Anlagemärkte

Die Börse in Schanghai schockt die Welt: Anlegen nach dem China-Crash

Aufatmen: Die Börse in Schanghai schloss am Freitag mit einem Plus von zwei Prozent. Zwar geht die Erholung geht weiter, aber nicht ohne Rückschläge. Diese bieten auch Chancen.

Die Welt atmet auf: Die Börse in Schanghai schloss am Freitag mit einem Plus von zwei Prozent. Dennoch verlor der chinesische Aktienmarkt in der letzten Woche über zehn Prozent. Die Erinnerungen an den Crash im Sommer sind noch frisch. Die jüngsten Korrekturen sind zwar halb so drastisch. Dennoch beschworen sie die Sorgen über eine Abschwächung des Wachstums in China wieder herauf und schickten die Börsen in aller Welt auf Talfahrt. China sorgte jahrelang mit Raten von jährlich mindestens 7 Prozent für einen guten Teil des globalen Wachstums. Nun verliert die Lokomotive der Weltwirtschaft an Zugkraft.

Nach den schlechten Konjunkturdaten im Dezember wird mit einem Jahreswachstum von 6,5 Prozent gerechnet; vielleicht sind es gar nur 6 Prozent. Der Wandel vom Exportwunder zu einer «normaleren», am Binnenkonsum orientierten Wirtschaft bringt ein langsameres Wachstum mit sich. Der Rest der Welt muss erst noch lernen, damit umzugehen. Die Turbulenzen an den Börsen sind Ausdruck dieses schmerzhaften Anpassungsprozesses.

Zeit für Analyse

Analysten der Geldhäuser beeilten sich, um aus den Turbulenzen an den Märkten Anlagestrategien für die Zukunft abzuleiten. Wie haben nachgefragt, was Experten empfehlen.

Für den Anleihenmanager Bantleon lösten technische Faktoren die jüngsten Verwerfungen aus: Chinesische Investoren hatten eine Verkaufswelle durch das Auslaufen des Verkaufsverbots für Grossanleger erwartet und wollten ihr zuvorkommen, indem sie ihre eigenen Aktien auf den Markt warfen. Am positiven Konjunkturbild habe sich nichts verändert, sagt Chefökonom Harald Preissler. Er geht davon aus, dass sich die Lage in China beruhigt und die Konjunktur im ersten Halbjahr gar besser läuft als erwartet.

Anja Hochberg, Chief Investment Officer Europe & Switzerland bei Credit Suisse (CS), sieht das ähnlich: In einem Umfeld saisonal bedingt schwacher Liquidität – wo also ein Verkäufer nicht immer zum gewünschten Preis einen Käufer findet – habe die ursprünglich angekündigte Aufhebung von Verkaufsbeschränkungen für Verunsicherung gesorgt. Dieses lokale Ereignis habe sich vor dem Hintergrund eher schwacher Konjunkturdaten in den USA und der eingeschränkten Liquidität auf die globalen Märkte übertragen. Mittlerweile habe die chinesische Regierung diese Beschränkungen verlängert, um den Markt zu stabilisieren. Die Erholung in den USA schreite zudem voran. Daher hält die Ökonomin das in den Aktienmärkten eingepreiste Konjunkturbild zu pessimistisch. Sie geht davon aus, dass bis Mitte Januar eine Verbesserung der Liquiditätssituation eintritt.

Credit Suisse erachtet das globale Wachstum als ausreichend, um das moderate Wachstum der Gewinne zu stützen. Regional bevorzugt die Grossbank weiter Aktien in der Schweiz, der Eurozone und aus Australien. Den Kunden empfiehlt sie, die bereits gekauften Aktien nicht zu verkaufen, da in den nächsten Monaten wieder mit höheren Kursständen zu rechnen sei. Gleichwohl könnte das Ende der aktuellen Korrektur noch nicht erreicht sein. Für eine Erhöhung der Aktienquote sei es daher zu früh. Die Grossbank empfiehlt Titel von im Gesundheits-, dem IT- und dem Telecom-Sektor tätigen Firmen.

Rezessionsfurcht, sinkende Ölpreise, China-Ängste, die geopolitischen Entwicklungen und die Befürchtung, die Zinserhöhung der US-Notenbank im Dezember seien ein Fehler gewesen, seien für den Fehlstart der Börsen verantwortlich, erklärt der Vermögensverwalter Aquila. Eine Rezession in der Weltwirtschaft drohe deswegen aber nicht. Die Reaktionen der Märkte seien übertrieben. Die Notenbanken würden sich auch in diesem Jahr als Stütze risikoreicher Anlagen erweisen. Dazu gehören etwa Aktien oder Unternehmensanleihen.

Einen Vorbehalt bei Unternehmensanleihen macht indes Saxo Bank. Das Risiko eines globalen Zusammenbruchs bei Unternehmensanleihen sei zwar nicht hoch, sagt Simon Fasdal, Leiter des Obligationengeschäfts: «Sollten die US-Zinsen aber aggressiver steigen als erwartet, könnte eine Ausverkaufswelle bei Unternehmensanleihen folgen.»

Staatsanleihen zu teuer

Die Schwyzer Kantonalbank (SZKB) erwartet von der US-Notenbank zwei Zinserhöhungen und in der Eurozone die Beibehaltung des aktuellen, expansiven geldpolitischen Kurses. In der Schweiz gälten die Negativzinsen noch das ganze Jahr. In diesem Umfeld seien weiterhin Unternehmens- und Wandelanleihen zu bevorzugen, da sie mehr rentieren und das Portfolio diversifizieren. Staatsanleihen blieben wenig attraktiv. Vor allem als sicher geltende Staaten konnten ihre Schulden in der Krise zu horrenden Preisen an den Mann bringen. Das Verlustrisiko bei einem Zinsanstieg ist daher gross.

Sowohl vom lauen Weltwirtschaftswachstum als auch von den Unternehmensgewinnen seien wenig Impulse zu erhoffen. Die Erwartungen an die Gewinne seien ohnehin schon hoch, damit steige auch das Risiko von Enttäuschungen. Die Geldpolitik liefere unter dem Strich ebenfalls kaum Rückenwind, weil der zunehmend restriktiven US-Notenbank expansive Zentralbanken wie die europäische oder die japanische gegenüberstehen. Mit einer überdurchschnittlichen Entwicklung sei daher in der Eurozone zu rechnen, weil die Geldpolitik dort sehr expansiv bleiben werde und der schwache Euro den Exporteuren helfe. Die Märkte in den meisten Schwellenländern würden durch das langsamere Wachstum in China und die tiefen Rohstoffpreise belastet.

Dass immer wieder mit Turbulenzen gerechnet werden muss, zeigte der Schlussstand der Zürcher Börse am Freitag: Nach der Erholung am Morgen drehte der Index der grössten, kotierten Schweizer Unternehmen (SMI) ins Minus und ging mit einem Verlust von 2,28 Prozent aus dem Handel. Doch Rückschläge können auch Einstiegsmöglichkeiten sein. Aquila etwa ist wegen des übertriebenen Pessimismus in den Startlöchern, um bei einem weiteren Rückgang der Börsen um rund fünf Prozent Aktien nachzukaufen.

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