Herr Binswanger, woher kommt unser Geld?

Mathias Binswanger: Vor allem von den Geschäftsbanken. Wenn sie einem Kunden einen Kredit geben, wird dieser Betrag auf seinem Konto gutgeschrieben und kann für Zahlungen verwendet werden. Dieser Teil der Geldmenge wird quasi aus dem Nichts geschaffen durch den Entscheid der Kreditvergabe. Etwa 90 Prozent des Geldes in der Schweiz besteht aus solchem Giralgeld oder Bankengeld.

Und die restlichen 10 Prozent?

Das erwähnte Bankengeld besteht aus den Konten der Kunden bei Banken. Der Rest Geldes, das wir für Zahlungen benutzen, ist das Bargeld, also Münzen und Banknoten. Dieses Geld kommt von der Zentralbank eines Landes. In der Schweiz ist dies die Schweizerische Nationalbank (SNB).

Das klingt nach einer Zauberformel. War das immer so?

Nein, das Verhältnis hat sich mit der Zeit verändert. Vor etwas mehr als 100 Jahren gab es nur Bargeld. Allerdings nicht von der Zentralbank. Jede Geschäftsbank schuf ihr eigenes Geld in Form von Banknoten. Es gab unterschiedliche 100-Franken-Noten von verschiedenen Banken.

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie sowie im Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen. Er ist Autor von «Die Tretmühlen des Glücks» (2006), «Sinnlose Wettbewerbe» (2010) und «Geld aus dem Nichts» (2015). (tm)

Ökonom Mathias Binswanger.

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie sowie im Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen. Er ist Autor von «Die Tretmühlen des Glücks» (2006), «Sinnlose Wettbewerbe» (2010) und «Geld aus dem Nichts» (2015). (tm)

War das nicht ein Durcheinander?

Tatsächlich merkte man, dass eine Kontrolle nötig wäre. Es fehlte an Übersicht. Insbesondere wurde es schwierig zu messen, wie viel Geld in Umlauf war und vor allem, um wie viel die Geldmenge von Jahr zu Jahr stieg. Das aber ist wichtig, um die Inflation zu messen und Exzesse in der Geldschöpfung zu verhindern. Das war der wesentliche Grund für die Entstehung von Zentralbanken. In der Schweiz wurde die Nationalbank 1907 gegründet.

Was änderte sich?

Nur die Zentralbanken durften noch Noten drucken und Münzen in Umlauf bringen. Sie erhielten das Monopol bei der Bargeldschöpfung. Wollten die Geschäftsbanken Geld von der Zentralbank, mussten sie ihr dafür ursprünglich Gold liefern. Mit der Zeit funktionierte die Wirtschaft aber immer mehr über Schecks und Direktüberweisungen von Konto zu Konto. Damit nahm die Bedeutung des Bankengelds zu, also jenes Geldes, das bei der Kundschaft auf dem Konto liegt.

Die Vollgeldinitiative will alle Macht der SNB geben, Ende 2014 scheiterte mit der Goldinitiative eine Idee, die ihr die Hände binden wollte. Was ist jetzt das Problem bei der Geldschöpfung: Die SNB oder die Banken?

Da kursieren viele falsche Vorstellungen. Einerseits herrschte lang die Meinung vor, Banken seien nur Vermittler zwischen Ersparnissen im Privatsektor und Investitionsbedarf der Wirtschaft. Dass sie mit dieser Kreditvergabe auch selber Geld schaffen, kam erst später in den Fokus. Daher kommt es zu Initiativen, die das Monopol der SNB erweitern möchten. Den Geschäftsbanken soll die Geldschöpfungsmöglichkeit weggenommen werden. Das würde so funktionieren, dass wie beim Bargeld nur noch die SNB Bankengeld in Umlauf bringen kann, indem sie dem Staat oder Haushalten von Jahr zu Jahr weiteres Geld auf ihren Konten gutschreibt. Eine Bank könnte dann nur das Geld wiederausleihen, das die Kunden auf ihren Konti bei dieser Bank haben.

Aber mit Blick auf die Schuldenproblematik wäre das vielleicht gar nicht schlecht. Wo sehen Sie Probleme?

Die Kontrollierbarkeit der Geldmenge wird durch die Einführung des sogenannten Vollgeldes stark erhöht. Die Frage ist aber: Wie soll die SNB festlegen, wie viel Geld die Wirtschaft braucht und um wie viel die Geldmenge von Jahr zu Jahr erhöht werden muss? Entscheide müssten laufend korrigiert werden. Schon jetzt sehen wir, dass die Inflationsprognosen der SNB regelmässig völlig falsch sind.

Und was ist das Problem mit Konzepten wie der Goldinitiative?

Der Goldstandard, also die Bindung der Geldpolitik an die Goldmenge, ist ein alter Zopf und wurde auch vor 1914 nie konsequent umgesetzt. Sobald es Krisen gab, führte er zu Problemen, weil er die zur Stützung der Wirtschaft nötige Geldmengenerhöhung hemmte. Dasselbe gilt für das sogenannte System von Bretton Woods, bei dem nur noch die Dollar-Geldmenge in Gold umtauschbar sein musste und die anderen Währungen einen fixen Umtauschkurs zum Dollar hatten, also nur indirekt in Gold verankert waren.

Was genau ist der Goldstandard?

Beim Goldstandard hat Gold einen fixen Preis in jeder Währung. Um weiteres Geld zu bekommen, muss eine Geschäftsbank Gold bei der Zentralbank abliefern und erhält den entsprechenden Betrag auf ihrem Konto bei der Zentralbank gutgeschrieben. Dieses Geld kann sie dann weiterleihen. Dass dieses System unflexibel ist, hat sich etwa vor dem grossen Börsencrash in den USA von 1929 und in der folgenden Grossen Depression zu Beginn der 1930er-Jahre gezeigt. Die US-Zentralbank war vor allem auch wegen des damals wiedereingeführten Goldstandards nicht in der Lage, geldpolitisch richtig zu reagieren.

Was war «Bretton Woods»?

Bretton-Woods-System war eine Art «Goldstandard Light» und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als internationale Währungsordnung mit Wechselkursbandbreiten eingeführt. Der US-Dollar war als Ankerwährung bestimmt worden. Das Bretton-Woods-System war durch ein Dilemma geprägt. In einer wachsenden Wirtschaft, wird immer mehr Geld benötigt und die Geldmenge muss entsprechend über Kreditvergabe der Banken ausgedehnt werden. Wenn aber die Menge an umlaufenden Dollars stets ausgedehnt wird und die Menge an Gold konstant bleibt, dann lässt sich der fixe Goldpreis irgendwann nicht mehr aufrechterhalten. Dies führte zu Spekulationen bezüglich Abwertung des Dollars und der damalige US-Präsident Richard Nixon zog dann 1971 die Notbremse und hob die Goldbindung des Dollars definitiv auf.

Die EZB hat die 500-Euro-Note abgeschafft. Droht der 1000-Franken-Note dasselbe Schicksal?

Es wird oft argumentiert, dass grosse Banken kriminelle Tätigkeiten erleichtern. Ich glaube aber, dass Kriminelle längst ausgeklügeltere Möglichkeiten gefunden haben, Geld auch virtuell zu waschen. Es sind also andere Gründe entscheidend. Die Bargeldhortung ist eine Möglichkeit, die Negativzinsen der Zentralbanken zu umgehen. Bei der gegenwärtigen Negativzinspolitik erleichtert die Abschaffung grosser Scheine den Zentralbanken ihre Arbeit. Auch die Geschäftsbanken beklagen sich kaum über die Abschaffung, da dann alle Zahlungen über Banken laufen, und diese daran etwas verdienen. Und schliesslich gibt es sowohl vom Staat als auch von der Privatwirtschaft ein Interesse, sämtliche Zahlungen aller Bürger überwachen und analysieren zu können, was bei Bargeld nicht möglich ist. Bargeld ist die letzte Form von Freiheit im Zahlungsverkehr.

Welche Bedeutung werden elektronische Formen von Geld haben, wie etwa Bitcoin oder auf ähnlichen Technologien basierende Währungen?

Man muss sich fragen, welche Funktion dann Zentralbanken haben werden. Es lassen sich viele neue Entwicklungen beobachten. Bisher konnten sich neue Währungen aber noch nicht durchsetzen. Das grosse Problem ist hier nach wie vor die Sicherheit und das Vertrauen. Niemand weiss, wie viel Bitcoin in Zukunft wert ist, während etwa ein Franken immer ein Franken wert ist. Ich kann das Geld auf meinem Bankkonto stets eins zu eins in Bargeld umtauschen.

Kritiker sagen, das wisse man bei Notengeld auch nicht, weil die Notenbanken ständig mehr davon drucken.

Hier geht es um die Geldwertstabilität. Die SNB hat einen Auftrag von der schweizerischen Bundesverfassung, diese zu garantieren, was doch eine gewisse Sicherheit bietet. Bei Bitcoin sehe ich niemanden, der wirklich dafür verantwortlich wäre, den Wert von Bitcoin zu erhalten.