Die «mächtigste Frau der Welt», wie Christine Lagarde schon apostrophiert wurde, muss zittern. Und mit ihr ein grosser Teil der Finanzwelt und so manche Regierung, die beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in der Kreide steht. Schuld ist ein dunkler Fleck, der sich in die sonst tadellose Karriere der Französin geschlichen hat: IWF-Chefin Lagarde (60) muss sich ab Montag für einen Entscheid verantworten, mit dem sie selber keinerlei Interessen verband und den sie nur auf Bitte ihres politischen Vorgesetzten abgesegnet hatte.

Der Fall liegt weit zurück. Der französische Fussballmanager Bernard Tapie hatte den Sportartikelhersteller Adidas 1992 an die Staatsbank Crédit Lyonnais verkauft, dabei aber vermutlich ein sehr schlechtes Geschäft gemacht. Wütend ging er vor Gericht, wo er jedoch rundum abblitzte. Also versilberte er seinen letzten Trumpf – seine nach wie vor hohe Popularität im Volk. Nicolas Sarkozy machte sie sich zunutze: Er hielt Tapie von Staats wegen, aber via ein privates Schiedsgericht eine Entschädigung von 404 Millionen Euro zu; dafür rief Tapie 2007 – erfolgreich – zur Wahl Sarkozys auf.

Lagarde hatte mit diesem Wahlschacher, wenn es denn einer war, nichts zu schaffen. Aber als Sarkozys Wirtschaftsministerin musste sie das Schiedsgerichtsurteil nachträglich mit ihrer Unterschrift absegnen. Wusste sie um den Deal, für den es keine Beweise gibt? Hätte sie es zumindest wissen müssen? Die Linksopposition in Paris verlangte 2011 Aufklärung, wobei sie nicht Lagarde im Visier hatte, sondern Sarkozy, der ein Jahr später zur Wiederwahl antreten wollte. Eigentlich müsste er am Montag auf der Anklagebank Platz nehmen, nicht sie. Doch da der Staatschef Immunität geniesst und die Ministerin unterschrieben hatte, blieb die Affäre an ihr hängen.

Dass sie den Kopf für den französischen Präsidenten hinhalten muss, entlarvt dessen faktische Stellung über dem Gesetz, auch über den Bürgern. Man muss den handschriftlichen Brief lesen, mit dem Lagarde ihrem «lieben Nicolas» Nibelungentreue schwor. «Ich bin an deiner Seite, um dir zu dienen», schrieb sie in dem Dokument, das den Ermittlern in die Hände fiel. «Benütz mich so lang, wie es dir passt. Wenn du mich benützt, brauche ich dich als Führer und Helfer. Ohne Führer wäre ich wirkungslos.» Gefolgt von der Unterschrift: «Mit meiner immensen Bewunderung, Christine L.»

Man kann nur staunen, wie eine Frau, die eine internationale Topinstitution seit fünf Jahren souverän leitet, ihre eigenen Führungsqualitäten anzweifelt. Oder, anders betrachtet, wie sich eine Vertreterin des Pariser Hofes, und sei es als Ministerin, dem Wahlmonarchen im Élysée-Palast auf Gedeih und Verderb ausliefert.

Das führt zur entscheidenden Frage, wie Lagardes Verhalten strafrechtlich einzustufen ist. Der Gerichtshof der Republik wirft ihr «Nachlässigkeit» vor – ein unbefriedigender Ausdruck für ihren wegschauenden Kadavergehorsam. In Interviews erklärt die IWF-Direktorin, sie habe die «Interessen des Staates» befolgt. Das klingt unglaubwürdig, es sei denn, sie meint damit auch die persönlichen Interessen des Präsidenten.

Ruf als eiserne Lady

Sicher ist, dass eigentlich niemand Lagardes Prozess wünscht. Und schon gar nicht eine Verurteilung, die für die Weltwirtschaft nur destabilisierend wäre. In Finanzkreisen geniesst die frühere Anwältin einen guten Ruf. Viele Griechen sehen in ihr zwar eine eiserne Lady, die das Land mit harten Bedingungen erwürge. Seitens der Schwellenländer wird ihr dagegen vorgeworfen, sie stehe vorzugsweise den Europäern zu Diensten. So hiess es 2015 in einem internen IWF-Papier, der Fonds spreche seine Kredite an Athen aufgrund politischer, nicht «unabhängiger und technokratischer» Kriterien. Diese Kritik zielt aber nicht unbedingt auf die Person Lagardes; die Schwellenländer wollen damit nicht zuletzt ihren Anspruch auf den nächsten IWF-Vorsitz anmelden.

Solche geopolitischen Erwägungen sind natürlich kein Argument für die Justiz. Sie hat unabhängig zu entscheiden, und das ist auch gut so. Trotzdem ist der Prozess fragwürdig: Der Gerichtshof der Republik scheint unwillig oder unfähig, das zentrale Momentum der «Affäre Lagarde» – die absolute Macht des französischen Präsidenten – in Betracht zu ziehen. Sonst stünde eben Sarkozy vor Gericht. Der IWFExekutivausschuss hat Lagarde am Donnerstag jedenfalls erneut und ausdrücklich sein Vertrauen ausgesprochen.