bin so viel geflogen, dass es immer ein grosser Teil von mir sein wird. Und ich fliege noch immer: privat, zum Spass.

Fliegen Sie auch mit Flugsimulatoren?

Ja, das auch. Und zwar bei den Flugzeugbauern selbst. Ich war bei Airbus in Toulouse und konnte dort den A380 fliegen – sowohl den Simulator als auch das Flugzeug. Ich war bei Boeing in Seattle und konnte dort mit dem Simulator den 787 fliegen. Und ich hoffe, dass ich nochmals hingehen und auch die echten Maschinen fliegen kann.

Diese Einladungen der Flugzeughersteller Airbus und Boeing sind wohl eine Folge Ihrer Landung im Hudson River?

Die letzten zwei Jahre waren einfach erstaunlich. Ich werde nach Davos eingeladen mit all diesen wichtigen Personen, ich darf den A380 fliegen. Es ist unglaublich.

Das Heldendasein hat seine guten Seiten.

Ja. Aber als öffentliche Figur musste ich musste schnell lernen, vor Leuten zu sprechen und mich dabei wohl zu
fühlen. Dieses neue Leben habe ich mit der gleichen Sorgfalt und der gleichen Disziplin in Angriff genommen, wie ich vorher meine Pilotenkarriere in Angriff genommen hatte. Es war nicht einfach. Aber es ist wichtig: Ich habe eine öffentliche Rolle zu spielen.

Fühlen Sie sich wohl am WEF?

Ja, das tue ich. Es bietet eine Möglichkeit, sich mit den unterschiedlichsten Menschen zu treffen – Journalisten,Firmenchefs, Universitätsprofessoren oder Musiker. Es ist ein Marktplatz für Ideen.

Sie haben auch schon Barack Obama getroffen.

Ja, nur ein paar Tage nach dem Unglück waren wir an die Inaugurationsfeier eingeladen und haben den Präsidenten und die First Lady kennen gelernt. Er war sehr gütig und sehr grosszügig. Es war interessant, den Präsidenten kennen zu lernen.

Möchten Sie selber in die Politik einsteigen?

Nein. Eine Partei hat mich zwar vor rund eineinhalb Jahren angefragt, ob ich für sie für den US-Kongress kandidieren wolle. Ich bin zwar geehrt, dass man mir so eine Aufgabe zutraut. Aber ich bin eher ein Pilot als ein Politiker. Ich denke, ich habe heute eine gewichtigere Stimme, als wenn ich im Parlament wäre. Denn ich bin unabhängig, habe einen guten Ruf – und werde von allen anerkannt. In der Politik müsste ich mich für ein Lager entscheiden. Leider hat sich die US-Politik sehr polarisiert. Ich versuche, die Mitte zu besetzen.

Wünschen Sie sich manchmal Ihr altes Leben zurück?

Nein. Ich habe eine Stimme bekommen – und kann nun versuchen, diese Sachen zu verbessern, die mir schon lange am Herzen lagen. Wie zum Beispiel die Flugsicherheit.

Wie sind Sie nach Davos gereist?

Mit dem Flugzeug selbstverständlich, mit Swiss.

Haben Sie den Piloten im Cockpit besucht?

Nein. Aber jemand aus der Crew hat mich erkannt. Sie haben mich begrüsst und wir haben dann noch einige Fotos zusammen gemacht.

Wie oft waren Sie schon in der Schweiz?

Das ist mein erstes Mal. Eigentlich hatte mich das WEF schon vor einem Jahr eingeladen. Aber damals hatte ich keine Zeit. Die Schweiz ist wunderschön. Ich fahre jetzt mit dem Zug nach Zürich zurück, damit ich noch etwas mehr von der Landschaft sehe.

Viel Zeit gönnen Sie sich hier nicht.

Nein. Aber ich komme bald wieder, im Mai – und dann zusammen mit meiner Frau. Dann komme ich ans Swiss Economic Forum nach Interlaken.

Da wären Sie ja nicht weit von Wynigen entfernt, von wo Ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert ausgewandert sind.

Ich sollte wohl etwas Zeit reservieren, um dorthin zu fahren. Bis vor zwei Jahren wusste ich übrigens gar nicht, dass meine Vorfahren aus der Schweiz stammten.