Philomena Colatrella

Die CSS-Chefin spricht über Frauen an der Spitze – und Eigenverantwortung für die Gesundheit

CSS-Chefin Philomena Colatrella im Hauptsitz des Unternehmens an der Tribschenstrasse in Luzern.

CSS-Chefin Philomena Colatrella im Hauptsitz des Unternehmens an der Tribschenstrasse in Luzern.

Die Konzernchefin des grössten Grundversicherer des Landes findet die aktuelle Diskussion um Frauenförderung erfreulich. Im Interview äussert sie sich auch über die steigenden Gesundheitskosten, den Digitalisierungsschub – und die nächste Prämie.

Wir sitzen an einem marineblauen Konferenztisch, umrahmt von knallgelben Stühlen, als Philomena Colatrella das Sitzungszimmer betritt. Die leichte Verspätung ist ihr schnell verziehen, denn als das Gespräch beginnt, ist sie sofort da. Sie rede gerne, sagt die Konzernchefin des grössten Grundversicherers des Landes von sich.

Bei Ihrem Start bei der CSS vor vier Jahren wollten Sie das Unternehmen beweglicher machen. Corona war jetzt der Härtetest. War die CSS gerüstet?

Philomena Colatrella: Die CSS war gut gerüstet war – technisch und mental. Es ist uns innerhalb von wenigen Tagen gelungen, dass 90 Prozent der Belegschaft von zu Hause aus arbeiten konnten und wir hundertprozentig für unsere Kunden da waren. Für mich war das eine wichtige Erfahrung. Schon vor Corona hatte ich viele Diskussionen über Homeoffice geführt. Jetzt haben wir in gewissen Bereichen wie der Leistungsprüfung, wo sich die Produktivität ziemlich genau messen lässt, gesehen, dass es gut funktioniert. Diese Erkenntnisse aus der Coronazeit versuchen wir im Alltag zu verankern.

Wegen Corona sind zahlreiche Eingriffe weggefallen. Bleiben die Leistungskosten bis Ende Jahr tiefer als sonst und sinken dadurch die Prämien für das nächste Jahr?

Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen. Für coronabedingte Leistungskosten wie Tests und Spitalaufenthalte haben wir über zehn Millionen Franken ausgegeben. Gleichzeitig wurden die elektiven Eingriffe während eines Monats gestoppt. Und es gab eine allgemeine Zurückhaltung bei den Versicherten, zum Arzt zu gehen. Über ein paar Wochen hinweg fielen also weniger Kosten an. Wir sehen jetzt aber auch, dass es Nachholeffekte gibt und das Leistungsniveau wieder gleich hoch ist wie vor Ausbruch der Pandemie. Gleichzeitig befinden wir uns in einer schwelenden zweiten Welle. Wie sich all das im zweiten Halbjahr auf die Kosten auswirken wird, wissen wir nicht genau. Wir haben deshalb den ordentlichen Prämienprozess durchgeführt – und wir setzen alles daran, im Herbst eine gute Prämie anbieten zu können. Allfällige coronabedingte Mehrkosten dieses Jahres fangen wir über die Reserven auf.

Wie war die Zahlungsmoral der Versicherten während der Krise?

Es gab einen leichten Abschwung, aber im Grossen und Ganzen war die Zahlungsmoral gut. Und wo sie nicht gut war, haben wir Lösungen gesucht. Zum Beispiel haben wir Ratenzahlungen ermöglicht.

Die grosse Sorge ist ja, dass die Prämien vor allem 2022 stark ansteigen könnten, weil viele Leistungen nächstes Jahr nachgeholt werden.

Prognosen sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös. Wir sehen wie gesagt bereits jetzt Nachholeffekte, aber bis zum Ende des Jahres kann noch viel passieren. Und: Wir wissen nicht, wie hoch der Nachholeffekt tatsächlich ausfallen wird. Unabhängig davon ist es unser Ziel, die Prämienlast über die Jahre zu glätten. Wir möchten keine Sprünge und keine Volatilität, sondern eine stabile Prämie. Das ist uns in den letzten Jahren gelungen. Wir gehen mit den Prämiengeldern möglichst haushälterisch um. Selbstverständlich gibt es auf der anderen Seite den medizinischen Fortschritt und neue Medikamente, die dazu führen, dass die Gesundheitskosten stetig steigen. Gesunken sind sie schliesslich noch nie. In den letzten zehn Jahren lag der Anstieg zwischen 3,5 und 5 Prozent pro Jahr.

Welche Schwächen des Schweizer Gesundheitssystems hat die Coronakrise zum Vorschein gebracht?

Gerade während der Coronakrise wäre das elektronische Patientendossier extrem hilfreich gewesen. Ärzte könnten die Vorerkrankungen einer Person so auf einen Blick sehen. Für die Behandlung ist das entscheidend – nicht nur bei Coronapatienten. Die Versicherer haben keinen Zugriff auf diese Daten. Dänemark hat bereits ein solches Informationssystem und ist der Schweiz um sechs bis zehn Jahre voraus. Die Schweiz tut sich mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen sehr schwer. Die Angst vor der Datennutzung ist gross. Versicherte können sich nicht vorstellen, was mit ihren Daten passiert und fürchten um deren Sicherheit. Datenschutz und breite Aufklärungsarbeit sind im digitalen Zeitalter besonders wichtig. Genauso wichtig ist aber, dass Versicherte autonom auf ihre Daten zugreifen können und zum Beispiel alte Röntgenbilder wiederfinden.

Was kann die Schweiz von Dänemark punkto Datenschutz lernen?

Damit Vertrauen entstehen kann, braucht es Transparenz und Aufklärung über die Datennutzung. Wer hat Zugang? Zu welchen Daten? Und wie funktioniert der Zugang? Diese Fragen müssen geklärt sein. Das macht Dänemark sehr gut. Auch in der Schweiz ist der Datenschutz vorbildlich. Das elektronische Patientendossier wäre ausserdem freiwillig. Keine Patientin, kein Patient wird gezwungen, ein solches zu erstellen. Aber auch die ambulant tätigen Ärzte müssen nicht mitmachen. Das ist ein grosser Hemmschuh für die Verbreitung des elektronischen Patientendossiers.

Lange gedauert hat es auch, bis sich Ärzte und Krankenkassen auf eine neue Tarifstruktur einigen konnten. Mit Tardoc ist eine solche nun endlich gelungen, nur noch der Bundesrat muss zustimmen. Sind Sie mit dem Resultat zufrieden?

Ich bin sehr zufrieden. Tardoc ist ein gelungener Kompromiss zwischen den verschiedenen Interessengruppen. Letztlich sorgt er für mehr Transparenz im System: Die Tarifstruktur ist übersichtlicher, die Patienten können ihre Rechnungen besser nachvollziehen, zudem wird die Hausarztmedizin gestärkt. Es war aber viel Verhandlungsgeschick und Beharrlichkeit nötig, um das Bestmögliche für die Versicherten herauszuholen. Geholfen hat sicherlich auch, dass allen Akteuren am Verhandlungstisch bewusst war, dass nun endlich eine Reform kommen muss. Jetzt hoffen wir, dass sich der Bundesrat trotz Corona intensiv damit befasst und den Tarif genehmigt.

Vor einer Weile haben Sie für mehr Eigenverantwortung der Versicherten plädiert und damit eine Kontroverse ausgelöst. Was heisst für Sie mehr Eigenverantwortung?

In den letzten Monaten hat sich deutlich gezeigt, dass die Versicherten gewillt sind, neue Wege der Information und Behandlung zu beschreiten, ehe sie zum Arzt gehen. Eigenverantwortung bedeutet in diesem Zusammenhang auch, sich mit dem eigenen Wohlbefinden aktiv auseinanderzusetzen. Man informiert sich und nutzt vermehrt digitale Tools und Ratgeber. Unsere App MyGuide zum Beispiel, die einen Symptomcheck anbietet, wurde während der Pandemie doppelt so viel genutzt. Dieser Trend unterstützt letztlich auch einen umsichtigen Umgang mit unserem auf Solidarität basierenden Gesundheitssystem. Der Zugang zu einer umfassenden medizinischen Versorgung wird dadurch in keiner Weise tangiert.

Gleichzeitig haben Sie gesagt, dass Versicherer nicht erst im Krankheitsfall eine Rolle spielen sollten. Das scheint dem Bild der Eigenverantwortung zu widersprechen.

Im Gegenteil. Wir liefern Informationen und digitale Tools und helfen den Versicherten so, die Eigenverantwortung für ihre Gesundheit wahrzunehmen. Wir sehen uns in einer unterstützenden Rolle und drängen uns nicht auf. Die Angebote sind immer freiwillig. Die Kombination von digitaler und analoger Medizin ist aus meiner Sicht die Zukunft. Und sie ist auch Teil unserer Strategie. Wir wollen Angebote wie die App MyGuide, die in enger Zusammenarbeit mit Ärzten entstanden ist, vorantreiben.

Eine Befürchtung von Versicherten ist, dass die Präventionsbemühungen der Krankenkassen immer tiefer in den Alltag greifen. Was sagen Sie diesen Stimmen, die in letzter Zeit lauter geworden sind?

Ich sehe Prävention als eine der Kernaufgaben von Krankenversicherern.

Ist sie das tatsächlich?

Ja, in zunehmendem Masse. Natürlich ist dies noch nicht so ausgeprägt wie bei Unfallversicherern, die den Präventionsauftrag gesetzlich wahrnehmen müssen. Im Krankenversicherungsgesetz ist jedoch von Gesundheitsförderung die Rede. Ich finde, dass Krankenversicherer in diesem Bereich bisher eher wenig gemacht haben. Wir müssen den Versicherten Angebote zur Verfügung stellen, die zeigen, wie man ein gesundes Leben führen kann oder wie man Krankheiten in den Griff bekommt. Es geht nicht darum, ein Diktat aufzustellen. Es gibt schliesslich auch keinen Prämienzuschlag, wenn man die Angebote nicht nutzt. Sie sind freiwillig.

Die Befürchtung einiger Versicherter ist nun aber, dass solche Angebote dereinst nicht mehr freiwillig sind, sondern direkt an die Prämie gekoppelt werden. Vergünstigungen für Fitnessabos sind etwa ein mögliches Indiz für derartige Entwicklungen.

Zuschüsse an Fitnessabos sind keine neue Entwicklung. Relativ neu sind digitale Anwendungen, die im Grunde nach dem gleichen Prinzip funktionieren: Gesundheitsbewusstes Verhalten wird belohnt. Anreize zu setzen für jene, die bereit sind, etwas für ihre Gesundheit zu tun, ist nachvollziehbar und inzwischen breit akzeptiert. Wir haben jedenfalls so gut wie keine negativen Reaktionen deswegen. Zudem setzen wir diese Anreize im Bereich der freiwillig abgeschlossenen Zusatzversicherung. Das Solidaritätsprinzip in der Grundversicherung ist nicht tangiert.

Ein Dauerthema sind auch die steigenden Gesundheitskosten. Um diese in den Griff zu bekommen, plädieren Sie für ein Kostenziel von 2 bis 2,5 Prozent. Könnten Sie dies erläutern?

Ein Kostenziel ist kein Globalbudget. Es geht nicht darum, notwendige Leistungen einzuschränken. Eliminiert werden soll Überversorgung. Wir verstehen Kostenziele als Kompass zur Kostenkontrolle, an dem sich die Akteure im Gesundheitswesen orientieren – ohne Obergrenze und Zwang. Es werden die gesamten Kosten in der Grundversicherung eines Jahres berücksichtigt, einschliesslich diverser Parameter wie der Teuerung, des medizinischen Fortschritts und der demografischen Entwicklung. Das machen wir bei der Prämienberechnung ja auch: Wir blicken zurück und machen auf der Basis von Erfahrungswerten eine Prognose.

Im Gegensatz zum Globalbudget sieht der Kostenziel-Ansatz aber keine disziplinarischen Massnahmen vor, sofern das definierte Ziel überschossen wird. Wieso sollten sich die Leistungserbringer daran halten?

Weil sich die Leistungserbringer in einem Wettbewerb befinden, werden sie auf natürliche Weise verpflichtet sein, das Kostenziel einzuhalten. Denn sobald sie das Ziel überschiessen, werden sie sich öffentlich rechtfertigen müssen. Das erzeugt Druck und führt letztlich zu einem höheren Kostenbewusstsein aller Akteure im Gesundheitswesen.

Wäre eine Obergrenze nicht zielführender, statt auf Freiwilligkeit zu setzen?

Es geht darum, das Kostenbewusstsein zu schärfen, ohne dabei Einbussen bei der Qualität von Behandlungen hinnehmen zu müssen. Mit Qualität ist hier gemeint, dass alle Patienten die Behandlung erhalten, die sie benötigen, und dass vor allem keine unnötigen Behandlungen durchgeführt werden. Je effizienter das System ist, desto weniger unnötige Kosten entstehen. Dieses Ziel erreichen wir meiner Meinung nach, wenn wir den Akteuren eine Zielgrösse geben, statt sie mit einer Rationierung zu disziplinieren.

Was tut die CSS, um die eigenen Kosten zu senken?

Eines meiner grössten Anliegen ist es, unsere Verwaltungskosten, die rund vier Prozent der Prämien ausmachen, möglichst tief zu halten. Diese sind im Schnitt ein Prozent tiefer als bei unseren Konkurrenten. Bei Milliardenbeträgen sind das massive Einsparungen, die wir letztlich über moderate Prämien an die Versicherten weitergeben können. Bei einer Familie mit zwei Kindern kann das mehrere hundert Franken im Jahr ausmachen.

Was hat die CSS der Konkurrenz in dieser Hinsicht voraus?

Unser Automatisierungsgrad in der Rechnungsprüfung beträgt über 80 Prozent. Vor drei Jahren lag dieser noch bei 65 Prozent. Dieser Fortschritt hat uns gerade in der aktuellen Krise extrem geholfen. Denn so konnten wir die eingehenden Rechnungen genauso schnell bearbeiten wie vor Corona. Es gingen weniger Rechnungen als sonst ein; beispielsweise fehlen uns noch fast sämtliche Rechnungen aus dem Kanton Tessin. Doch wir sind zuversichtlich, dass wir auch diese ohne Verzögerungen bearbeiten können.

Immer wieder stehen auch die hohen Löhne der Krankenkassenchefs in der Kritik. Sie waren letztes Jahr auf Platz vier. Sollten Krankenkassen die Löhne begrenzen?

Wir sollten die angesprochenen Reformen vorantreiben. Diese zielen auf Fehlanreize im Gesundheitswesen, die Kosten in Milliardenhöhe verursachen.

Frauen an der Spitze von Unternehmen sind immer noch selten. Was halten Sie von der aktuellen Diskussion um Frauenförderung und Frauenquoten?

Ich finde es ganz erfreulich, dass Bewegung in die Sache kommt. Es gibt viele gute Ansätze, aber in der Geschäftsrealität zeigt sich, dass das Thema noch nicht überall angekommen ist. Quoten sind aber kein Allerheilmittel. Wir sollten das Augenmerk darauf richten, wie sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Personalpolitik in den Firmen ändern müssen.

Wo sehen Sie die CSS auf diesem Weg? Auf dem Papier scheint man noch nicht sehr weit: In der siebenköpfigen Geschäftsleitung markieren Sie als Vorsitzende die einzige Frau, und im siebenköpfigen Verwaltungsrat sitzen gerade mal zwei Frauen.

Im Gesamtunternehmen beträgt der Frauenanteil rund 60 Prozent, aber auf Kaderstufe sind wir noch nicht dort, wo wir sein wollen. Ich setzte mich unternehmensintern für mein Geschlecht ein, beispielsweise über Coachingprogramme und unser Frauennetzwerk, das ich noch vor meiner Zeit als CEO mitgegründet habe. Die CSS hat Frauenförderung als wichtigen Pfeiler der Personalpolitik definiert. Sie muss auf den unteren Kaderstufen beginnen und sich konsequent nach oben fortsetzen. Frauenförderung in einer Geschäftsleitung oder einem Verwaltungsrat isoliert anzugehen, funktioniert nicht. Ich bin ständig auf der Suche nach Talenten. Daher mein Appell an die Frauen, sich nicht nur Raum für die eigenen Anliegen zu schaffen, sondern auch die Chancen, die sich bieten, wirklich zu ergreifen.

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