1889: In der Stadt Baden darbt der Kurort, und der kleinen Industrie fehlen Impulse. Dann reichen Carl und Theodor Pfister das Konzessionsgesuch für ein Wasserkraftwerk ein, um den Thermalkurort und die Industrie mit Elektrizität zu versorgen. Sie gründen eine Elektrizitätsgesellschaft und gewinnen Charles Brown und Walter Boveri, zwei junge Ingenieure aus bekannten Häusern, für ihr Projekt und dank günstiger Landpreise für den Standort Baden. 1891 gründen diese die Brown Boveri & Cie., die im Folgejahr in neu erstellten Fabrikhallen mit 62 Arbeitern startet. Es ist der Ursprung einer Weltfirma, welche die Kleinstadt Baden zum bekannten Industriestandort macht.

Die BBC wächst dank technischer Entwicklung rasant, hat bereits um 1900 einen Exportanteil von 75 Prozent, gründet Niederlassungen in Mannheim, die Tecnomasia in Mailand und weitere. Es ist die Firmenphilosophie und der Grundstein der weltweit tätigen BBC, dort Produktionsstätten aufzustellen, wo sich die Absatzmärkte befinden. Als die Weltkonjunktur in den 20er-Jahren anzieht, versucht sich die BBC in den USA. Dort trifft sie auf die grossen Konkurrenten General Electric und Westinghouse. Die 1925 mit BBC-Beteiligung gegründete Abbec wird nach dem Börsencrash 1929 liquidiert. Die BBC bricht ihr USA-Abenteuer ab. Einzel-Lieferungen, so die weltgrösste Dampfturbine für New York aus Baden, und das Lizenzgeschäft bleiben davon noch übrig. 1967 fusioniert BBC mit der Maschinenfabrik Oerlikon, 1969 mit der Sécheron Genf.

Die Sache mit dem Hakenkreuz

Sechs Jahre älter als die BBC ist die Asea, die 1883 in Stockholm gegründet wird. Sie baut Elektromotoren für den Zugverkehr und Strassenbahnen. Auffällig ist das Firmenlogo: Es zeigt ein Hakenkreuz. Mit dem Auftritt der Nationalsozialisten in Deutschland entfernt es die Asea 1933. Wie die BBC wendet sie sich nach 1950 der Kernenergie zu.

BBC investiert viel ins technische Know-how und in die Ausbildung der Fachkräfte. Sie profitiert durch Mannheim, wo Antriebe für U-Boote und Kriegsschiffe entwickelt werden, und wird führend bei der Schifffahrt. Die Verbrennungs-Gasturbinen für die Stromproduktion werden zum Erfolg des Konzerns. Zehn Prozent des Umsatzes investiert BBC in Forschung und Forschungszentren. 1973 entsteht in Baden-Dättwil das wichtigste.

Doch die BBC verliert das Betriebswirtschaftliche aus den Augen. Werner Catrina, profunder Kenner der Fusionsgeschichte und Buchautor, sagt: «Man erfasste die Profitabilität der einzelnen Divisionen lange Zeit nicht detailliert, sondern eruierte das Gesamtergebnis des Konzerns.» Kurz: Die Kehrseite des technischen Triumphs ist die Vernachlässigung des Kommerziellen. Dass man Maschinen zu einem guten Preis verkaufen muss, geht fast vergessen. Es sind einzelne Rufer, wie der spätere ABB-Schweiz-Chef Edwin Somm, damals für den Kraftwerksbereich verantwortlich, die Profit-Centers fordern. Als VR-Präsident Franz Luterbacher 1985 darum den ehemaligen Nationalbankpräsidenten Fritz Leutwiler an Bord holt, ist es bereits zu spät.

Bei der Asea werden die betriebswirtschaftlichen Hausaufgaben mit einer Reorganisation nach amerikanischem Modell gemacht. Der Konzern ist gesund und sucht nach Möglichkeiten der Expansion. So kommt es zu geheimen Gesprächen zwischen Fritz Leuwiler, BBC, und Percy Barnevik, Asea, sowie den Hauptaktionären Stefan Schmidheiny (BBC) und Peter Wallenberg (Asea).

Wie ein Blitzeinschlag

Obschon man um die prekäre Lage der BBC weiss, schlägt die Fusionsnachricht am 10. August 1987 ein wie ein Blitz. Kenner sind sich einig: Der Fusionsentscheid ist richtig und visionär. Und: Mit dem börsenkotierten Wert wird die BBC als bestens positionierte Firma mit ihren Innovationen und Patenten unter ihrem Wert gehandelt.

Der Notwendigkeit dieser Fusion sind sich die meisten bewusst: Der BBC-Tanker wäre ohne Fusion auf Grund gelaufen. Trotzdem ängstigt man sich, von Västeras dominiert zu werden. Im BBC-Kader fühlen sich viele von den Schweden über den Tisch gezogen. Später kommt aus: Die Verantwortlichen wurden von den Kompetenzen Percy Barneviks geblendet.

Baden fürchtet sich vor dem angekündigten Abbau von 2500 Stellen. Die kleine Stadt mit ihrer Weltfirma, die ihr viel Weltoffenheit verliehen hat, geht einer wirtschaftlich ungewissen Zukunft entgegen.

Per 4. Januar 1988 wird die Fusion vollzogen. Die ABB startet mit 160 Millionen Franken Verlust und wird umgehend reorganisiert. Unrentable Bereiche werden gestrichen, aus den übrigen Profit-Center gemacht. ABB Schweiz erwirtschaftet mit 6 Prozent der Mitarbeitenden 11 Prozent des Konzernumsatzes. Baden kommt letztlich mit einem Verlust von 1700 Stellen relativ gut weg. In der Folge erstarkt gar der Industriestandort wieder. Dank der Zusammenarbeit zwischen der Stadt und ABB wird das BBC-Areal «Baden Nord» zum modernen Engineering-, Technologie- und Berufsbildungs-Standort.

In der Fusionseuphorie kauft die ABB Dutzende von Unternehmen. Sie wächst vorübergehend auf 220'000 Mitarbeitende an. Grösster Fehleinkauf für zwei Milliarden Franken ist die US-Firma Combustion Engineering. Für Entschädigungen an Asbest-Opfer bezahlt ABB eine weitere Milliarde, was den Konzern ins Schlingern bringt. Es ist Zeit für Percy Barneviks Abgang, zuerst als CEO, dann als VR-Präsident. Er fällt später wegen überrissener Pensionsgelder, die er sich noch kurz vorher zuschanzte, in Ungnade. Unter dem noch von ihm eingesetzten CEO Göran Lindahl rutscht die ABB tiefer in die roten Zahlen.

Wieder Bodenhaftung

1999 trennt sich der Konzern von der Bahntechnik. 2000 gehen die Kraftwerke an Alstom – eine nicht ausgereifte Gasturbine hatte dem Bereich das Genick gebrochen. Keine Besserung tritt unter Jörgen Centerman ein, der bereits 20 Monate später von Jürgen Dormann als Konzernleiter abgelöst wird. Unter diesem geht der Ausverkauf weiter, denn auch die Bereiche Finanzdienstleistungen sowie Öl, Gas und Petrochemie werden abgestossen, allerdings mit nachhaltigem Erfolg.

Dem um die Jahrtausendwende auf 110'000 Stellen geschrumpften Konzern bleiben primär Energie- und Automationstechnik sowie Prozessautomation. Heute, 30 Jahre nach der Fusion zur ABB, hat der Konzern mit 135'000 Arbeitsplätzen in einem volatilen Wirtschaftsfeld wieder einigermassen Bodenhaftung gefunden.