Washington
Die erste Frau an der Spitze der amerikanischen Notenbank tritt in den Ruhestand

Die Chefin der Federal Reserve Janet Yellen übergibt die US-Wirtschaft ihrem Nachfolger Jerome Powell in einem guten Zustand.

Renzo Ruf, Washington
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Janet Yellen war seit 2013 Chefin der Federal Reserve.AP/Keystone

Janet Yellen war seit 2013 Chefin der Federal Reserve.AP/Keystone

KEYSTONE

Den Abend des 4. November 2008, als Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde, verbrachten Janet Yellen und ihr Gatte, der Nobelpreisträger George Akerlof, gemeinsam mit einem befreundeten Ehepaar in Berkeley (Kalifornien). Als der Sieg des Demokraten gegen 20 Uhr Lokalzeit feststand, lagen sich die vier Wirtschaftswissenschafter in den Armen und tranken gemeinsam Champagner. Grund zur Freude gab es genug. Die Wahl Obamas signalisierte eine Rückkehr Washingtons zum Keynesianismus – einer Denkschule, mit der Yellen während ihrer langen akademischen Karriere stets sympathisiert hatte.

Weil die heute 71-jährige Yellen in der amerikanischen Hauptstadt allerdings als Clinton-Getreue galt, da sie Präsident Bill Clinton in den Neunzigerjahren als wirtschaftspolitische Beraterin zur Seite gestanden war, musste sie sich recht lange gedulden, bis sie auch persönlich von der Wahl des neuen Präsidenten profitierte. 2010 wurde Yellen, die seit 2004 die Zweigstelle der Federal Reserve in San Francisco (Kalifornien) präsidiert hatte, von Obama zur neuen Vizechefin der amerikanischen Notenbank nominiert. Drei Jahre später, im Herbst 2013, erfolgte dann, nach einigem politischen Hin und Her, ihre Nomination zur Chefin der Federal Reserve, als Nachfolgerin von Ben Bernanke.

Ende Woche nun endet die Laufbahn der Akademikerin aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn an der Spitze der einflussreichsten Notenbank – nachdem sie heute Mittwoch zum letzten Mal die Beratungen des Fed-Offenmarktausschusses leiten wird. Präsident Donald Trump zog es bekanntlich vor, den republikanischen Fed-Gouverneur Jerome «Jay» Powell mit der Führung der Federal Reserve zu beauftragen. Powell wird seinen neuen Posten am 4. Februar antreten.

Auftrag erfüllt

Trotz dieses erzwungenen Rücktritts geht Yellen mit hoch erhobenem Kopf vom Feld; zumindest deutete ihr letzter öffentlicher Medienauftritt – im vergangenen Dezember – nicht darauf hin, dass sie sich über verpasste Gelegenheiten ärgert. Die nackten Zahlen pflichten ihr bei. So sank die Arbeitslosenquote in den USA während ihrer Amtszeit von 6,7 Prozent (Februar 2014) auf 4,1 Prozent (Dezember 2017). Auch behielt die Federal Reserve die Inflation unter Kontrolle und verhinderte, dass der Dollar markant an Gewicht verlor. Damit erfüllte die Führung der Notenbank die beiden Aufträge des Gesetzgebers und sorgte für Vollbeschäftigung und Preisstabilität. Yellen gelang es zudem, Theorie und Praxis unter einen Hut zu bringen. So soll die Akademikerin, die sich auf den Arbeitsmarkt spezialisiert hat, ihren Fed-Kollegen immer wieder vor Augen geführt haben, welch massive Folgen die Fed-Entscheidungen auf gewisse Bevölkerungsgruppen haben. So traf sie sich zum Gespräch mit Arbeitern, Veteranen oder diskriminierten Minderheiten.

Allein: In den Augen der Währungsexperten ist es noch zu früh, bereits eine definitive Bilanz von Yellens Amtszeit zu ziehen. Denn erst wenn das massive Konjunkturprogramm der Federal Reserve vollständig abgewickelt ist, wird sich zeigen, ob die amerikanische Volkswirtschaft (und die Finanzmärkte) auch ohne Krücken gehen kann. Kritiker sind der Meinung, dass diese Abwicklung viel zu langsam vonstatten gehe. Die Federal Reserve hätte den Fuss schon lange vom Gaspedal nehmen müssen, sagt zum Beispiel Martin Feldstein, ein konservativer Harvard-Ökonom. Das Risiko einer Blasenbildung an der Börse sei zu lange unterschätzt worden.

Ohne Starallüren

Vielleicht liegt das eigentliche Vermächtnis von Yellen aber nicht nur in der Währungspolitik, sondern auch in der Kommunikation. Während ihre Vorgänger Ben Bernanke und Alan Greenspan sich bisweilen schwer damit getan hatten, komplexe währungspolitische Zusammenhänge zu erklären, bemühte sich Yellen immer wieder, die notwendigen Signale an die Märkte auszusenden und auf die Erwartungen der Bevölkerung einzugehen. Weil sie dabei höchst unprätentiös auftrat und keine Starallüren hatte, wirkte sie in Washington bisweilen wie ein Fremdkörper.

Auch nach ihrem Rücktritt will Yellen allerdings in der Hauptstadt bleiben. Ihr Gatte habe einen Lehrauftrag an der Georgetown University, sagte sie während ihrer letzten Pressekonferenz, und der 77-Jährige wolle seinen Job weiter ausüben. Washington werde deshalb vorderhand ihr Stützpunkt bleiben. «Noch habe ich aber keine definitiven Pläne.»

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