Abstimmungseffekt
Die britische Wirtschaft brummt weiter – trotz Brexit

Die Briten grillen und shoppen, von der prophezeiten Depression nach dem EU-Referendum ist keine Spur. Im Juli sind die Verkäufe gar gestiegen.

Fabian Hock
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Der Entscheid der Mehrheit der Briten vom 23. Juni, die EU zu verlassen, hat bisher nicht die befürchteten negativen Effekte gezeitigt. Eingekauft etwa wird weiterhin fleissig.REuters

Der Entscheid der Mehrheit der Briten vom 23. Juni, die EU zu verlassen, hat bisher nicht die befürchteten negativen Effekte gezeitigt. Eingekauft etwa wird weiterhin fleissig.REuters

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Wenn sich die Sonne gegen die stets besonders dicken Wolken über den Britischen Inseln durchsetzt und es warm wird in England, Schottland, Nordirland und Wales, dann packt der Brite den Grill aus und macht Barbecue. Brexit hin, Brexit her.

Das macht er selbst in diesen Zeiten offenbar so ausgiebig, dass der Einzelhandel statt des erwarteten Einbruchs in Folge des Referendums Gewinne verzeichnen kann: Um 1,1 Prozent stiegen laut British Retail Consortium (BRC), dem Verband britischer Einzelhändler, die Verkäufe im Juli. Besonders viel Essen, Trinken und Sommer-Outfit seien verkauft worden. Die so oft beschriebene Verunsicherung um den Brexit wird – so es sie denn überhaupt gibt – einfach weggrilliert.

Haushälterische Vorsicht wegen ungewisser Zukunft hat sich jedenfalls nicht breitgemacht: Die Zutaten zum Barbecue scheinen die Briten per Kreditkarte gekauft zu haben: Der Kreditkartenanbieter Visa meldete am Montag – ebenfalls unerwartet–, dass die Ausgaben der Konsumenten im Juli saisonbereinigt um 1,1 Prozent angestiegen seien.

Ein klarer Trend sei hier zwar noch nicht zu sehen, betonte Visa. Dennoch sind die Zahlen bemerkenswert. Denn welcher Teufel wurde nicht bereits an die Wand gemalt? «Briten googeln Auswandern – Steigerung um 300 Prozent», konnte man den Medien entnehmen. Irische Pässe hätten sich sowieso schon längst viele besorgt. Runter von der Insel, rette sich, wer kann. Von wegen.

Bankenjobs wandern ab

Das gilt sogar für die Banker. Oder besser: vor allem für die Banker. Dabei ranken sich um sie die hartnäckigsten Gerüchte. Von bis zu 100 000 Jobs ist die Rede, die von der Londoner City auf das europäische Festland verlagert werden könnten. Londons Banker fliehen nach Frankfurt, vielleicht kriegt Zürich auch was ab.

Dabei gab es sie schon vor dem Brexit, die Gelassenheit: Bhupal Adhikari fürchtete sich kein bisschen. Zumindest nicht, was seine Branche angeht. Der Banker, mit dem die «Nordwestschweiz» unmittelbar vor der Abstimmung in London sprach, ging bereits damals davon aus, dass sich sein Land gegen seinen persönlichen Willen aus der EU verabschiedet. Die Finanzbranche, sagte er damals, werde mit einer kleinen Delle davonkommen. Sorgen machte er sich allenfalls um den Rest der Wirtschaft. Diesen werde es weit härter treffen.

Nüchtern betrachtet, wird die britische Wirtschaft auf längere Sicht unter dem Brexit leiden. Das bezweifeln die wenigsten. Auch Jobs in den Banken werden abwandern. Doch müssen es gleich hunderttausend sein, wie ein Analyst der britischen Jefferies Group der Nachrichtenagentur Bloomberg sagte? Die UBS zum Beispiel glaubt das nicht. Thomas Wels, Chef der Immobiliensparte der Bank, geht eher von 25 000 Jobs aus, wie er derselben Agentur sagte. Und die seien nicht einmal das grösste Problem, das der Londoner Immobiliensektor derzeit habe.

Denn lange vor der Brexit-Abstimmung, wird Wels weiter zitiert, sei in der Londoner City ein Überangebot an Büroraum aufgebaut worden. Während der Phase steigender Mieten, welche etwa bis März gedauert habe, hätten die Baufirmen Profite machen wollen – und dabei mehr Raum geschaffen, als gebraucht wird.

Dieser käme in den Jahren 2017 und 2018 auf den Markt. Die Immobilienpreise könnte diese Überkapazität gehörig durcheinanderwirbeln, warnt die UBS, denn bislang sei sie nicht in den Mieten eingepreist. Die von den Brexit-geplagten Firmen abgezogenen Mitarbeiter – wie viele es auch am Ende sein mögen – verschärfen diese Situation. Doch auch hier: Ob es zu einem Einbruch am Markt für Geschäftsimmobilien kommen wird, muss sich noch weisen.

Industrie ist besorgt

Nachweisbar verunsichert ist indes das verarbeitende Gewerbe. Laut dem Forschungsinstitut Markit kam die Industrieproduktion im Juli gehörig ins Stocken. Premierministerin Theresa May hat deswegen bereits neue Impulse seitens der Politik angekündigt.

Unmittelbar vor der Abstimmung hatte die beschworene Unsicherheit jedoch offenbar keine negative Wirkung auf das Gewerbe. Im Gegenteil: Dieses habe in den Monaten vor dem Referendum die Produktion massiv hochgefahren, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters mit Verweis auf Zahlen des Nationalen Statistikamts.

Um 2,1 Prozent sei der Ausstoss von April bis Juni gegenüber dem Vorquartal gesteigert worden – der grösste Zuwachs seit 1999. «Die Unsicherheit vor dem Referendum hat sich anscheinend kaum auf die Produktion ausgewirkt», wird der Chefökonom des Amtes zitiert.

So richtig unsicher sind zwar Wetten auf das britische Pfund. Anfang der Woche ist es zum zweiten Mal seit dem Brexit-Votum unter die Marke von 1.30 Dollar gefallen. Doch das senkt die Unsicherheit in der Tourismusbranche. Diese freut sich nämlich über mehr ausländische Flugbuchungen. Und auch die eigenen Leute machen Ferien daheim.

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