In den Hangars des Ostschweizer Kleinflughafens arbeiten rund fünfzig Personen für die Altenrhein Aviation. Sie warten Jets der Marken Gulfstream, Em- braer oder Pilatus. Die Firma gehörte bisher dem Zentralschweizer Flugzeugbauer Pilatus. Wann sie genau verkauft wurde, ist unklar: Im Frühjahr 2016 kommunizierte Pilatus, Altenrhein Aviation sei «aus strategischen Gründen» per Anfang 2015 abgegeben worden. Die Mutation im Verwaltungsrat fand im Juni 2015 statt.

Neuer Eigentümer ist der israelische Unternehmer Aaron Frenkel. Entsprechende Recherchen bestätigt Thomas Schilliger, seit März Geschäftsführer: Die Altenrhein Aviation sei eine 100-Prozent-Tochter der Zuger ATC Ventures, die wiederum zur Loyd’s Aviation Group von Aaron Frenkel gehöre. So viel Transparenz ist ungewöhnlich. Denn Offenheit liegt Frenkel gewöhnlich nur, wenn es darum geht, ihn als Philanthropen zu zeigen. Sein weitverzweigtes Firmennetz macht er möglichst unsichtbar.

Frenkels Unternehmergeschichte, wie er sie der «Jerusalem Post» erzählt hat, beginnt mit einer Niederlage: Die Produktion und der Handel mit der Süssware Halwa, die er auch in Polen verkaufen wollte, scheiterte. Doch seine polnischen Kontakte waren für die Jewish Agency interessant, die in den 1980er-Jahren russische Juden über Warschau nach Israel holen wollte. Frenkel organisierte daraufhin die Flüge und wurde Teil der osteuropäischen Aviatik-Industrie. Insgesamt habe er bis zu einer Million osteuropäischer Juden nach Israel gebracht, erzählte Frenkel.

Die organisierte Emigration war stets auch ein politischer Akt unter geheimdienstlicher Aufsicht. Frenkel unterhält seither nicht nur beste Beziehungen zu israelischen Regierungskreisen, sondern ebenso zur polnischen Regierung, zumindest als diese durch den Sozialisten Aleksander Kwaśniewski geführt wurde. Und Frenkel steht in Gunst des Kremls. Aus den Händen von Präsident Vladimir Putin erhielt er Anfang Jahr einen «Friedensorden».

Der Aeroflot-Deal

Als Dealmaker vertrat Frenkel westliche Flugzeugbauer wie Boeing, Airbus, Gulfstream, aber auch Pilatus in Osteuropa. In einem wohlredigierten Wikipedia-Eintrag heisst es, Frenkel sei an Investitionen in Höhe von 35 Milliarden Dollar beteiligt gewesen. Recherchen zeigen, wie seine Firmen etwa 2014 an einem überraschenden Fliegerkauf der Aeroflot beteiligt waren.

Die russische Fluggesellschaft bestellte bei Airbus 22 Jets, was die Fachzeitschrift «Aeropers» als einen «in der aktuellen politischen Lage unerwarteten Auftrag» bezeichnete. Unbekannt seien die «zwecks Diskretion» zwischengeschalteten Firmen Global Aircraft Trading aus Singapur sowie die International Aviation Investment and Trading aus Dubai. Deren Websites lassen keinerlei Rückschlüsse auf die Eigentümer zu. Doch ihre gemeinsame IP-Adresse führt auf direktem Weg nach Polen zur Loyd’s Aviation Group (Polska) und damit zu Aaron Frenkel.

Die polnische Intervention

Aus Registern, wie sie über die Plattform DomainBigData abrufbar sind, lassen sich eine Reihe weiterer Loyd’sSatelliten erkennen, wobei die meisten Websites «under construction» sind. Eine aktive Website hat die Aerospace International Holding mit Sitz in Bratislava, die 2016 in Polen in die Schlagzeilen geriet.

Hintergrund war der beabsichtigte Kauf zweier Boeing-Jets durch die polnische Regierung. Dagegen protestierten formal drei unabhängige Firmen, die letztlich aber alle zur Loyd’s-Gruppe zu zählen sind. Neben der slowakischen Firma war es die Schweizer Altenrhein Aviation sowie die personell verflochtene Jet Business International Corporation. Schilliger sagt, die Altenrhein Aviation habe sich dagegen gewehrt, dass keine öffentliche Ausschreibung stattgefunden habe. Die polnische Regierung witterte eine konzertierte Aktion und schloss alle drei Firmen aus «staatlichen Sicherheitsgründen» vom Verfahren aus. Polnische Medien spekulierten über eine versteckte russische Einflussnahme. Schilliger dementiert: Bei der Altenrhein Aviation seien weder russische Interessen noch russische Eigner im Spiel.

Altenrhein taucht in Ungarn auf

Die Altenrhein Aviation tauchte in den vergangenen Wochen auch in den Schlagzeilen ungarischer Medien auf. Im Vorfeld der Wahlen wurde ein Minister der herrschenden Fidesz-Partei intransparenter Geschäfte mit einer Geschäftsfrau bezichtigt, die sich als «Shareholder» der Altenrhein Aviation ausgab. Dies bezeugen auch Kopien notariell beglaubigter Auszüge verschiedener Vereinbarungen, die dieser Zeitung vorliegen. Die erste Vereinbarung stammt vom Januar 2013, die letzte vom Oktober 2015. Darin gibt die angebliche Altenrhein-Aktionärin die Anweisung, es seien zweimal 25 Millionen Euro in bar bei der UBS in der Schweiz abzuheben und nach Ungarn zu bringen,

Die Altenrhein Aviation verwahrt sich, in diesem Zusammenhang überhaupt genannt zu werden. Sie schrieb in einer Stellungnahme, die genannten Personen seien ihr nicht bekannt. Zum fraglichen Zeitpunkt habe die Firma ohnehin den alten Aktionären, also den Pilatus Flugzeugwerken, gehört. Die ungarischen Medien, denen die neuen Besitzer nicht bekannt sind, nahmen die Pilatus-Spur auf und porträtierten Gratian Anda, Grossaktionär bei Pilatus und Spross der Industriellen-Familie Bührle, gross als mutmasslichen Hintermann. Da sein Vater, der Pianist Geza Anda, gebürtiger Ungare war, schien es eine logische Verbindung zu geben. Doch Anda erklärt auf Anfrage, er stehe nicht in irgendwelchem Kontakt zu den genannten Personen.

Wie immer die Altenrhein Aviation in die ungarischen Schlagzeilen geriet, so zeigt zumindest die polnische Geschichte, dass die Schweizer Firma nicht mehr mehr bloss ein Wartungsbetrieb für Flugjets ist, sondern zumindest auch Handelsinteressen vertritt.

Philanthrop mit Immobilien

Weniger verschwiegen als im Aviatik-Geschäft tritt Frenkel als Immobilienunternehmer auf. Das polnische Management ist dabei weitgehend identisch geblieben, die Immobilienfirmen Golden Star Estate und Golden Star Properties haben ihren Sitz allerdings in Amsterdam. Ende 2016 soll das Portfolio mit Anlagen in Polen, Deutschland und Israel einen Wert von 550 Millionen Euro gehabt haben. Das Prestigeprojekt ist der Lilium Tower, den das für Spektakuläres bekannte Büro Zaha Hadid für Warschau entworfen hat.

In jüngerer Zeit legt Frenkel, der in Monaco lebt, sein Augenmerk aber ohnehin auf seine philanthropischen Aktivitäten. Er ist Präsident der Limmud, der weltweiten Vereinigung russischsprachiger Juden. Er gründete im vergangenen September in Jerusalem das «Frenkel Emergency Medical Center». Im Februar wurde er schliesslich zum Vizepräsidenten des World Jewish Congress gewählt. In der Beschreibung würdigt ihn die Vereinigung nicht nur als grossen Förderer, sondern auch als High-Tech-Unternehmer.

Die israelische Zeitung «Haaretz» beschrieb bereits vor neun Jahren, wie Frenkel als Broker High-Tech-Deals für die Waffenschmiede Israel Aerospace Industries vermittelte. Gemäss dem französischen Magazin «Israel actualités» ist Frenkel zudem beim israelischen Unternehmen Uvision Air engagiert, das sich auf die Entwicklung von Kampfdrohnen spezialisiert hat. Das Vorzeigeprodukt «Hero 30» wird als Mikro-Kamikaze-Drohne angepriesen, die bei einem Gewicht von nur drei Kilogramm einen pfund-schweren Gefechtskopf ins Ziel zu tragen vermag.

Militärische Vergangenheit

Bei Altenrhein Aviation kann Frenkel an eine militärische Vergangenheit anknüpfen. Schliesslich reichen die Wurzeln des Schweizer Unternehmens bis ins Jahr 1926 zurück. Damals wurde für den deutschen Claude Dornier eine Sumpffläche trockengelegt, damit er dort jene militärisch nutzbaren Flieger bauen konnte, die zu bauen ihm nach dem Versailler-Friedensvertrag in Deutschland untersagt war. In den 1950er-Jahren sollte Dornier mit dem P-16 einen eigen Schweizer Militärjet entwerfen, was allerdings scheiterte. 2003 übernahm Pilatus die in Altenrhein verbliebene, entmilitarisierte Aircraft-Abteilung, um ihre Sparte Flugzeugunterhalt auszubauen. Frenkel hat dazu nun ein neues Kapitel eröffnet.