Brexit, Trump und Europas Populisten – seit Monaten hängt ein Schleier der Unsicherheit über Westeuropa. Und was macht die grösste Volkswirtschaft des alten Kontinents? Sie hört nicht auf zu wachsen. Um 0,6 Prozent legte das Bruttoinlandprodukt (BIP) Deutschlands im ersten Quartal des Jahres im Vergleich zum Vorjahr zu. Die deutsche Wirtschaft stehe so gut da wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr, heisst es in den Wirtschaftsblättern. Selbst die miesepetrigsten Ökonomen riss es zum Jahresbeginn von den Bürostühlen, denn ein Ende des Booms ist nicht in Sicht.

«Wie kommt’s?», fragt man sich – auch angesichts des in solchen Zeiten stets hervorgeholten Mantras: Unsicherheit sei Gift für die Wirtschaft. Laut den Ökonomen des Münchner ifo-Instituts liegt die Erklärung innerhalb und ausserhalb der deutschen Grenzen. Beginnen wir im Innern: Bei den Unternehmen aus der Industrie und dem Baugewerbe laufe es so gut, dass «die Einstellungsbereitschaft in diesen Branchen kontinuierlich zunimmt», schreiben die Münchner Wirtschaftsforscher. Heisst: Die Firmen stellen ein. «Auch der Handel sucht neue Mitarbeiter.» Auf dem Arbeitsmarkt sieht es insgesamt so gut aus wie lange nicht: Den gut 2,5 Millionen Arbeitslosen steht eine Rekordzahl von mehr als einer Million offener Stellen gegenüber. Viele Betriebe suchen händeringend nach Fachkräften.

Auch wenn der Zeitgeist eine diffuse Zukunftsangst gerade im Mittelstand nahelegt, haben viele Deutsche offenbar nicht besonders grosse Angst um ihren Arbeitsplatz – denn sie geben Geld aus. Die tiefen Zinsen tun ihr Übriges: Die Deutschen kaufen nicht nur mehr ein und kurbeln so die Binnennachfrage an. Viele erfüllen sich dank der günstigen Finanzierungsbedingungen gar ihren Traum vom Eigenheim, was wiederum der Baubranche guttut. Nicht zuletzt trägt der tiefe Ölpreis seinen Teil zum Konsumaufschwung in Deutschland bei.

Was Donald Trump nicht gefällt

Der Blick nach draussen verunsichert die deutschen Firmen weniger als gedacht. Das liegt auch an den jüngsten Entwicklungen in Europa: Was den Unternehmen insgesamt sehr zusagte, sei der Wahlausgang in Frankreich gewesen, heisst es bei der Deka-Bank – wenngleich der Sieg des Pro-Europäers Emmanuel Macron nicht alle Geister auf dem Kontinent vertreiben konnte. Die Unternehmen seien jedoch «allem Anschein nach gegenüber der politischen Unsicherheit robust geworden», schreiben die Analysten der Bank. Ferner stellen sie fest: «Noch nie gab es eine so grosse Lücke zwischen einer blendenden Unternehmerstimmung und zugleich wahrgenommenen politischen Risiken.»

Und dann ist da freilich noch jener Bereich, der US-Präsident Donald Trump zur Weissglut bringt: die vom schwachen Euro befeuerten starken deutschen Exporte. Die Wirtschaftsforscher vom ifo-Institut stellen bei ihrer Analyse des deutschen Aufschwungs den Export klar heraus. Dieser laufe nicht nur blendend, sondern bleibe auch auf hohem Niveau – und zwar überall: «Per saldo erwarten fast alle Branchen einen Anstieg ihrer Exporte.» Der grösste Optimismus zeige sich in der Bekleidungsindustrie. «Fast die Hälfte der Unternehmen geht von einem Zuwachs der Exporte aus.» Auch im Maschinenbau erwarten die deutschen Firmen laut den ifo-Ökonomen «deutlich mehr Aufträge aus dem Ausland». Der Index sei dort auf den höchsten Wert seit Februar 2011 gestiegen.

Weltweit zog die Konjunktur zuletzt an, was der starken deutschen Exportindustrie in die Karten spielte – und dem Land heftige Kritik einbrachte. Das Newsportal «Spiegel online» verbreitete die Nachricht per Eilmeldung: «The Germans are bad», soll US-Präsident Donald Trump bei einem Treffen mit der EU-Spitze über Deutschland gelästert haben. Die Bösen also, so übersetzte das News-portal empört, sind mal wieder die Deutschen. EU-Kommissions-Präsident Jean-Claude Juncker bestätigte später den Wortlaut, beschwichtigte aber zugleich, Trump meine nicht, die Deutschen «benehmen sich schlecht. Er hat gesagt, wir haben ein Problem.» Mit seiner Besänftigung signalisierte Juncker: Trump hat sich vielleicht im Wort vergriffen, der Kern seiner Aussage stösst in EU-Kreisen allerdings auf Zustimmung.

Viel Kritik am Überschuss

Am Pranger steht Deutschland schon seit Jahren wegen des gewaltigen Leistungsbilanzüberschusses, durch die Wahl von Donald Trump ist die deutsche Wirtschaftspolitik wieder etwas stärker in den Fokus gerückt. Trump und den meisten EU-Staats- und -Regierungschefs – auch dem neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron – ist die dominante Stellung der deutschen Wirtschaft ein Dorn im Auge.
Deutschland exportiert weit mehr Waren, als es importiert, im letzten Jahr kletterte der Überschuss auf einen Rekord von mehr als 260 Milliarden Euro. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU sehen im Exportweltmeister Deutschland eine Gefahr für die Stabilität auf dem Weltmarkt. Bisher lehnte es die Bundesregierung jedoch ab, Gegensteuer zu geben. Trump, aber auch Macron dürften den Druck auf Deutschland bald erhöhen.